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Die Marching Cobras aus Kansas City treten für Doug Aitken auf.

Doug Aitken „Station to Station“

Einfahrt eines Zuges

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US-Künstler Doug Aitken hat einen Zug durch Amerika geschickt. An Bord Musiker und Künstler, an den Stationen zehn Performances. Aitken drehte dabei 62 Einminüter, aus denen der erstaunlich fesselnde Film „Station to Station“ wurde.

Wenn man sich neu erfinden wollte in Amerika“, sagt der Musiker Jackson Browne im Dokumentarfilm des Künstlers Doug Aitken, „dann konnte man immer den Zug nehmen.“ Und dann rezitiert er aus seinem Song, der diesem Film den Titel gibt, „Station to Station“: „Für jede andere Art des Reisens bin ich überqualifiziert. Ich habe einen Doktortitel in Sonne und Wind und Regen.“

Es ist ein Mythos, dass man einen Führerschein besitzen müsste, um die Vereinigten Staaten zu erleben. Das schönste Transportmittel ist dort noch immer die Eisenbahn. Indianer wurden für sie um ihr Land betrogen, Kettensträflinge verlegten ihre Schienen in brüllender Hitze. Eisenbahn-Tycoons häuften mit ihr unermessliche Reichtümer an. Sollte das alles umsonst gewesen sein? Wer heute in den USA mit dem Zug reist, staunt, wie bezahlbar dieser Luxus von damals geworden ist. Und erlebt dank der Fahrgäste augenblicklich eine heimliche Alternativ-Kultur, die ebenso unauffällig wirkt wie unbestechlich in ihrer liberalen Lebenseinstellung. Kein Wunder, wenn jetzt auch die Kunstszene auf diesen Zug aufgesprungen ist.

Der Multimedia- und Performancekünstler Doug Aitken, dem die Frankfurter Schirn gerade eine große Ausstellung widmet, schickte vor zwei Jahren einen Zug von der Ost- zur Westküste mit Halt für zehn Performances. Über die zum Teil recht prominenten Passagiere und die auf dem Weg besuchten Künstler drehte er 62 Einminutenfilme, die sich überraschend glücklich zu einem Langfilm fügen.

Manchmal fragt man sich schon, warum es sein Zug so eilig hat, dass für Patti Smith oder Cat Power gerade einmal ein paar Takte übrig bleiben. Oder vom Fotografen William Eggleston, wenn er sich schon in seltener Gesprächslaune zeigt, nur wenige, wenn auch wunderbare Sätze zu hören sind.

„Ich bin nicht auf der Suche nach irgendetwas. Die Dinge tauchen einfach auf. Zu meiner großen Überraschung. Und zu meiner Freude“, sagt er dann, und er fügt hinzu: „Wir sind wirklich von Bildern umgeben: Sättigungspunkt des von Bildern umgebenen Raumes.“ Doch unter diese Worte hat Aitken bereits sanftes Räderrattern gemischt, denn er ist schon unterwegs zu Ed Ruscha, der durch die kalifornische Wüste schreitet.

Und auch Ed Ruscha scheint nicht im Mindesten müde, all dieses so Mitteilsam-Obskure in seiner Umgebung aufzuspüren, das schon vor vierzig Jahren seine Ästhetik definiert hat. „Da ist noch so viel zu entdecken, Farmland und vergessenes Land. Und wenn es auch zu sonst nichts gut sein sollte, dann befreit es doch immer noch den Geist eines Stadtmenschen. Da ist soviel Merkwürdiges zu entdecken, das einem dabei hilft, eine grundsätzliche Geschichte zu entdecken. Und darum geht es ja nun einmal nur in der Kunst.“

Und natürlich, möchte man hinzufügen, auch beim Reisen. „Station to Station“ ist wie Wim Wenders in Zeitraffer: Zunächst denkt man, Doug Aitken fürchte den Leerlauf und verleugne die doch für jede Reiseerfahrung so essentielle Langeweile. Aber dann denkt man, im Gegenteil, was für ein Reichtum wird da ausgeschüttet, geradezu verplempert. Es soll uns recht sein.

Reisefilme, ob man sie nun Road- oder Railmovies nennt, kondensieren nun einmal die Zeit, die Frage ist nur, in welcher Konzentration. Ob Thomas Demand, Christian Jankowski oder Olafur Eliasson (der eine wunderbare mobile Zeichenmaschine gebaut hat, die das Rattern einer Zugreise in Kunst übersetzt) – ihnen allen bleibt nur eine Minute. Die beste Präsentationsform dieses Films wäre die Sesamstraße: So einfach, kurz und bündig und vor allem mitreißend hat man lange nicht mehr Kunst vermittelt. Und das alles ohne eine weiße Museumswand, Messekoje oder das Schaufenster einer Kunstgalerie im Hintergrund.

In der Geschichte des Kunstfilms verdient „Station to Station“ einen Platz gleich neben dem großen Klassiker des amerikanischen Malerfilms, „Painters Painting“ von Emile de Antonio. Doug Aitken selbst hat sich dabei vollkommen zurückgenommen, allein in der Montage der kurzen Szenen zeigt sich ein wenig von seiner Handschrift. Und so unterschiedlich die Rhythmen dieser Minifilme sind, in der übergeordneten Taktung des strengen Ein-Minuten-Diktums evozieren sie ein ganz eigenes Zeiterlebnis.

Und auch das führt „Station to Station“ zurück in die klassische Zeit des Künstlerfilms, als strukturelle Filmemacher in den frühen siebziger Jahren das Medium von seinen allerersten Anfängen aus erkundeten. Immer wieder kamen sie dabei auch auf das Thema der Eisenbahn zurück: Immerhin filmten ja schon die Brüder Lumière am allerliebsten Züge. Der Künstler Thomas Demand erweist ihnen im Aitken-Projekt Tribut, indem er eine reale Lokomotive durch eine Papierleinwand rasen lässt. Und den Film davon wiederum einem Publikum vorführt – freundliches Erstaunen garantiert.

Station to Station. Regie: Doug Aitken. USA 2014, 67 Min. Die Aitken-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt läuft bis zum 27. September.

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