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"Hier erledigt man die Dinge ohne alles", meint Eric Kabera. Ein Dorf in Ruanda.
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"Hier erledigt man die Dinge ohne alles", meint Eric Kabera. Ein Dorf in Ruanda.

Ruanda

Am Ende eines Tages

Eric Kabera hat den ruandischen Genozid dokumentiert und fiktionalisiert. Eine Begegnung mit dem preisgekrönten Filmemacher. Von Andrea Jeska

Von Andrea Jeska

Erinnerungen sind Eric Kaberas Spezialität. Nicht irgendwelche, sondern solche, die keine Zeit heilen, kein Vergessen mildern wird. Gedanken an Menschen, die zerhackt, verbrannt, ertränkt, zu Tode geknüppelt werden. Bilder von Macheten, Speeren, Leichenbergen.

Eric Kabera dokumentiert und fiktionalisiert den ruandischen Genozid von 1994. "100 Tage", sein erster Film aus dem Jahr 2001, war auch der erste Film, der das nationale Trauma des Völkermords zum Thema hatte. Hundert Tage dauert das Gemetzel der Hutu an den Tutsi und an all jenen auch unter den Hutu, die nicht mitmorden wollten. Eine Million Tote, so die Zahl eines UN-Berichts, lagen danach auf den Straßen Ruandas, schwammen in den Wassern des Kagera-Flusses, verwesten in den Sümpfen und den Brunnen. Manche waren verbrannt, andere verscharrt worden. Von nicht Gezählten lebten damals die Hunde.

Auf der Terrasse von Kigalis Nobelhotel Serena sitzt Eric Kabera an einem der letzten Tage des Jahres 2009 und fremdelt zwischen den eiligen Gästen, europäische Geschäftsleute die meisten. Kabera ist von schmaler Statur, die Wangenknochen herausstehend, Augen, die zu groß sind, um sich einem Bild zu verschließen. Eigentlich ist er ein junger Mann, doch nichts an ihm wirkt jung. "Meine Filme sind so etwas wie die dunkle Stimme der Vergangenheit. Diese immer und immer wieder zu hören, in allen Geschichten der Überlebenden, ist emotional verunsichernd. Es verfolgt einen auch über das Ende eines Tages hinaus."

"100 Tage" ist die Geschichte einer Tutsi-Schönheit, die mit vielen anderen vor den Mördern Schutz in einer Kirche sucht. Der Priester liefert die Schutzsuchenden den Hutu aus - und die junge Frau kann sich nur retten, wenn sie ihm sexuelle Dienste erweist. Kabera hat seinen Film mit Laien gedreht, allesamt Überlebende, und den Drehort an einen der Genozid-Schauplätze gelegt. Abgedreht war der Film bereits Ende 1997. Eine Million hatten er und sein Co-Produzent, der britische Filmemacher Nick Hughes, investiert. Doch für die Welt war das Grauen von Ruanda bereits in Vergessenheit geraten. Erst 2001 lief der Film auf Festivals und in Kinos an und wurde für drei Oscars nominiert. Von denen Kabera keinen erhielt, dafür andere Auszeichnungen. Für den Filmemacher kein Grund, stolz zu sein. Ganz im Gegenteil. "Ich möchte nicht mit dem Leid der anderen Lorbeeren verdienen." Die internationale Aufmerksamkeit für "100 Tage" jedoch war die Geburtsstunde von Ruandas Filmindustrie. Kabera beginnt, Studenten in der Kunst des Filmemachens auszubilden, baut eine kleine Filmschule auf. Die jungen Filmemacher wenden sich Themen der Gegenwart zu: Es entstehen fiktive und dokumentarische Stücke über HIV, Disc-Jockeys und natürlich die Liebe. 2005 haben die 60 Studenten genügend Filme gedreht, um sie im größeren Rahmen zu zeigen. Kabera organisiert das erste ruandische Filmfestival und tauft es Hillywood - als Referenz an Ruanda als "Land der 1000 Hügel". Da die Bewohner von Ruandas ländlicher Region selten einen Fernseher haben, fahren Kabila und seine Mitarbeiter mit einem "blow-up-filmscreen", einer aufblasbaren Kinoleinwand, über die Dörfer und führen die Filme vor - an sieben Orten in sieben Tagen.

2003 beendet Kabera "Keepers of memory", eine Dokumentation über die Erinnerungen von Tätern und Opfern. Die Kamera folgt diesen auf ihrem Weg zu den Gräbern, zeigt Räume voller Schädel und fängt die Tränen, die Trauergesänge derer ein, die ihre Familien verloren. Die Täter erzählen, warum und wie sie mordeten. Die Dokumentation ist unkommentiert, die Erzählungen in Kinyarwanda werden in Untertiteln übersetzt - ein gespenstischer Film. "Den Genozid kann man nicht intellektualisieren. Wir wollten den Opfern eine Plattform geben."

2008 folgt "Iseta: Hinter der Straßensperre", Kaberas schrecklichster Film. Grundlage ist ein aus der Genozid-Zeit stammender Video-Clip, auf dem zu sehen ist, wie zwei Menschen an einer Straßensperre mit Macheten getötet werden. Durch die Ausstrahlung von "Iseta" konnte die Identität der Opfer geklärt, konnten ihre Familien gefunden, die Toten begraben werden. "Dieser Film war eine psychische Belastung für alle, die mitgearbeitet haben."

Kabera wurde 1970 geboren und wuchs im kongolesischen Exil in der Stadt Goma auf. Seine Eltern waren 1959 vor den ersten Pogromen an den Tutsi dorthin geflohen. Nach der Schule studierte er Psychologie. Während er studierte, begann das Abschlachten in seiner Heimat. 32 Mitglieder seiner Familie starben. Nach 1994 ging Kabera nach Ruanda und begann, als Stringer für ausländische Journalisten zu arbeiten, die über die Auswirkungen des Genozids berichten wollten. Danach jobbte er für einen lokalen Radiosender, lernte bei Reuters und der BBC. "1997 war das Interesse der Welt am Genozid praktisch erloschen, Journalisten kamen nur noch selten. Da hatte ich die Idee, die Opfer sprechen zu lassen, damit nicht vergessen wird, was man ihnen antat."

Vergeben, ja, aber vom Vergessen sei man weit entfernt, ist die Aussage einer der Protagonisten in "Keepers". So sieht es auch die ruandische Regierung, sehen es die Überlebenden. Die traditionell geprägten Gacaca-Gerichtsverfahren, bei denen ein Rat in den Dörfern über die Täter zu Gericht sitzt, gehen ihrem Ende entgegen. Auch das UN-Tribunal für Ruanda, welches im tansanischen Arusha tagt, soll 2010 geschlossen werden. Wohlstand für alle durch Investitionen von außen, Ruanda als Ostafrikas Mittelpunkt für Hochtechnologie und Bankenwesen soll, so ist es die Strategie des Präsidenten Paul Kagame, Heilmittel für die Wunden der Vergangenheit sein. Wissend, dass in der Gesellschaft Täter und Opfer Tür an Tür leben, setzt Kagame auf Einheit durch wirtschaftlichen Fortschritt.

Auch Kabera ist der Erinnerungen an Tote müde: "Der Völkermord wird immer präsent sein, aber am Ende eines Tages werden wir erkennen, dass wir auch andere Geschichten erzählen müssen. Geschichten, in denen es um Hoffnung, Träume und Visionen geht." Seit zwei Jahren organisiert er den Bau des ersten Kinos in Kigali, doch mangels Sponsoren kommt das Projekt nur langsam voran. "Hier erledigt man die Dinge ohne alles. Nur mit Willen und Ehrgeiz. Das ist die Geschichte Ruandas." Prominente Unterstützung erhielt Kabera, als im Jahr 2008 der deutsche Filmemacher Volker Schlöndorff den Bundespräsidenten Horst Köhler auf seiner Afrika-Reise begleitete und sich mit Kabera traf. Kurz danach reiste Schlöndorff erneut nach Ruanda und gab ein Seminar für die Filmstudenten, versprach zurückzukommen.

Seinem Ruf als Hüter der Erinnerungen ist Eric Kabera bislang nicht wirklich entkommen. Als er die Idee hatte, eine Komödie zu drehen, wollte ihm niemand Geld dafür geben. Jetzt arbeitet er an einem modernen Märchen, einer Parabel über die Macht der Träume. Drei Kinder aus Ruanda wollen sich die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika ansehen. Weil sie aber kein Geld für die Reise haben, machen sie sich zu Fuß auf den Weg - und kommen auch wirklich an.

"Mein Depressionslevel ist, seit ich mit diesem Film begonnen habe, deutlich gesunken." Der neue Film soll im September 2010 in die Kinos kommen.

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