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„Elvis“ im Kino: Die wahre Liebe - und ihre Abwesenheit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Austin Butler (l) als Elvis und Olivia DeJonge als Priscilla. Foto: Warner Bros./dpa
Austin Butler (l) als Elvis und Olivia DeJonge als Priscilla. Foto: Warner Bros./dpa © dpa

Baz Luhrmans missratenes Elvis-Biopic erstickt das Musik-Genie, indem es seinem Manager Colonel Parker zu viel Gewicht gibt.

Elvis Presley spielte Hauptrollen in dreißig Spielfilmen, und als er sich in ihnen nicht mehr wiedererkannte, setzte er sich in zwei meisterhaften Dokumentarfilmen ein Denkmal. Wer noch einmal eine Weltraumkapsel mit Menschheitszeugnissen zu befüllen hat, täte mit „Elvis – That’s the Way It Is“ auf jeden Fall den Außerirdischen etwas Gutes. Und wenn der Platz zu knapp ist, reicht auch schon die Fernsehshow „Aloha from Hawaii“.

Es braucht nicht viel, um zu erkennen, warum dieser Mann auf der Bühne so sehr elektrisierte. Aber man kann sich auch verlieren in der Erforschung seines Talents im intuitiven Verständnis für musikalische Stile, die er sich zu eigen machte, ohne den Respekt für ihre Urheber zu verlieren. Das gilt für die afroamerikanischen Stilrichtungen ebenso wie für das Country & Western-Erbe. Elvis war der entscheidende Katalisator für die populäre Musik der zweiten Jahrhunderthälfte, und als Paul McCartney gerade seinen 80. Geburtstag feierte, wird er sich sicher auch wieder bei dem Mann bedankt haben, ohne den es wohl keine Beatles gegeben hätte.

Jetzt gibt es wieder einen Elvis-Film, aber kaum ein Fan wird sein Idol darin erkennen. Witwe Priscilla lobte ihn in Cannes, aber was sollte sie auch sagen – bereits bei sieben Elvis-Filmen war sie als Produzentin involviert.

Es gibt wundervolle Elvis-Imitatoren, die ihren Traum leben und den King auf ihre Art am Leben halten. Baz Luhrman hat seinen schönsten Film, „Strictly Ballroom“, über solch niederschwellige Verwandlungen auf dem Tanzparkett gedreht, bei denen sich normale Menschen glamourösere Existenzen erobern. Hauptdarsteller Austin Butler aber scheint nichts davon im Blut zu haben. Was gibt es Spießigeres, als eine Imitation, die glaubt, durch bloße Nachahmung den Geist des Originals zu treffen? Es klingt ungerecht, denn natürlich steckt sehr viel Fleiß in dieser Darstellung, aber auch der schmierigste Kirmes-Elvis hat etwas, das weder Luhrman noch Butler in diesen Film einbringen können – wahre Liebe.

Luhrman liebt wenigstens sich selbst. Als Meister der Übertreibung ist er unübertroffen, in „Romeo and Juliet“ und „Moulin Rouge“ profilierte er sich als König unter den Schwelgern. Ein Elvis der Bilder vielleicht – nur zu dem aus Memphis findet er keinen Draht. Schon der Einfall, ausgerechnet Colonel Parker, den missbrauchenden Manager, zum eigentlichen Handlungsträger aufzubauen, wertet Elvis ab. Der US-amerikanische Kritiker David Ehrlich verglich es mit einem Britney-Spears-Biopic, das von ihrem Vater erzählt würde.

Und er stellte nebenbei die Frage, ob man in Tom Hanks falscher Nase bereits eine antisemitische Karikatur ausmachen könne – freilich mit der Einschränkung, dass es über Parkers Judentum keine gesicherten Belege gebe. Aktenkundig ist dagegen, dass auch der sonst unfehlbare Tom Hanks einmal danebengreifen kann. Sein Colonel Parker nervt, wie ein Nebendarsteller, der sich immer in den Vordergrund spielen möchte – ohne dass dabei die Figur auch nur eine Nuance mehr Profil erhält.

Eine Lebensweisheit, die uns Parker im Film mitgibt, lautet: „Man kann neun Dinge falsch machen, wenn man eine Sache richtig macht.“ Was aber könnte diese eine Sache in diesem Film bloß sein? Trotz gut zweieinhalb Stunden Laufzeit kommen ganz entscheidende Dinge gar nicht vor. Elvis’ bestes Album „From Elvis in Memphis“? Fehlanzeige. Seine Liebe zum Gospel, die ihn noch in Las Vegas nächtliche Zimmerkonzerte veranstalten ließ – eine Fußnote. Seine Musikalität als Bandleader – unerwähnt.

Aber selbst das, was Luhrman doch am meisten interessieren müsste, die Liebe zum Kitsch, wie sie in Graceland zu besichtigen ist, wird kaum ausgespielt. Stattdessen wird Austin Butlers Elvis durch historische Ereignisse seiner knappen Lebenszeit gejagt, die ihm vergönnt war. Er selbst wirkt dabei abgeschirmt im Goldenen Käfig, wie ein Darsteller seines eigenen, fremdbestimmten Lebens.

Nur die von Olivia DeJonge gespielte Priscilla spendet Trost und Halt, was seine Figur allerdings auch nicht weiter profiliert. Dabei war er es selbst, der seiner Karriere immer wieder neue Impulse gab. Etwa, als er sich aus seinem Hollywoodvertrag verabschiedete, um einen heute klassischen Konzertfilm zu drehen. Aber was seine Filmkarriere betrifft – auch hier Fehlanzeige. Einen Satz gibt es dazu von Parker, der sich rühmt, den bestbezahlten Hollywoodstar lanciert zu haben.

Muss man noch erwähnen, dass seine Hits zu einem egalisierenden, fast ununterbrochenen Flow verwoben sind, aus dem nur wenige Coverversionen sich herausheben? Dazu gehören Doja Cats schmissiger Rap über „Viva Las Vegas“, Måneskins „If I Can Dream“, und das ikonische „Suspicious Minds“, interpretiert vom indisch-amerikanischen Nachwuchsstar Paravi. Das Misstrauen – es ist das Leitmotiv einer Elvis-Biografie, die sich fürs Geschäft weit mehr interessiert als für die Kunst. Die gute Nachricht: Der wahre Elvis hat wesentlich mehr Aufnahmen auf der Tonspur untergebracht als Austin Butler. Auch ohne die Hilfe des gierigen Colonel ist ihm noch posthum ein guter Deal gelungen.

Elvis. USA 2022. Regie: Baz Luhrman. 139 Minuten.

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