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"Fantasia ?e Surdato".

Elvira Notari

Die erste Neorealistin

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Die Frankfurter Kinothek Asta Nielsen feiert die italienische Stummfilmpionierin Elvira Notari in einer imposanten Werkschau.

Ungerechterweise ist das Filmemachen ruhmreicher als das Filmezeigen. Dabei verlangt letzteres kaum weniger Kreativität als ersteres. Die Frankfurter Kinothek Asta Nielsen ist für ihre Kunst des Filmezeigens in diesem Jahr mit dem 50 000 Euro schweren Binding-Kulturpreis ausgezeichnet worden. Von Donnerstag bis Sonntag kann man wieder einmal erleben, warum das so ist.

Die von Heide Schlüpmann und Karola Gramann mitbegründete cinephile Gruppe denkt vergangenes und gegenwärtiges Kino in einem – was alles andere als ein Allgemeinplatz ist. Denn es ist eine Sache, die Filmgeschichte gut genug zu kennen, um Entdeckungen zu machen und zu teilen. Eine andere ist es, ein Publikum dafür zu finden. Wirklich lebendig wird das Filmerbe erst, wenn alles zusammenkommt: Kunstvolle Musikbegleitung, klirrende Aufmerksamkeit unter Liebhabern und idealerweise wunderbare Zelluloid-Kopien.

Von Donnerstag bis Sonntag zeigt die Kinothek im Pupille-Kino in der Universität Werke der ersten Regisseurin des italienischen Films, Elvira Notari. Nur wenige ihrer zwischen 1912 und 1930 gedrehten, rund sechzig Spiel- und hundert Dokumentarfilme sind erhalten. Doch die wenigen, die es gibt, stehen gleichsam neben der Zeit. Gedreht an den oft spektakulären Originalschauplätzen Neapels, wo Elvira Notaris Produktionsfirma „Dora“ ansässig war, weist die Arbeit mit Laiendarstellern voraus auf den Neorealismus der vierziger und fünfziger Jahre. Andererseits sind diese Filme auch eng verortet in den melodramatischen Konventionen der frühen Kinodramen, die sich mit ihren oft tragischen Heldinnen an ein weibliches Publikum richteten.

„A Santanotte“ („The Holy Night“), der Eröffnungsfilm, der von 1922 ist, findet seine Protagonistin jenseits der Vorlieben des italienischen Stummfilms für glamouröse Diven in der Unterschicht. Gleichwohl spielt die betörende Rosè Antigone – hauptberuflich Mathematiklehrerin – ihre Rolle einer missbrauchten Kellnerin mit opernhaftem Pathos. Künstlichkeit und Naturalismus gehen in diesem tiefen Gefühlsausdruck eine besondere Verbindung ein.

Elvira Notaris ist ein hoch musikalisches Kino, das thematisch wie kompositorisch die Nähe zum neapolitanischen Liedgut verrät. Es verlangt nach angemessener musikalischer Begleitung, und hier erwartet das Publikum am Donnerstagabend etwas ganz Erstaunliches: Die Sängerin Lucilla Galleazzi begleitet den Film in einer Solo-Performance, macht also wieder ein Lied aus der filmischen Ballade.

Gesang des Soldatenchors

Musikalität war stets dem stummen Kino eigen, von der Aufnahme bis zur Vorführung. In Elvira Notaris Melodram „Fantasia ’e Surdato“ (1922), das am Samstag, 16.15 Uhr läuft, dringt Gesang in Gestalt eines Soldatenchors förmlich von der Leinwand. Ein neapolitanisches Duo begleitet live.

„’E Piccerella“ aus dem selben Jahr (Samstag, 20.30 Uhr) charakterisiert seine unzähmbare Heldin schon im Titel. Das neapolitanische Wort für „klein“ ist freilich mehrdeutig und bezeichnet auch eine Femme fatale – wenn auch in spielerischer, unschuldiger Absicht. Hier ist eine junge Frau, die nichts halten kann, weder die Mutter noch der Mann, der ihr haltlos verfallen ist. Die Regisseurin selbst wusste, wie ihr Sohn später erzählte, immer, was sie wollte. Ihr Spitzname auf dem Set lautete „Die Generalin“.

Wahrheit und Künstlichkeit, Naturalismus und Überhöhung waren keine Gegensätze im frühen Kino, und in Elvira Notaris Werk schien diese kultivierte Unschuld länger als anderswo lebendig. Um 1905 soll sie ihre Karriere mit dem mühsamen Handkolorieren von Filmen begonnen haben, später schuf sie Farbigkeit in der Inszenierung. Statt Glycerin zu verwenden, soll sie ihren Darstellerinnen mit psychologischem Feingefühl die Tränen entlockt haben. Wie natürlich auch uns Zuschauern.

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