Ermittler-Duo und gute Freunde: Mario Diller (Nicholas Ofczarek, links) und Erich Kessel (Fritz Karl).
+
Ermittler-Duo und gute Freunde: Mario Diller (Nicholas Ofczarek, links) und Erich Kessel (Fritz Karl).

„Zum Sterben zu früh“, Arte

Das Ende einer Freundschaft

In seinem Prequel zu dem herausragenden Polizeifilm „Unter Feinden“ versteckt Lars Becker erneut echte Emotionen und überraschende Momente unter dem Deckmantel eines TV-Krimis, der genüsslich alle Genre-Konventionen bricht.

Von Daniel Bickermann

Der deutsche Fernsehkrimi ist ja traditionell ein Paradoxon: Als Genre ist er so erfolgreich, dass er praktisch alle anderen Genres aus dem Fernsehfilmmarkt gedrängt hat. Ob Vorabend oder Hauptsendezeit – seit Jahrzehnten kann man kein relevantes Thema mehr erzählen, ohne dass am Anfang ein Toter herumliegt und am Schluss ein Mörder festgenommen wird.

Zugleich ist der TV-Krimi das Genre, das sich am stursten jeglicher Innovation widersetzt. Während es im Ausland innovative Genre-Meilensteine nur so hagelt (man denke an das schwedische „The Killing“, den britischen „Luther“ oder das amerikanische „The Wire“) gab es im deutschen Fernsehkrimi im Prinzip seit der Einführung von Schimanski vor fast 35 Jahren keinen wirklichen Stilwechsel mehr.

Lars Becker ist einer der ganz wenigen deutschen Krimiregisseure (mit Dominik Graf und Thomas Arslan), die sich tatsächlich für das Genre interessieren und immer wieder versuchen, an dieser Trägheit zu rütteln. Vor zwei Jahren verfilmte er Georg M. Oswalds Roman „Unter Feinden“ zu einem herausragenden Polizeifilm, der sich jeglicher Fernseh-Konvention verweigerte – defätistisch, moralisch ambivalent und streckenweise pechschwarz. Dass er nun noch einmal zu diesem Stoff zurückkehrt und die Vorgeschichte des in jeder Hinsicht dysfunktionalen Hamburger Cop-Duos Diller und Kessel erzählt, ist in jeder Hinsicht ein Glücksgriff.

Denn „dysfunktional“ bedeutet hier endlich mal nicht, wie in den meisten Fernsehkrimis, dass die eigentlich grundanständigen Polizisten manchmal zu tief ins Glas schauen, um eine brüchige Ehe kämpfen oder eine skurrile Schwäche für Kalauer oder Karaoke haben. Das hier sind realistische Figuren in ebenso machtvollen wie verwundbaren Postionen, und wenn die in eine Abwärtsspirale geraten, dann endet das nicht in drolligen Eigenheiten oder einem melancholischen Grundton, sondern in menschlichen Tragödien von epischem Ausmaß.

Als Prequel sollte „Zum Sterben zu früh“ eigentlich ein starkes Handicap haben: Wer „Unter Feinden“ gesehen hat, weiß, wie die Geschichte ausgeht. Becker umgeht das Problem, indem er einfach allen Zuschauern sehr früh klarmacht, dass der vom Leben geschwächte Drogenfahnder Kessel, dessen Tochter an schwerer Epilepsie leidet, auf genau so eine menschliche Tragödie zusteuert. Bevor der Film zu Ende ist, wird er seine Frau geschlagen, sein Kind an der Autobahn ausgesetzt und seinen besten und einzigen Freund mit in den Abgrund gerissen haben. Schluss mit Räuber und Gendarm, hier herrscht ein rauerer Wind.

Ein Film, der die Genre-Konventionen umstülpt

Laut den Konventionen sollte nichts an diesem Film gelingen, und doch gelingt alles – weil Becker versteht, dass die Krimihandlung nur Vehikel sein kann und die eigentliche Erzählung auf anderen Ebenen stattfinden muss. Und weil er jede vermeintliche Schwäche mit schierer Qualität zu einer Stärke umwandeln kann. So gelingt ihm ein Film, dessen schmerzhaftes Ende zwar vorhersehbar ist, der aber trotzdem große Spannung aufbaut und genuine Überraschungen bereithält. Und ein kaum überschaubares Figurengeflecht wird von ausgezeichneten Darstellern bis in die kleinsten Nebenrollen mit glaubhaftem, pulsierendem Leben erfüllt.

Anstatt den Fortgang einer Ermittlung zu schildern, erzählt Becker also vom Untergang eines Menschen. Und an Stelle von großen Heldentaten auf dem Schlachtfeld der Verbrechensaufklärung beobachten wir eine zutiefst berührende, sture Freundschaft, die bis an ihre Grenzen getestet und schließlich irreparabel angeknackst wird. „Zum Sterben zu früh“ ist ein Film, der die Genre-Konventionen umstülpt und darunter eine dunkle, aber hochgradig interessante Seite zum Vorschein bringt. Möge er in dieser Fernsehlandschaft viele Nachahmer finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare