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Mit 19 muss Erika Schinegger (Markus Freistätter) sich nach einem Chromosomentest damit auseinandersetzen, dass sie biologisch ein Mann ist.
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Mit 19 muss Erika Schinegger (Markus Freistätter) sich nach einem Chromosomentest damit auseinandersetzen, dass sie biologisch ein Mann ist.

TV-Kritik

„Einer wie Erika“ (ARD): Der Mann, der Weltmeisterin wurde

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Das vorzüglich gespielte und ausgezeichnet fotografierte Drama basiert auf der authentischen Lebensgeschichte eines Österreichers, der in den 60ern als „Mädchen“ zum Ski-Star wurde.

  • Die ARD zeigt das Drama „Einer wie Erika“.
  • Darin geht es um die Geschichte eines Österreichers, der als „Mädchen“ zum Ski-Star wurde.
  • Der Film erzählt eine wahre Geschichte über Genderverständnis.

Die Hebamme muss zweimal hinschauen, bevor sie der erschöpften Mutter das Geschlecht ihres Kindes verkünden kann: „ein Mädel“. Der Vater verlässt wortlos das Zimmer; er hätte wohl lieber einen Jungen gehabt, der ihm auf dem Bauernhof hilft. Es ist das Jahr 1948, irgendwo im tiefen Kärnten. Die Geschichte dieses Films und die Lebensgeschichte von Erika Schinegger beginnen in einer Zeit, in der die Menschen auf komplizierten Fragen einfache Antworten erwarten. Im Grunde hat sich das bis heute nicht verändert, und auch das macht „Einer wie Erika“ (ARD) zu einem sehenswerten Film.

„Einer wie Erika“ (ARD): Vom Skitalent zur Weltmeisterin

Dirk Kämper (Buch) und Reinhold Bilgeri (Regie) erzählen in „Einer wie Erika“ (ARD) mit sorgfältig gestalteten Bildern, wie die kleine Erika zu einem Wildfang heranwächst, der nicht mit Puppen spielen will und frechen Jungs eins auf die Nase gibt. Wenn Erika es wieder mal zu toll getrieben hat, zündet die Mutter (Birgit Melcher) eine Kerze an; es werden viele Kerzen. Das Mädel entpuppt sich herausragendes Skislalomtalent, gewinnt Pokal um Pokal, wird in den österreichischen Kader berufen und Weltmeisterin. Die Herren vom Verband (unter anderem August Schmölzer und Cornelius Obonya) würden sich bei öffentlichen Auftritten zwar lieber mit einer etwas fescheren jungen Frau schmücken, aber im Glanz der Medaillen sonnen sie sich ebenso gern wie die Menschen in Erikas Dorf. Als 1966 vor den Winterspielen von Grenoble der „Sextest“ eingeführt wird, stellt sich raus, dass sie ein Mann ist.

„Einer wie Erika“ (ARD): Sie weiß, dass sie anders ist als andere Mädchen

„Gefangen im falschen Körper“ ist eine beliebte Beschreibung für die seelischen Nöte von Menschen, die als Mann auf die Welt gekommen sind, sich aber als Frau fühlen; oder umgekehrt. Diese Nöte hat die von Markus Freistätter sehr glaubwürdig verkörperte Erika allerdings gar nicht; aber vielleicht passen solche Gedanken auch schlicht nicht in ihr Weltbild. Sie weiß zwar, dass sie anders ist als andere Mädchen, und vielleicht wundert sie sich insgeheim auch darüber, dass sie so starke Gefühle für ihre Freundin Christa hegt, aber der Begriff „Transgender“ wurde erst Jahre später geprägt. Die Männer vom Skiverband wollen das Problem schnellstmöglich vom Tisch: Die Ärzte einer Innsbrucker Klinik sollen mit Einverständnis der Eltern ein „anständiges Frauenzimmer“ aus ihr machen.

In der Weltmeisterin Erika (Markus Freistätter) sieht der Bürgermeister (Franz Weichenberger) jede Menge Chancen fürs Dorf.

Jetzt endlich rückt Erika selbst in den Mittelpunkt. Natürlich war sie schon die ganze Zeit die zentrale Figur der Geschichte, aber stets nur Objekt, nicht handelndes Subjet. Das ändert sich, als sie in die Obhut der mütterlichen Schwester Sigberta (Marianne Sägebrecht) gegeben wird. Sie sieht, dass Erika bloß ein Spielball der Funktionäre ist, sie spürt, dass dieser nicht mal zwanzig Jahre junge Mensch von den Ereignissen völlig überfordert ist; und sie ahnt, dass die Entscheidung, endgültig zur Frau zu werden, Erikas Leben für immer ruinieren würde. Der Arzt (Harald Schrott), der die Operation durchführen soll, pflichtet der Nonne bei: Penis und Hoden sind nach innen gewachsen; Brüste hat Erika ohnehin nicht.

„Einer wie Erika“ (ARD): Der Vater freut sich, einen Sohn zu haben

Sie selbst kann sich in „Einer wie Erika“ (ARD) allerdings gar nicht mit dem Gedanken anfreunden, plötzlich ein Mann zu sein. Eine erotische Begegnung mit Christa (Lili Eppli) und die Aussicht, als Mann Vater zu werden zu können, als Frau aber ganz sicher keine Kinder zu bekommen, sorgen dafür, dass sie ihre Meinung ändert. Wochen später kehrt sie als Erik in ihr Elternhaus zurück. Der schweigsame Vater (Gerhard Liebmann) sagt immer noch nicht viel; aber insgeheim freut er sich, endlich den Sohn zu haben, den er sich immer gewünscht hat.

„Einer wie Erika“ (ARD): Ein Film, hervorragend fotografiert

Es dauert zwar eine Weile, bis Kämper in „Einer wie Erika“ (ARD) zur Identitätsfindung seiner Hauptfigur und damit zum eigentlichen Kern der Handlung kommt, aber der Weg dorthin ist wichtig, weil die Zeiten gänzlich andere waren; in der Schilderung dieser Umstände und der behutsamen Verarbeitung des Themas liegt die große Stärke der Geschichte. Dass sie authentisch ist, macht sie naturgemäß noch interessanter. Neben der vorzüglichen Arbeit mit den Schauspielern und der sehr zeitgenössisch klingenden Rock-Musik (Raimund Hepp), die einen reizvollen Kontrast zu den Bildern darstellt, ist vor allem die Kameraarbeit von Carsten Thiele herausragend.

Eine Geschichte von Ohnmacht und Hilflosigkeit

Viele Bilder in „Einer wie Erika“ (ARD) wirken komponiert, das Lichtkonzept ist von großer Sorgfalt; Thiele und Bilgeri hatten offenkundig den Vorsatz, sich nicht mit der erstbesten Einstellung zufrieden zu geben. Eine Einstellung verdeutlicht Erikas Zerrissenheit perfekt: Ein Schatten teilt ihr Gesicht vertikal in zwei Hälften, die eine ist hell erleuchtet, die andere liegt im Dunklen. Als Kübler sie bittet, ihre geschlechtliche Laune der Natur seinen Studenten vorführen zu dürfen, schwebt sie bei der peinlichen Präsentation einfach davon; bei der Operation taucht sie buchstäblich ab.

Für Bilgeri erzählt der Film, der in Österreich im Kino lief, eine „Geschichte der Ohnmacht und Hilflosigkeit einer Gesellschaft, die von ihren Tabus entlarvt wird, eine Geschichte von Intoleranz, Vorurteilen und Scheinheiligkeit, ausgetragen auf den Schultern eines Teenagers.“ Der Regisseur hat zuvor erst zwei Filme gedreht, und beide liegen schon eine Weile zurück, selbst wenn das ZDF seinen sehenswerten ORF-Landkrimi „Alles Fleisch ist Gras“ (2013) erst im Sommer 2020 ausgestrahlt hat; sein Debüt war das Drama „Der Atem des Himmels“ (2010). (Von Tilmann P. Gangloff)

Zur Sendung „Einer wie Erika“ (ARD)

Sendetermin: 25.11., ARD, 20.15 Uhr: „Einer wie Erika“ (ARD). Die Sendung in der Mediathek.

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