Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Arbeitswillige Tagelöhner sind auch in New Labours Großbritannien schnell gefunden.
+
Arbeitswillige Tagelöhner sind auch in New Labours Großbritannien schnell gefunden.

Kino

Ellenbogen unter Leopardenfell

Ken Loach gibt dem Raubtierkapitalismus ein unerwartetes Gesicht: "It's a Free World".

Von xxmk

Seit vierzig Jahren singt Ken Loach nun schon das Lied der britischen Arbeiterschaft. Er wird nicht müde in seinem sozialen Engagement und wir nicht, ihm dabei zuzusehen. Ob Loach nun ins Milieu englischer Bahnarbeiter geht wie in "The Navigators", in die Historie des irischen Widerstandskampfes für "The Wind that Shakes the Barley", oder ob er in "Ae Fond Kiss" in das Leben pakistanischer Einwandererkinder eintaucht: Stets steht der bekennende Sozialist auf dem festen Grund seiner in Jahren des Thatcherismus noch gehärteten Überzeugungen.

Vor dem Schicksal eines politischen Sturkopfs ohne ästhetische Fortune hat Loach dabei immer sein genauer Blick bewahrt. Er agitiert nicht, und er erzählt auch keine mit britischem Stallgeruch versehenen griechischen Tragödien. Seine Dramen entwickeln sich vielmehr aus dem Zusammenprall von bescheidenen Aufstiegsfantasien und den widrigen Umständen. Kommt doch einmal eine ahnungsvolle Zwangsläufigkeit in ihnen auf, so verdankt sie sich einer mit Erfahrung gesättigten Erzählung; in den Filmen Loachs sind selbst ausweglose Situationen geräumig genug für Zwischentöne.

Auch in seinem neuen Film "It's a Free World" zieht Ken Loach keine strikte Linie zwischen Gut und Böse, Opfer und Täter: Seine Heldin, die allein erziehende Mutter Angie, arbeitet bei einer Agentur, die ausländische Arbeiter nach England holt, um sie an einheimische Firmen zu vermitteln. Das Anforderungsprofil ist dabei denkbar einfach: Billig müssen die Hilfskräfte sein und sie dürfen nicht aufmucken, wenn es um Überstunden und Arbeitsbedingungen geht. Sollte die geschäftstüchtige Angie deswegen Gewissensbisse haben, lässt sie sich diese nicht anmerken.

Als die 30-Jährige ihrem Chef wegen dessen allzu flinker Finger eine runter haut und danach mit fadenscheiniger Begründung entlassen wird, beschließt sie, das zu ergreifen, was sie für ihre letzte Chance hält. Sie überredet ihre studierte Mitbewohnerin Rosie, deren Job im Call-Center zu kündigen und an ihrer Seite in den grauen Markt der Personalvermittlung einzusteigen. Mit knappem Startkapital quartieren sich die beiden im Hinterhof einer Kneipe ein, lancieren eine Website und kaufen ein gebrauchtes Motorrad. Auf diesem klappert Angie Baustellen und Fabriken ab, wirbt mit forschem Auftreten und Dumpingpreisen für ihren Dienst und streicht, da arbeitswillige Tagelöhner auch in New Labours Großbritannien schnell gefunden sind, rasch die ersten Profite ein.

Natürlich geht es Ken Loach darum zu zeigen, dass sich Angies freies Unternehmertum vom Sklavenmarkt früherer Zeiten nicht wesentlich unterscheidet. Ohne Rechte und Sicherheiten tragen die meist aus Osteuropa stammenden Leiharbeiter ihre Haut zu Markte, wobei die Arbeitgeber illegale Einwanderer wegen deren notgedrungener Willfährigkeit noch höher schätzen. In Angie finden die Tagelöhner zunächst eine halbwegs ehrliche Maklerin, die sogar selbstlos für eine untergetauchte iranische Familie sorgt. Dann aber wirft sie doch alle Skrupel über Bord, um ihr schwächelndes Geschäft zu retten.

Nach dem poetischen Historiendrama "The Wind that Shakes the Barley" ist Loach wieder zu einem eher geradlinigen Stil zurückgekehrt: Die Kamera ist stets auf Augenhöhe des Geschehens, den rauen, aber niemals aufgesetzt wirkenden Dialogen hört man an, dass Drehbuchautor Paul Laverty weiß, wovon er schreibt, und dank Loachs schon legendärem Händchen für unverbrauchte Darsteller überträgt sich die Intensität des Arbeits- und Überlebenskampfs nahezu ungefiltert auf die Leinwand. Ganz besonders gilt dies für seine Hauptdarstellerin Kierston Wareing, eine echte Entdeckung, die genau die richtigen Ecken und Kanten für eine Aufstiegsgeschichte mit Ellenbogen mitbringt.

Am Ende lässt sich Ken Loachs Filmtitel "It's a Free World" allenfalls sarkastisch verstehen oder im Sinne eines sich selbst überlassenen Raubtierkapitalismus. Passend dazu ist die Heldin im Leopardenfell-Imitat halb treibende Kraft und halb Getriebene, ohne dass Loach sie durch die Verhältnisse entschuldigen würde. Wenn sich Angie für etwas entscheidet, dann im vollen Bewusstsein der daraus folgenden Konsequenzen.

Die Ehrlichkeit, mit der sie sich den eigenen moralischen Widersprüchen stellt, macht sie zu einer überaus sehenswerten Leinwandfigur - auch wenn Loachs jüngster Film letztlich etwas zu didaktisch geraten ist, um ihn zu seinen besten zählen zu können.

Trailer: "It’s a Free World"

It's a Free World, Regie: Ken Loach, GB / It. / Dtl. 2007, 95 Minuten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare