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Die fast durchgängig animierte Science-Fiction-Serie für Erwachsene reiht ein bluttriefendes Horror-Szenarium ans nächste.

„Love, Death & Robots“

Aus einer sehr warmen Suppe

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Rauspicken erlaubt bei „Love, Death & Robots“: Anthologien machen es leicht, sich die Perlen herauszusuchen. Aber wieso präsentiert uns Netflix die Serie in vier verschiedenen Versionen? Unsere Serienkolumne „Nächste Folge“.

Wer auch immer bei Netflix für den Titel von „Love, Death & Robots“ verantwortlich zeichnet, sollte sein Konzept von Liebe kritisch hinterfragen. Die fast durchgängig animierte Science-Fiction-Serie für Erwachsene reiht ein bluttriefendes Horror-Szenarium ans nächste, dystopische Gesellschaften werden bevölkert von insektenartigen Monstern, Kampfrobotern, Geisterwesen, künstlicher Intelligenz und – Katzen. Aber Liebe? Vordergründig ist Sex im Spiel, in Wahrheit geht es auch dabei meist um Machtausübung und Gewalt. Trotzdem gucken? Ja und nein – die Anthologie macht beides möglich.

Jede der 18 Episoden der ersten Staffel von „Love, Death & Robots“, entstanden unter der Regie von Tim Miller („Deadpool“) und David Fincher („House of Cards“), hat eine abgeschlossene Handlung. Die sechs bis siebzehn Minuten langen Folgen basieren auf Kurzgeschichten internationaler Science-Fiction-Autoren wie Alastair Reynolds, Peter F. Hamilton, Ken Liu oder Joe R. Lansdale. Die Umsetzung unterstreicht den Charakter einer Sammlung: 15 Animationsstudios sind beteiligt und liefern eine große Bandbreite an Genres und Stilmitteln wie Cartoon, Zeichentrick, Anime, Rotoskopie und Computer Generated Imagery (CGI). Am Nebeneinander von abstrakten und realitätsnahen Animationen lässt sich auch der Uncanny-Valley-Effekt studieren: Der Begriff des „unheimlichen Tals“ beschreibt das Phänomen, dass die Zuschauerin eine abstrakte künstliche Figur eher als „menschlich“ akzeptiert und oft sympathischer wahrnimmt als die fotorealistische Animation eines Menschen. Bei der reicht ein einziger unnatürlicher Bewegungsablauf, und die Akzeptanz sinkt drastisch.

Anthologien machen es leicht, sich die Perlen herauszupicken. Allen, die für eine Reise durch die Welt der Animationsstile wenig übrig und zudem keine Lust haben, ihre Zeit mit der noch so beeindruckend animierten Darstellung von Gewalt und platten Klischees über Frauen (und auch Männer) zu verschwenden, seien darum hier einige ausgewählte Episoden ans Herz gelegt.

In „Zima Blue“ kündigt ein gefeierter Künstler mit kybernetisch modifizierten Fähigkeiten die Präsentation seines letzten Werkes an. Vor der Enthüllung offenbart er einer Journalistin das Geheimnis seiner Herkunft. Die Episode aus der Schmiede des Passion Animation Studios hebt sich wohltuend ab: Langsam erzählt, gibt sie Ruhe und Raum für Nachdenklichkeit obendrauf noch fürs Schwelgen in abstrakten, faszinierenden Bildern.

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In „Drei Roboter“ unternimmt ein Maschinen-Trio einen Ausflug in eine postapokalyptische Stadt. Auf ihrem Rundgang vorbei an Leichen, Autowracks und Häuserruinen („Es ist noch viel schöner als im Prospekt!“) philosophieren die drei über die Spezies, die hier lebte und an der eigenen Hybris zugrunde ging. Fragwürdige Bauweise, umständliche Lebenserhaltungssysteme: „Wer hat die denn bloß entwickelt?“ Die Klügste der drei Maschinen referiert: „Sie wurden von einer unbegreiflichen Gottheit aus Staub kreiert. – Das war ein Witz. Sie entstammen aus einer sehr warmen Suppe.“

„Helfende Hand“ und „Luke 13“, letztere ist eine von zwei Episoden mit realen Darstellerinnen, machen Frauen ausnahmsweise nicht zu Opfern oder Sex-Objekten, sondern zu Handelnden, die einen hohen Preis zu zahlen bereit sind, um ihre Ziele zu erreichen. „Alternative Zeitachsen“ lässt Hitler auf allerlei absurde Arten zu Tode kommen und zieht durchaus plausible Schlüsse für die Geschichte der Mondlandung, die jeweils neu geschrieben werden müsste. Und bei „Als der Yoghurt die Kontrolle übernahm“ ertappt sich die Betrachterin bei dem Wunsch, die Fiktion wäre Realität – und im Weißen Haus regiere tatsächlich ein Milchprodukt.

Unlängst kündigte Netflix eine zweite Staffel an. Gut möglich, dass das Streamingportal auch diese zum Experimentieren mit der Episoden-Abfolge nutzt – was schon zum Start der ersten Staffel für Irritationen sorgte. Lukas Toms, einer der Gründer der LGBT+-Community Out in Tech, war aufgefallen, dass die Serie bei ihm mit der Folge „Sonnies Vorteil“ und einem lesbischen Plot beginnt, bei heterosexuellen Freunden hingegen mit „Jenseits des Aquila-Riffs“, in dem Sex zwischen einer Frau und einem Mann gezeigt wird. Den Verdacht, persönliche Daten für eine gezielte Ansprache der Kundschaft zu nutzen, wies Netflix in diesem Fall zurück: „Love, Death & Robots“ werde in vier Versionen ausgespielt, um herauszufinden, wie die Reihenfolge der Episoden die Verweildauer beeinflusst. „Die Version, die Ihnen präsentiert wird, hat nichts zu tun mit Geschlecht, Ethnie oder sexueller Identität – Informationen, die wir ohnehin nicht haben“, teilte das Unternehmen via Twitter mit. Letzteres darf getrost bezweifelt werden.

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