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Eine von vielen apokalyptischen Landschaften.

„Erde“

„Erde“ im Kino: Wüsten aus Menschenhand

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In seinem verstörenden Dokumentarfilm „Erde“ führt der Österreicher Nikolaus Geyrhalter zu den globalen Unorten monumentalen Tiefbaus.

Der Glaube versetzt Berge, zumindest der Glaube an den Fortschritt. Auch wenn selbst die Fortschrittsgläubigen nur noch selten von Fortschritt sprechen. Die Firma RWE zum Beispiel spricht, wenn es um den Braunkohle-Tagebau am Hambacher Wald geht, von der „Energie der Zukunft“, was wohl das gleiche meint. Wer einmal einen Tagebau besichtigt, dem verschlägt die Vernichtung von Landschaft erst einmal den Atem. Es ist das Ähnlichste zu Kriegsschauplätzen, das unsere Zivilisation bereithält. Kein Wunder, dass der österreichische Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter leichtes Spiel hat, mit den Wüsten aus Menschenhand eine Kinoleinwand zu füllen.

Für seinen Film „Erde“ hat er zwar keine Drehgenehmigung von dem deutschen Energie-Riesen erhalten – auch in China gab es, wie er im Gespräch erklärt, nur Absagen – aber auch an anderen Orten findet man Menschen wie Bernhard Mainka, genannt Bobby, jenen Baggerführer, den RWE auf seiner Website heroisiert: „13 500 Tonnen mit einer Hand bewegen – Bernhard Mainka kann’s“.

Geyrhalter fand ein nicht weniger apokalyptisches Panorama im ungarischen Gyöngyös, inmitten eines prähistorischen Sumpfzedernwalds. Anders als in Nordrhein-Westfalen hat dort niemand Bedenken, dem Filmemacher Rede und Antwort zu stehen. Ökologische Bedenken scheinen auf der Baustelle weitgehend unbekannt.

Zwischen den imposanten Totalen der Vernichtung porträtiert Geyrhalter an all seinen Drehorten die Menschen, deren Arbeitsplatz-Erhalt gern als Argument für das Festhalten am Tagebau angeführt wird. Natürlich ist vielen von ihnen die Zerstörung der Natur nicht gleichgültig, aber was sollen sie auch sagen? Winzig wirken sie in der von ihnen nur im Kollektiv zu erschaffenden Un-Welt, auf die manche nicht wenig stolz sind. Weitere Spielorte sind der Brenner, wo gerade ein Basistunnel durch den Berg getrieben wird, um die längste unterirdische Trasse der Welt zu errichten (Superlative sind im Tiefbau oft zu hören); die berühmten Marmorbrüche im italienischen Carrara (dort schlägt man heute hundertmal so viel Marmor aus dem Berg wie noch vor 30 Jahren). Oder das Salzbergwerg in Wolfenbüttel, wo der deutsche Atommüll – hoffentlich ohne die Umwelt weiter zu schädigen – auf seiner unseligen Odyssee Station macht.

Geyrhalters Dokumentarfilme – zuletzt befasste er sich in „Homo Sapiens“ mit den entvölkerten Ruinen der menschlichen Zivilisation – finden oft ihre stärksten Momente im Unsichtbaren: In Vorstellungen von Zukunft, oft wenig verlockend; oder einer Vergangenheit, die aus den Spuren ihres Untergangs noch einmal geisterhaft hervortritt: Sein Meisterwerk „Über die Jahre“ über das Ende einer Textilfabrik im österreichischen Waldviertel ist einer der schönsten Filme, die in der letzten Jahre über die Arbeit und den Strukturwandel gemacht wurden.

Weitere Spielorte von „Erde“ sind die Kupferminen am spanischen Rio Tinto, wo schon die Römer Metall gewannen, die Ölsande im kanadischen Alberta auf dem Gebiet der indigenen Völker und – gleich zu Beginn – eine Großbaustelle im kalifornischen San Fernando Valley. Hier werden ganze Berge abgetragen, um leicht zu bebauende Grundstücke zu produzieren. Ist es ein Zufall, dass das Valley mit seinen monotonen Bungalows auch das Zentrum der Pornoindustrie ist? Und ist es ein Zufall, dass Geyrhalters Interviews mit den Bauarbeitern ein wenig vom selben Unbehagen verströmen, das man aus Dokumentationen über das Pornogewerbe kennt?

Wer in abhängigen Verhältnissen arbeitet, wird sich nicht wirklich frei darüber äußern können. Insofern hätten sich stumme Porträtaufnahmen vielleicht besser eingefügt in diese Szenerien, die ohnehin sprachlos machen. Ein dezentes Verfremdungsmerkmal des Filmemachers, der auch selbst die Kamera führt, ist kaum zu bemerken: Für die weitesten Totalen seines Films hat Geyrhalter einfach Satellitenfotos digital bearbeitet und Lastwagenbewegungen hineinkopiert. Eine Art Andreas-Gursky-Methode für das Kino. Das führt ihn zu einer fast göttlichen Perspektive. Ließe man doch allein den Glauben die Berge versetzen.

Der Film

Erde. Dokumentarfilm. Österreich 2019. Regie: Nikolaus Geyrhalter. 121 Minuten

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