Die Situation in Rostock-Lichtenhagen vor der Zuspitzung: Die Halbstarken treffen auf die Polizei.
+
Die Situation in Rostock-Lichtenhagen vor der Zuspitzung: Die Halbstarken treffen auf die Polizei.

Film Rostock-Lichtenhagen

Der erste Sex vor dem Pogrom

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

„Wir sind jung. Wir sind stark“, der Film von Burhan Qurbani, sucht nach einfachen Erklärungen für den Anschlag von Rostock-Lichtenhagen.

Im Jahr 2012, zwanzig Jahre nach den bis dahin schwersten ausländerfeindlichen Ausschreitungen der Nachkriegsgeschichte, bekam Rostock-Lichtenhagen endlich auch ein Mahnmal. Ausgerechnet mit einer deutschen Eiche vor den einst von Vietnamesen bewohnten Plattenbauten wollte man an den Terror erinnern, der dort drei Tage und Nächte lang gewütet hatte: Rechtsradikale Jugendliche hatten schließlich unter dem Jubel eines 3000-köpfigen Mobs Brandbomben geworfen. Nach einer Woche war die so genannte „Friedenseiche“ allerdings selbst schon wieder Geschichte: Abgesägt von einer Gruppe, die sie im Internet als Symbol für „Deutschtümelei und Militarismus“ verurteilte. Was blieb, war ein Stumpf, der nun an zweierlei erinnerte: An den brandschatzenden Pöbel und die Schwierigkeit der Denkmalsetzung.

Nun hat es der Berliner Filmemacher Burhan Qurbani noch einmal versucht. Sein von den Ereignissen inspirierter Spielfilm „Wir sind jung. Wir sind stark“ versteht sich durchaus als Mahnmal. „Mein Film möchte erinnern. Nicht anklagen, nicht denunzieren, sondern dieses Ereignis, welches eine der größten zivilen Katastrophen der deutschen Nachkriegszeit war, vor dem Vergessen schützen“, formuliert der Filmemacher in einer Presseerklärung.

Diese Absicht ist mehr als willkommen. Einigen wenigen jüngeren deutschen Filmen gebührt tatsächlich das Verdienst, mit den Mitteln der Kunst Erinnerungsarbeit zu leisten: Christian Petzolds Holocaust-Film „Phoenix“ ist ein positives Beispiel. Viel häufiger allerdings vergeben derartige Filme die Chance zur Verstörung, indem sie leichtfertige Erklärungen anbieten. So versuchte zuletzt das Filmdrama „Kriegerin“ das Abgleiten von Jugendlichen in den Rechtsextremismus mit dem Genre-Repertoire des Coming-of-Age-Films zu erklären: Mit einer attraktiven Nazibraut, deren Herz gleichwohl für einen Flüchtling schlug, suchte Regisseur David Wnendt nach Identifikation im Schrecken. Und stellte nebenbei die linke Antifa-Szene mit den Rechten auf eine Stufe.

Eifer der Agitation

Qurbani reicht eine kleine Szene, um im DDR-Kommunismus eine Wurzel des Neo-Faschismus zu sehen, wenn die rechten Gewalttäter im Eifer der Selbst-Agitation auch einmal die „Internationale“ anstimmen.

Nach den Konventionen des Katastrophenfilms folgt Burhan Qurbani fiktiven Figuren durch einen Tag, der in der Nacht vom 24. auf den 25. August kulminiert. Zu den Hauptfiguren zählt eine Clique von Jugendlichen, die es aus Langeweile oder Aufbegehren gegen die Eltern in den Rechtsradikalismus treibt. Einer von ihnen hat vor dem Pogrom gerade noch Zeit für den ersten Sex. Weitere Protagonisten sind eine vietnamesische Flüchtlingsfamilie und Devid Striesow als überforderter Lokalpolitiker, der sich erst einmal ins heimische Wohnzimmer flüchtet, bevor er sich mit „Keine Gewalt“-Rufen hilflos unter den Lynchmob mischt. Nur die knapp den Anschlägen entkommenen, aber von den Gewalttätern ursprünglich ins Visier genommenen Sinti und Roma finden keine Repräsentation im Ensemble.

Qurbani inszeniert den Großteil des Films in Schwarzweiß, erst mit der dramatischen Zuspitzung tritt die Farbe hinzu – inhaltlich motiviert durch die Live-Berichterstattung im Fernsehen. Doch dieser Versuch einer Formgebung wirkt wie ein Ästhetizismus ohne künstlerische Rückendeckung.

„Wir sind jung. Wir sind stark“ bleibt beim Naturalismus des Eventfilms. Die Erklärungen im Allgemein-Menschlichen, die der Film anbietet – sei es der Neid einer Wäschereiangestellten gegenüber ihrer vietnamesischen Kollegin, sei es pubertäres Aufbegehren oder schlicht die bloße Langeweile – scheinen aus reiner Angst vor der Leere geboren: Jener Leere, die nach fast jeder Gewalttat Ausdruck in der rhetorischen „Warum“-Frage auf anonymen Pappschildchen findet. Vielleicht sind sie doch die besseren Mahnmale. Gerade weil sie die einfachen Antworten schuldig bleiben.

Wir sind jung. Wir sind stark. D 2014. Regie: Burhan Qurbani. 102 Minuten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare