"Maybrit Illner: Erdogans Willkür"

Einigkeit gegen Erdogan

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Statt einer klassischen Diskussion lieferte die Talkrunde dieses Mal Aufklärung, Hintergründe und eine Abwägung von Optionen - eine überaus angenehme Abwechslung.

In mehreren großen TV-Kulturen, vor allem in England und den USA, ist derzeit eine Debatte um Ausgewogenheit ausgebrochen. Muss die BBC in der Brexit-Debatte neutral bleiben und beide Seiten gleichberechtigt zu Wort kommen lassen? Müssen die US-Nachrichtensender Trumps mäandernden Twitter-Irrsinn genauso ernsthaft behandeln wie die Gegenstimmen? Der US-Präsident hat kürzlich sogar eine Late-Night-Quote gefordert, damit sich die Unterhaltungskomiker gefälligst genauso oft über seine politische Gegner lustig machen wie über ihn.

Verzicht auf Pseudo-Ausgewogenheit

Im deutschen Fernsehen ist von dieser Diskussion noch nicht allzu viel angekommen. Aber angesichts des wachsenden Wutbürgertums und der hohe AfD-Quote, gab es auch in hiesigen Talkshows schon die Frage, ob ein großer Teil der Bevölkerung ungehört bleibt – und ob das im Umkehrschluss  bedeutet, dass man verpflichtet ist, ihren Standpunkten Gehör zu verschaffen. Das Ergebnis waren oft rechtsradikale Quotengäste, die mit ihren erbärmlichen Argumentversuchen und ihrem Selbstmitleid die Debattenkultur keineswegs bereicherten.

Umso angenehmer, dass Maybrit Illner bei ihrer Erdogan-Diskussion auf diese Pseudo-Ausgewogenheit kurzerhand ganz verzichtet hat. Man hätte sich durchaus einen Erdogan-Apologeten als Studiogast vorstellen können. Stattdessen gibt es schon in der Anmoderation entschlossene Worte wie „Erpressung“, „Geiselnahme“ und „Provokationen“. Und dann wird erstmal mehr als die Hälfte der Sendung einem Interview mit dem kürzlich freigelassenen „Welt“-Korrespondenten Deniz Yü?el überlassen. Dieser ringt mit den Tränen und erklärt, wie wichtig die Solidarität in und aus der Heimat war – und findet dann ebenso kluge wie zupackende Worte für das Erdogan-Regime: „Das sind zwar Islamisten und Nationalisten, aber das sind sie nur hobbymäßig. Hauptberuflich sind das Gangster.“ Entsprechend plädiert er für wirtschaftlichen Druck.

Daran knüpfte dann auch direkt die Gesprächrunde an, mit der grünen Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, dem Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses Norbert Röttgen von der CDU und der "Zeit"-Redakteurin Özlem Topcu. Und so sehr man sich angesichts der Anfangs-Statements noch wunderte, wie sich die Argumente in den letzten 10 Jahren doch gedreht haben, dass plötzlich die CDU von notwendiger Kooperation spricht und die Grünen von harter Kante, so sehr waren sich letztlich alle einig.

Langeweile? Mitnichten!

Einig, dass die Bundesregierung viel zu lange geschwiegen hat und viel zu laut weiter schweigt zu Erdogans außenpolitischen Eskapaden, und zudem ihre eigenen Waffenlieferungsrichtlinien missachtet. Einig in ihrer Kritik an Nato-Generalsekretär Stoltenberg, der einen brodelnden Konflikt in der Organisation aussitzen will, obwohl Nato-Staaten wie die Türkei und die USA in den kurdischen Gebieten direkt aneinander geraten oder die Türkei kurzerhand kurdische Gebiete im Irak und in Syrien angreift. Einig auch, dass die deutsche Wirtschaft mehr in die Pflicht genommen werden sollte, da man hier enormes Druckpotential hat.

Führt soviel Einigkeit („so leid mir das auch tut“, wie immer wieder beteuert wird) zu Langeweile? Mitnichten! Stattdessen wird der Kern des Bildungsauftrags erfüllt mit faszinierenden und durchaus kontroversen Teilaspekten des Problem. Es gibt viele „einerseits-andererseits“-Komplexitäten, was immer ein Zeichen für eine wirklich kluge Debatte ist. Und man mag sich einig sein, dass man etwas gegen Erdogan tun muss, aber aber in welcher Weise, in welchen Bereichen und in welcher Eskalationsstufe, das ist dann eben doch streitbar. Hier dürfen sich die Redner doch noch profilieren – aber gewonnen habe an diesem Abend alle, vor allem die Zuschauer. Anstatt stumpfer Grundsatzdiskussionen haben sie ein durchaus erhellendes und erstaunlich konkretes und konstruktives Gespräch erlebt, das viele Antworten aufgeworfen hat.

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