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Knuffke (Theo Trebs) ist zurück, zur großen Freude von Bubu (Andreas Warmbrunn) und Onkel (Jonathan Berlin). Und wie ein Jahr zuvor springen er und Onkel gemeinsam vom Zehnmeterbrett.

"Die Freibadclique", ARD

Das Ende der Kindheit

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Friedemann Fromms Adaption der Jugenderinnerungen von Oliver Storz ist ein Antikriegsfilm über eine verlorene Generation, entfaltet seine Kraft aber erst spät.

Sie sind keine Helden, und sie wollen auch keine werden, aber aus ihrem Blut soll sich ein Strom bilden, in dem die Feinde des Vaterlands ertrinken werden: Oliver Storz’ 2008 erschienener Roman „Die Freibadclique“ ist ein Buch in der Tradition von Antikriegswerken wie „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque (1929) oder „Die Brücke“ von Gregor Dorfmeister (1959). Die autobiografischen Anteile sind unverkennbar: Wie seine fünf Hauptfiguren, so war auch der 2011 verstorbene Grimme-Preisträger Jahrgang 1929. Die Jungs tragen witzige Namen (Hosenmacher, Zungenkuss), wie sie auch in den Romanen Erich Kästners vorkommen, aber die Geschichte ist nicht lustig: Die Handlung setzt im Sommer ein, das Schuljahr endet; der Lehrer entlässt seine Klasse mit der Hoffnung, sie nach den Ferien alle wiederzusehen. Ein frommer Wunsch, der selbstverständlich nicht in Erfüllung gehen wird: Es ist der Sommer 1944.

Literarisch lassen sich Storz’ Erinnerungen allerdings nicht mit Remarques mehrfach verfilmtem Roman vergleichen, und auch Friedemann Fromms Adaption wird nicht den Status von Bernhard Wickis Klassiker erreichen; dafür ist sein Kriegsdrama gerade in der ersten Hälfte viel zu episodisch. Größeres Manko ist allerdings die fehlende Tiefe der Figuren. Auf diese Weise entsteht echte Identifikation erst später, als sich die Handlung auf die beiden zentralen Charaktere Onkel (Storz’ Alter Ego) und Knuffke konzentriert. Erst jetzt bekommen die jungen Darsteller Jonathan Berlin und Theo Trebs auch Gelegenheit zu zeigen, was sie können. Bis dahin erzählt Fromm eine typische Weltkriegsgeschichte: Nur kurz kann die Clique aus der schwäbischen Provinz (Storz ist in Schwäbisch-Hall aufgewachsen) die Ferien im Freibad genießen, dann muss sie zur Musterung, wo ihnen ein widerwärtiger und gewalttätiger SS-Mann klarmacht, dass ihre Kindheit endgültig vorbei ist. Ein Fliegeralarm beendet den Spuk, doch an die Front müssen sie trotzdem. Onkel ergaunert den Freunden die Heimkehr, aber das Quintett ist nicht mehr komplett, und die Freude über die wieder gewonnene Freiheit währt nur kurz.

Trotz der Schrecken des Krieges liegt eine gewisse jugendliche Unbeschwertheit über vielen Szenen. Zwar stirbt einer der Jungs einen absurden Tod, als ihn ein Tiefflieger auf freiem Feld beim Verrichten der Notdurft erwischt, und die Unsinnigkeit des Aushebens von Schützengräben, die wegen der Nähe zum Fluss umgehend voller Wasser laufen, erschließt sich allen Beteiligten mit Ausnahme des Befehlshabers; aber andererseits hat die Begegnung mit einer Kriegswitwe zur Folge, dass Onkels Kindheit auch in anderer Hinsicht endet. Für Spannung sorgt der vielfach ausgezeichnete Fromm (Grimme-Preise für „Unter Verdacht“, den historischen Mehrteiler „Die Wölfe“ sowie die DDR-Serie „Weissensee“) mit einer ebenso einfachen wie wirkungsvollen Idee: Er erzählt die Kriegserlebnisse als lange Rückblende, in die immer wieder brutal die Gegenwart bricht. Diese Bilder haben der Regisseur und sein Kameramann Anton Klima fast im hyperrealistischen Stil des Comicfilms „Sin City“ gestaltet. Der Regen ist sintflutartig, und weil die Einschübe fast in Schwarzweiß gehalten sind, wirkt der große Blutfleck auf Onkels Unterhemd umso plakativer. Dank der ästhetischen Gestaltung entwickelt diese Ebene des Films eine deutlich größere Intensität als die Rückblendenhandlung. Bei Filmen über Jugendliche ist es zwar verführerisch, besonders einprägsame Ereignisse in Zeitlupe zu zeigen, allen voran die schöne Lore (Lili Epply) in ihrem knallroten Badeanzug, aber Fromm setzt den Effekt ein bisschen zu oft ein. Viel nachhaltiger ist ein anderer Moment, für den ebenfalls Lore sorgt, als sie den Jungs beim Abschied in Richtung Front nur zwei Worte mit auf den Weg gibt: „Bleibt übrig!“

Es ist ohnehin beeindruckend, wie Fromm seine zwar nicht gänzlich unerfahrenen, aber weitgehend unbekannten jungen Schauspieler geführt hat. Auch deshalb ist es bedauerlich, dass sich der Film nicht von Anfang auf Onkel und Knuffke konzentriert. Echte Tiefe bekommen die beiden im Grunde erst im letzten Akt, der nach Kriegsende und somit in der Gegenwart des Films spielt. Gerade Theo Trebs darf sich nach der Rückkehr des als verschollen geltenden Knuffke auch dank der äußerlichen Wandlung der Figur richtig entfalten. Mit Augenklappe, Anzug und zurückgekämmtem Haar sieht der junge Mann, der nun für die Amerikaner arbeitet, wie ein Filmstar aus. Jetzt beginnt auch jener Teil der Geschichte, auf den sich die Einschübe beziehen, und diese Ebene hätte das Zeug zum eigenen Stoff: Knuffke, der für den amerikanischen Geheimdienstoffizier McKee (Karel Dobrý) regen Schwarzmarkthandel treibt, hat rausgefunden, dass sein Chef krumme Dinger mit alten Nazis dreht. Nun hofft er, dass dieses Wissen ihm und der schönen Gunda (Vica Kerekes) eine Fahrkarte nach Südamerika einbringt, aber Gunda ist McKees Geliebte; auch ohne die vorherigen Einschübe wäre zu ahnen gewesen, dass dieser Traum kein gutes Ende nehmen wird. Sehenswert ist „Die Freibadclique“ den Einwänden zum Trotz ohnehin, aber hörenswert ist der Film auch: Annette Focks hat eine formidable Musik komponiert, die mit viel Trompete die emotionale Basis für eine ganze Reihe eindrucksvoller Szenen liefert.

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