Papst Franziskus im Papamobil und im Wenders-Film.
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Papst Franziskus im Papamobil und im Wenders-Film.

"Ein Mann seines Wortes"

Ein Engel auf Erden

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Wim Wenders hat einen Porträtfilm über Papst Franziskus gedreht: "Ein Mann seines Wortes".

Die christlichen Kirchen sind bekannt für ihr enges Verhältnis zum Kino. In vielen Ländern unterhalten sie Filmkommissionen, die schon lange ihre vorrangige Aufgabe nicht mehr darin sehen, vor den Gefahren der Schaulust zu warnen. Lieber geben sie Empfehlungen aus; eine der prägnantesten formulierte Papst Johannes Paul II. in nur fünf Worten. Nachdem er sich Mel Gibsons Bibelfilm „The Passion of the Christ“ hatte vorführen lassen, über den der Vatikan wegen Antisemitismus-Vorwürfen lieber den Mantel des Schweigens ausbreitete, lobte er: „Es ist, wie es war.“

Die Lieblingsfilme von Papst Franziskus, wen wundert es, stammen nicht aus Hollywood. Der dänischen Tania-Blixen-Verfilmung „Babettes Fest“ gab er die Ehre, sie als ersten Film überhaupt in einem päpstlichen Lehrschreiben zu erwähnen: Die Köchin, die da einem streng pietistischen Dorf die höchsten Gaumenfreuden bereitet, sah er als ideales Beispiel an für das Thema des Papiers: „Amoris Laetitia“ – die „Freude der Liebe“.

Aus dem Fernsehen soll Franziskus sich dagegen wenig machen. Die Kamera liebt ihn trotzdem. In den Interviews, die er Wim Wenders für seinen Porträtfilm „Ein Mann seines Wortes“ gewährte, scheint zu allen im Kinosaal zu sprechen, ohne dass dabei der Eindruck entstünde, er fixiere ein Objektiv oder halte lediglich eine Ansprache. Technisch liegt das daran, dass er in einen Teleprompter spricht, der ihm seinen Gesprächspartner als Videobild zeigt. Es ist die Methode des Dokumentaristen Errol Morris („Fog of War“), die Wim Wenders hier adaptiert. Doch während Morris auf diese Weise dem einstigen Vietnamkriegs-Architekten Robert McNamara gleichsam hinter die Stirn blicken wollte, interessiert Wenders das Gegenteil: „Mit einem ehrlichen Menschen einen Film zu machen, das ist so viel schöner als mit einem, der Versteckspiele treibt“, erklärte er in einem Interview. „Es ist ja das A und O beim Dokumentarfilm, dass der Protagonist einen ranlässt.“ Nun, andere Filmemacher fänden es wohl auch mal interessant, an Widerstände zu stoßen. 

In den vier Interview-Sessions, die Franziskus dem zum Protestantismus konvertierten, gebürtigen Düsseldorfer gewährte, scheint sich auch der Papst an nichts zu stoßen. Schweres und Leichtes hält sich die Waage, jedenfalls hat es Wenders so geschnitten: Der Trauer und der Empörung über die Missbrauchsverbrechen durch katholische Priester oder dem Zorn über soziale Ungleichheit stehen Bekenntnisse zur Lebensfreude gegenüber. Etwa durch das Morgengebet von Thomas Morus, das ihm jeden Tag nach dem Aufstehen ein Lächeln aufs Gesicht zaubere: „Schenke mir eine gute Verdauung, Herr. Und auch etwas zum Verdauen.“


Hörern von Radio Vatikan ist das natürlich längst bekannt, und wer sogar das Vatikanische Fernsehen CTV über das Internet sieht, kennt auch schon einen Gutteil dieses Films: Ohne dass dieses Fremdmaterial im Film besonders ausgewiesen wäre, nutzt es Wenders über weite Strecken. Die bekannte Dokumentation einer Fußwaschung in einem Gefängnis wirft freilich die Frage auf, ob überhaupt die Persönlichkeitsrechte der Häftlinge gewahrt sind, die hier erkennbar in Großaufnahmen porträtiert sind. Wie uns der Verleih erklärt, habe man lediglich das Material vom Vatikan bekommen.

Für einen Filmemacher, der auch sein eigener Produzent ist, ist das alles ein Geschenk des Himmels. Da der Vatikan Wenders nicht beauftragt hat, sondern lediglich auf ihn zugegangen ist, gehört der Film nun ihm. Und wann kann man einem Dokumentarfilm schon einen so sicheren Erfolg voraussagen? Immerhin 1,285 Milliarden Katholiken gibt es auf der Welt. Nicht zu vergessen all die Millionen Ungläubigen, die den Papst als Verfechter sozialer Umverteilung schätzen. Und das wohl zu recht: Kein Kapitalismuskritiker hat derzeit wohl größeren Einfluss. Sollen die Reichen doch mal sehen, wie sie ins Himmelreich kommen. „Am Jüngsten Tag werden wir uns noch alle wundern“, sagt er an einer Stelle verschmitzt. Auch müsse man keineswegs katholisch sein, um auf Heiligkeit zu hoffen. „Denken wir nur an Gandhi.“ Das sind großartige Worte. Gerne hätte man auch etwas Vergleichbares gehört zum Thema Homosexualität; hier schneidet Wenders das bekannte Gespräch mit Journalisten ein, das der Papst im Jahr 2013 auf dem Heimflug von Brasilien führte. Oder über die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche. 

Das spannendste unter den Fundstücken vom vatikanischen Fernsehen ist die zu Weihnachten 2013 gehaltene Kurienansprache, in der Franziskus die hohen Kleriker offen kritisiert und vor „spirituellem Alzheimer“ warnt. 

Wim Wenders weiß, wie viel Freude alte Männer auf die Leinwand zaubern können, wenn man sie nur lässt: Der große Curt Bois in „Himmel über Berlin“ oder der gesamte Buena Vista Social Club. Was ihm nicht gelingt, ist ein Bild von Franziskus einzufangen, das man noch nicht kennt. Oder auch nur einen Gedanken, den er noch nicht andernorts geäußert hat. Denn selbst wenn dieser Film, geschäftlich gesehen, eine Auftragsproduktion ist, muss man leider sagen: Es hätte ihn jeder professionelle Filmemacher fast genauso drehen können. Die Interviewaufnahmen, die den Papst gut ausgeleuchtet in der Bildmitte präsentieren, wirken geradezu steril, kein Vergleich zum Vorbild Errol Morris. 

Die einzigen Bilder, die Wenders – immerhin in seinen besten Filmen ein ungeheuer bildgewaltiger Filmemacher – sonst noch drehte, sind kleine Stummfilmszenen über Franz von Assisi. Es ist nicht das erste Mal, dass Wenders mit einer Kurbelkamera hantiert. Doch das Primitive dieser Szenen führt nicht zum Purismus, den er sich vielleicht davon versprochen hat. Schon eher nach Oberammergau. Wehmütig denkt man zurück an den Heiligen Franz in Pasolinis satirischem Klassiker „Große Vögel – Kleine Vögel“. Mit seinem Humor dürfte Pasolinis Film auch diesem erstaunlichen Mann gefallen, der hoffentlich noch sehr lange über der letzten absoluten Monarchie der Erde thront. 

Den Wendersfilm über sich selbst kannte er zum Zeitpunkt der Cannes-Premiere im letzten Monat noch nicht. Man kann sich auch fragen, was er davon hätte, ihn zu sehen. Vermutlich fehlt es ihm dazu an der nötigen Eitelkeit.

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