Im Zentrum: Reda Kateb als Django Reinhardt.
+
Im Zentrum: Reda Kateb als Django Reinhardt.

"Django"

Enttäuschender Berlinale-Auftakt

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Mit dem Musikerdrama "Django" leistet sich die Berlinale einen Fehlgriff als Eröffnungsfilm. Es ist geradezu schamlos, wie der Film eine oft vergessene Opfergruppe vereinnahmt.

Wer hätte gedacht, dass die Berlinale einmal mit einem „Django“-Film eröffnet werden würde? Nun, um den Westernhelden handelt es sich freilich nicht, sondern um dessen Namens-Vetter, den legendären Jazz-Gitarristen. Doch das Bemühen des französischen Filmemachers Etienne Comar, Django Reinhardt ebenfalls als gebrochenen Helden zu stilisieren, entfernt sich mitunter ähnlich weit von der Geschichte.

Nichts dagegen, den Protagonisten dessen, was andere den „Gypsie-Swing“ tauften, gleich in der ersten Szene als musikalischen Outlaw des Musikbetriebs zu präsentieren. Da wartet im Kriegsjahr 1943 ein vollbesetzter Saal auf ein Konzert seines Quintetts vom Hot Club de France, während er noch an der Seine sitzt und Welse angelt.

Natürlich bringt der von Reda Kateb gespielte Star gleich darauf den Saal zum Kochen, einschließlich einiger deutscher Besatzungsoffiziere. Hier nun beginnt der hochspekulative Teil einer Geschichte, die sich bald weniger für Musik interessiert als für Django Reinhardts angebliche deutschen Fans.

Von einem immerhin weiß die Jazz-Gemeinde: Der Musikproduzent und Luftwaffenoffizier Dietrich Schulz-Köhn, später bekannt als Radiomoderator Dr. Jazz, war ein glühender Verehrer und Förderer Reinhardts. Doch außer einem Foto, das ihn in Uniform mit Reinhardt vor dem „Club Cygale“ zeigt, gibt es wenig Belege für eine offiziellere Kontaktaufnahme. In diesem Biopic kommt durch seine Vermittlung sogar eine Deutschland-Tournee unter Dach und Fach, auch Joseph Goebbels persönlich freue sich auf den Besuch. Kann das wahr sein?

Die Tatsache, dass Reinhardt den nationalsozialistischen Genozid an den Sinti und Roma überleben sollte, kann doch kaum Anlass sein, ihn auf höchster Ebene zum Begünstigten heimlicher Nazi-Vorlieben für den offiziell geschmähten Jazz zu machen. Es ist geradezu frivol, sich vorzustellen, dass ausgerechnet Goebbels die sogenannten Zigeuner ermorden, aber ausgerechnet Django Reinhardt für sich aufspielen lässt.

Es ist wahr: Als Reinhardt im selben Jahr in die Schweiz fliehen wollte und aufgegriffen wurde, traf er auf einen jazzliebenden deutschen Soldaten, der ihn laufen ließ. Doch alles, was sich in diesem Film sonst noch um diese Episode rankt, ist wiederum erfunden: Die geheimnisvolle blonde Geliebte, eine Lauren-Bacall-Figur wie aus einem Film Noir, die ihm und seiner Familie falsche Pässe besorgt – reine Erfindung, um Reinhardts Leben noch etwas schillernder zu machen.

„Es ist ja auch kein Dokumentarfilm“, verteidigte sich der Regisseur und Co-Autor bei der Berliner Pressevorführung. Das hätten wir auch kaum vermutet. Es ist nicht wahr, aber es ist auch nicht gut erfunden. Man verzeiht gern, dass das berühmte Fingerspiel des Virtuosen, der mit einer behinderten Greifhand spielte, nur oberflächlich nachgeahmt werden konnte.

Fotografische Ähnlichkeit ist wahrlich kein Kriterium für die Qualität einer Filmbiographie. Doch mit einer biografischen Annäherung an den berühmtesten Vertreter des europäischen Jazz seiner Zeit gäbe sich Comar auch nicht zufrieden. Wenn am Ende das Gedenken an die ermordeten Sinti und Roma mit der von Reinhardt angeblich noch am Tag der Befreiung Frankreichs aufgeführten „Zigeunermesse“ zusammenfällt, triumphiert die Schmonzette endgültig über die Geschichte.

„Django“ ist nicht nur ein schleppender, ein mitunter hölzern gespielter Film, es ist geradezu schamlos, wie dieses Werk eine so oft vergessene Opfergruppe für etwas Rührseligkeit vereinnahmt.

Mehr zum Thema

Kommentare