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Erinnerungen an die Zukunft

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Von: Daniel Kothenschulte

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Britt Robertson und Asa Butterfield in dem Film „Den Sternen so nah“, der wie „The Girl With All the Gifts“ am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft.
Britt Robertson und Asa Butterfield in dem Film „Den Sternen so nah“, der wie „The Girl With All the Gifts“ am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. © dpa

Die Berlinale widmet ihre Retro futuristischen Visionen – und im Kino laufen zwei erstklassige Science-Fiction-Filme an.

Selten wurde für Unmöglich gehaltenes so schnell Realität wie heute – im ersten Monat der Präsidentschaft Donald Trumps. Vielleicht sind es gerade die Zeiten der größten Ungewissheit, in denen man wirklich Lust auf Science-Fiction hat: In der wohligen Erwartung, dass es ja auch noch viel schlimmer kommen könnte als es ist.

Zukunftsfilme führen selten nach Utopia, die meisten entwerfen Dystopien. Das lässt sich diese Woche auf vielfältige Art studieren. Während gleich zwei sehenswerte Science-Fiction-Filme starten, überschüttet ab Freitag die Berlinale-Retrospektive ihre Besucher förmlich mit Erinnerungen an die Zukunft. Die interessantesten stammen dabei aus der Zeit des Kalten Krieges und von beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Andrzej Zulawskis 3-Stunden-Epos „Der silberne Planet“ über eine auf eine in einer fernen Galaxie gegründete Schamanenkultur zum Beispiel, dessen Dreharbeiten der polnische Regisseur 1977 abbrechen musste, weil die Zensur irgendetwas Systemkritisches darin entdeckte. Oder Koji Shimas japanischen Widerhall von vom moralischen Drama „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ des Amerikaners Robert Wise. Der Nachteil von „Die Außerirdischen erscheinen in Tokio“ ist weniger der anrührende Selfmade-Look der Aliens, die sich da in warnender Absicht auf die Erde begeben. Im Gegenteil: Die schleppende Handlungsführung fängt viel zu wenig mit den seesternförmigen Riesenwesen an. Dennoch will niemand den Film verpassen, der einmal ein Standfoto gesehen hat, in dem sich das Japan von 1956 vor den liebenswürdigen Woll-Zyklopen fürchtet.

Ironischerweise ist in kaum einem Filmgenre die Gegenwart der Entstehungszeit so deutlich sichtbar, was den Retro-Faktor förmlich potenziert. Der grelle New-Wave-Stil der achtziger Jahre könnte nicht präsenter sein als in Wolf Gremms Zukunftsthriller „Kamikaze 1989“ mit Rainer Werner Fassbinder als Ermittler im Leopardenanzug. Als Regisseur ist er mit seinem einzigen Ausflug ins Science-Genre, „Welt am Draht“ (1973) in der Filmreihe vertreten. Nach Daniel F. Galouyes‘’ Romanvorlage „Simulacron-3“ führt er in eine durch ein Computerprogramm simulierte Scheinwelt, deren äußerlichen Futurismus der große Kameramann Michael Ballhaus denkbar minimalistisch ins Bild setzte. Hier einmal ein Tastentelefon, da eine Innendekoration von Verner Panton – Fassbinder interessierte sich wenig für einen eigenständigen Look, ihm reichte der Design-Chic seiner Gegenwart.

Zwei neue Science-Fiction-Filme, die diese Woche in Deutschland starten, versagen sich dagegen schwelgerische Gestaltungsideen. Die Zukunft von Colm McCarthys britischem Drama „The Girl With All the Gifts“ ist das, was vielleicht vom Heute einmal übrig bleibt: Während in naher Zukunft erbärmliche Zombiewesen grunzend durch ruinöse Innenstädte schleichen, liegt die Hoffnung der schwindenden Menschheit in der Wissenschaft. Eine von Glenn Close mit Eiseskühle gespielte Biologin sucht bei einer Gruppe von Mischwesen nach Rettung. Es sind Kinder, die wie Gefangene gehalten werden. Ihre Mütter sind während der Schwangerschaft zu Zombies geworden. Zwar giert es diese Kinder ebenfalls nach Fleisch, doch sie haben ihren Verstand behalten.

Unter der Führung eines der Mädchen, mit bezwingendem Charisma gespielt von Sennia Nanua, können sich die Überlebenden überhaupt erst ins Freie trauen. Wer sagt, dass die Sterblichen noch die besseren Menschen sind?

Fremdheit und die Sehnsucht nach Überwindung ist ein Leitmotiv der Science-Fiction. Ein weiterer britischer Regisseur, Peter Chelsom („Funny Bones“), der seit längerem in Hollywood arbeitet, hat daraus einen hinreißenden Liebesfilm gemacht: „Den Sternen so nah“ über den Erdentripp eines Mars-Menschen hat das Zeug zum zeitlosen Klassiker, aber wohl weniger im Science-Fiction-Genre denn als herzzerreißende Teenager-Romanze.

Asa Butterfield („Hugo Cabret“) spielt Gardner Eliot, der als Sohn einer Astronautin auf einer Mars-Kolonie geboren worden ist. Seine Mutter starb bei der Geburt, seine Existenz wird vor der Öffentlichkeit geheim gehalten.

Auch seiner Chatfreundschaft, einem Mädchen aus Arizona, kann er nicht verraten, um welche Art der Fernbeziehung es sich dabei tatsächlich handelt. Bis er schließlich, obwohl er auf der Erde nicht lange überleben kann, bei ihr aufschlägt.

Es dauert ein wenig, bis sich einem über aller stilvollen Zukunftskulisse der Ursprung dieses Märchens im 19. Jahrhundert aufgefallen ist: Erzählt wird hier nichts anderes als Hans Christian Andersens „Kleine Meerjungfrau“ – die hier nicht weniger unschuldig und einsam wirkt, wenngleich es sich diesmal um eine männliche Jungfrau handelt.

Wer nach einem passenden Gegenstück in der Berlinale-Retrospektive sucht, wird im ältesten der dort gezeigten Filme fündig: Der dänische Stummfilm „Himmelskibet“ (Das Himmelsschiff) von Holger-Madsen lud bereits 1918 zu einer Mars-Exkursion ein. Ein Seemann, der sich der Gruppe anschließt, erweitert dabei nicht nur seinen Horizont. Er lernt ein friedliebendes Vegetariervolk kennen und angelt sich gleich die schöne Häuptlingstochter. Gern begleitet sie ihn auf die Erde, wo man ihren pazifistischen Reden nicht verständiger lauschen könnte – hat man doch gerade einen Weltkrieg hinter sich gebracht... Auch in seinen filmischen Anfängen war Science-Fiction ein Spiegelteleskop der Gegenwart.

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