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In einer echten Theatergarderobe bereiten sich die Darstellerinnen auf die Premiere vor.

„Debüt hinter Gittern“, Arte

Am Ende wartet die große Bühne

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Ein empfehlenswerter Dokumentarfilm auf Arte präsentiert ein ungewöhnliches Schauspielensemble.

Eigentlich wurde die kostenpflichtige Monatsillustrierte „Arte Magazin“ geschaffen, um ausführlich über das Programm des deutsch-französischen Kultursenders zu informieren. Ausgerechnet in dieser Hinsicht lässt die Publikation mittlerweile sehr zu wünschen übrig. Zum Inhalt des bemerkenswerten Dokumentarfilms „Debüt hinter Gittern“ („Debut“) finden sich dort gerade mal vier Sätze. In der Programmspalte, wie bei so vielen anderen Sendungen, keine Angaben zu den Mitwirkenden. Obendrein wird als Produktionsland „Großbritannien“ genannt. Tatsächlich entstand der Film in Weißrussland.

In einem dortigen Frauengefängnis wird ein Theaterstück geprobt. Ein zeitgenössisches Drama. Unter anderem geht es um die Frage, ob die junge Protagonistin abtreiben soll oder nicht. Die Schauspielerinnen sind Laien, allesamt zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt. Während der Arbeit an der Inszenierung erzählen sie von ihren eigenen Erfahrungen, besprechen die Inhalte des Dramas. Viele sind selbst Mütter. Ihrer Meinung nach sollte die Hauptfigur sich für das Kind entscheiden.

Welcher Vergehen die Frauen sich schuldig gemacht haben, lassen die Regisseurin Anastasiya Miroshnichenko und ihre Koautorin Elena Antonishina offen bis zum Schluss. So ermöglichen sie einen unvoreingenommenen Blick auf die Ensemblemitglieder. Vertreten sind Altersgruppen zwischen Anfang zwanzig bis Mitte fünfzig. Anastasiya Miroshnichenko begleitet die Theaterproben mit der Kamera, blendet zwischendurch immer wieder in den Haftalltag, führt Interviews mit den Frauen. Teils werden Aufnahmen der Überwachungskameras genutzt, um das triste Leben innerhalb der Vollzugsanstalt anschaulich zu machen.

Hier herrscht strikte Disziplin. Die Frauen müssen regelmäßig Leibesvisitationen hinnehmen, und sie müssen arbeiten, beispielsweise in der angeschlossenen Näherei, wo unter anderem Uniformen geschneidert werden. Den Hof fegen, im Winter Schnee schippen. In jeder Abteilung gibt es einhundertzwanzig Insassinnen. Das heißt Schlange stehen vor der Toilette, vor der Dusche, beim Tee kochen. Eine der Frauen beklagt: „Man ist nie allein.“

Die Mitwirkung im Theaterstück durchbricht die Routine, ist aber kein Freizeitspaß. Der Regisseur Aleksej Michailowitsch ist schwer zufriedenzustellen, wird oft laut, wirkt bisweilen ungerecht, greift nach der Psyche. Manchmal sind die Schauspielerinnen den Tränen nahe. Eine hat Schwierigkeiten, ihre Rollenpartnerin zu umarmen. „Ich bin solche Nähe nicht gewohnt“, sagt sie. „Deshalb bin ich ganz durcheinander.“ Michailowitsch weist sie zurecht und befragt sie zu ihrer Mutter. Ein wunder Punkt. Die Frau hat ihre Mutter seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.

Es gibt viele berührende Momente in dieser Dokumentation. Sätze wie „Wir lachen, weil ich es leid bin, zu weinen.“ Anastasiya Miroshnichenko fängt tiefe Traurigkeit und Bedauern ein, aber auch die Freude, als die Frauen im Fundus einmal die Gefängnisuniform gegen normale Kleidung tauschen können: „Schaut her, ich bin ein gewöhnlicher Mensch!“

Der Film beginnt im Winter. Die Premiere des Stückes ist für den Sommer geplant und soll auf großer Bühne im Nationaltheater Gomel stattfinden. Bis dahin ist es ein weiter Weg.

Zur Sendung

Dokumentation: „Debüt hinter Gittern - Proben für das Leben draußen“

Sendetermin: Montag, 4.3., 23:25 Uhr, arte

Auch in der Mediathek abrufbar

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