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Charlotte Rampling, unverwundbar und verletzlich zugleich, die ihre Figur beinahe bis zur Selbstzerstörung führt
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Charlotte Rampling, unverwundbar und verletzlich zugleich, die ihre Figur beinahe bis zur Selbstzerstörung führt

„45 Years“

Der endlose Reifeprozess der Liebe

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der Kritikerliebling der letzten Berlinale: Andrew Haighs Ehedrama „45 Years“.

Sind die Hauptdarsteller über sechzig, hat man es im Werbejargon der Branche mit „Best Ager Movies“ zu tun. Und sind sie noch älter, gibt es ein neues Unwort dafür, das „No Ager Movie“. Wie wäre es zur Abwechslung einmal mit einem ageless movie, einem zeitlosen Film, der zufällig von nicht mehr jungen Menschen handelt.

Das britische Drama „45 Years“ ist so zeitlos wie die Oldies, die sich ein älteres Paar für ein geplantes Fest zusammenstellt. Und die bald unfreiwillig den Status ihrer Liebe auf die Probe stellen: „Happy Together“ von den Turtles, „Go Now“ von The Moody Blues oder „Stagger Lee“ von Lloyd Price.

Die unfehlbare Charlotte Rampling spielt eine pensionierte Lehrerin, die das etwas unrunde Jubiläum ihrer Hochzeit vorbereitet: Wer fündundvierzig Ehejahre feiert, der glaubt vielleicht nicht mehr, dass es noch volle fünfzig werden könnten. Dennoch steht die Liebe dieses Paares nach innerer und äußerer Einschätzung felsenfest. Das ändert sich in den Augen der Frau schlagartig, als beide eine Woche vor der Feier eine Botschaft aus der Vergangenheit erreicht. Vor fünfzig Jahren war die Freundin des Mannes in den Schweizer Alpen verunglückt, nun hat man ihre Leiche in einer Gletscherspalte entdeckt. Wäre die Tote vielleicht die wahre Liebe seines Lebens gewesen?

Wer sich felsenfest vertraut, der kann auch jede Frage stellen. „Hättest Du sie geheiratet?“, will die Frau wissen, die Antwort, die sie auf den Punkt bekommt, gefällt ihr nicht. Tom Courtenay spielt einen, der seine Ehrlichkeit wie einen Panzer trägt: Unkorrumpierbar, aber knochenhart. Auch wenn ihn die Konfrontation mit der Vergangenheit nicht kalt lässt, er ohne zu zögern die Schweizreise plant um den offenbar makellos konservierten Körper seiner Jugendliebe anzusehen: Es ändert für ihn auch nichts an der Gegenwart. Für seine Frau ändert es alles. Es gib einen Konsens, in jeder Beziehungsmoral: Was geschehen ist, bevor man sich kennen gelernt hat, verlangt keinerlei Rechtfertigung. Wenn es nur so einfach wäre.

Ohne dass es zu einer klärenden Aussprache kommt, verdichtet Andrew Haighs makelloser Film zahllose Spuren zu einem betörenden Drama über Vertrauen, Zweifel und den endlosen Reifeprozess der Liebe. Der Frau lässt es keine Ruhe. Auf dem Dachboden findet sie schließlich Dias von der Reise, in denen die letzten Augenblicke des Bergtrips zu sehen sind. Und die kinderlos gebliebene Frau sieht plötzlich eine hoch attraktive Schwangere vor sich.

Wie in einem Thriller zählt der Film die Tage, in denen die Vergangenheit immer weitere Schlingen auswirft. Bei einem weiteren Oldie erzählt der Mann von der Wut, die er bei dieser letzten Wanderung auf seine Freundin hatte, die mit einem anderen Wanderer flirtete.

Zur Beruhigung der Gattin trägt das so wenig bei, wie der peitschende Rock’n’Roll-Song im Hintergrund – Lloyd Price‘ „Stagger Lee“ über einen Kneipenmord. Doch bei aller Spannung: Ein Kriminalfilm ist „45 Years“ nicht. Die Fragen, die diese Verfilmung einer Kurzgeschichte von David Constantine stellt, betreffen nicht Schuld oder Unschuld, sondern jene merkwürdige Balance aus Vorschuss und Erfahrung, aus denen sich Vertrauen konstituiert. Auch das Selbstvertrauen spielt da eine wichtige Rolle, ist es doch der beste Schutz vor Eifersucht. Charlotte Rampling, die unverwundbar und mächtig, aber auch zutiefst verletzbar wirken kann, führt diese Figur beinahe an den Punkt der Selbstzerstörung. Letztlich sind es nicht die Zweifel am anderen, an denen sie beinahe zerbricht, sondern ein lange verdrängter Minderwertigkeitskomplex.

Als „45 Years“ auf der vergangenen Berlinale lief, galt er in Kritikerumfragen als Favorit. Verglichen wurde er mit Michael Hankes psychologischen Thrillern wie „Versteckt“. Doch „45 Years“ hat nichts zu verstecken, das Rätsel aus der Vergangenheit verlangt nicht nach kriminalistischer Aufklärung. Die Krise, die dieses Paar durchlebt, könnte durch jede Verunsicherung ausgelöst werden. Es ist eine wunderbare Verbeugung vor der Langlebigkeit der Liebe, aber auch eine Warnung vor ihrer Zerbrechlichkeit.

Gewonnen hat die Berlinale dann schließlich der gerade in den Kinos ungemein erfolgreiche, vorzügliche Panahi-Film „Taxi Teheran“. Jetzt kann man noch einmal selbst ein Urteil fällen, Terence Malicks Berlinale-Beitrag „Knight of Cups“, der diese Woche ebenfalls anläuft, macht das Trio komplett. Jedenfalls sage niemand, wir befänden uns in einer Kinokrise.

45 Years. GB 2015. 95 Minuten

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