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„Das sind wir“.

„Wir“

Unsere Angst vor dem Fremden

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Mit dem visionären Horror-Film „Wir“ beweist sich Jordan Peele als origineller Kinoerzähler.

Horrorfilme wären nichts ohne die Angst vor dem Fremden. Früher schämte man sich ihrer im Alltag, inzwischen hat sie die Medien erobert und die Politik. Welchen Grund gäbe es sonst, dass über eine Straftat, für die ein Asylbewerber verdächtigt wird, groß berichtet wird, während die gleiche Tat eines Deutschen kein Thema wäre? In den USA hält derzeit ein Präsident den nationalen Notstand für geboten, um Angst vor Einwanderung zu schüren.

Ob es ein Zufall ist, dass ausgerechnet in diesem Klima ein Horrorfilm ins Kino kommt, der an die Stelle des Monsters im Filmtitel das kleine Wörtchen setzt: „Wir“? Wer das Debüt des Regisseurs und Autors Jordan Peele gesehen hat, den Rassismus-Thriller „Get Out“, kann es nicht für Zufall halten.

Angst vor dem Fremden

Natürlich ist es erst einmal ein Allgemeinplatz zu sagen, das Gruseligste seien immer noch wir. Alfred Hitchcock konnte einen Himmel mit wild gewordenen Vögeln füllen und gleichwohl die Ebene des Unbestimmten nicht verlassen. Wie in so vielen klassischen Horrorfilmen verweist die Angst vor dem Fremden auf ein denkbar weit gefasstes Gefühl der Entfremdung, das stets auf uns selbst verweist. Dennoch muss man auf die einfache und verblüffende Idee der zentralen Szene dieses eigentlich ganz klassischen Horrorfilms erstmal kommen. Da wird eine vierköpfige Familie aus der afroamerikanischen Mittelschicht in seinem Heim von Eindringlingen bedroht, die aussehen wie sie selbst.

Es ist eine archetypische amerikanische Familie und sie ist sich dessen so bewusst, dass sie sogar einen Aufkleber mit den Silhouetten von Papa, Mama, Tochter und Sohn auf die Rückscheibe ihres Autos geklebt hat. Der kleine Junge spricht es als erster aus, als er ein Spiegelbild der eigenen Familienkonstellation drohend vor dem Hauseingang ausmacht: „Das sind wir“.

Aus Gründen, die später im Film noch dargelegt werden, aber kaum von Bedeutung sind, hat plötzlich jeder Mensch einen Zwilling. Und nun stehen also diese Doppelgänger vor der Haustür und verlangen den Platz der dort Eingesessenen. Ihre Waffen sind simpel, aber unheimlich: einfache Schneiderscheren. Man kann einiges Unheil damit anrichten, und ebenso wenig wie etwa Michael Hanekes „Funny Games“ ist dies kein Film, der das Blut scheut. Doch falls der österreichische Thriller über Sozialneid und Gewaltvideos ein Vorbild ist, dann betrifft das nur den geringsten Teil. Mehr ist da von Hitchcock, an dessen „Vögel“ die elegante Behandlung von Orten und Landschaften erinnert. Oder von Jacques Tourneur, diesem Meister des Übernatürlichen in Filmen wie „Katzenmenschen“ oder „Ich folgte einem Zombie“. Sorgsam kündigt sich dieses Übernatürliche an, schon in den ersten, rätselhaften Bildern, die zugleich in die Popkultur von Reagans 80er-Jahre-Amerika einführen.

Protestkultur der 80er Jahre

Auf dem übergroßen T-Shirt eines Heranwachsenden mit verstörtem Gesicht ist Michael Jackson in „Thriller“ zu sehen – diesem Einbruch von Horror-Ästhetik in die Teenagerwelt der Musikvideos. Dann lernen wir die spätere Familienmutter Adelaide als Mädchen kennen. Auf dem Gelände einer Strandkirmes entdeckt sie ein verlassenes Spiegelkabinett. Neugierig nimmt sie die Einladung des Werbeschilds an: „Finde dich selbst“. Was sie findet, ist aber kein bloßes Spiegelbild, sondern ein Mädchen, das genauso aussieht wie sie. Eine Auflösung des Rätsels bleibt zunächst aus, wenn die Handlung abrupt in die Gegenwart schneidet mit Lupita Nyong’o in der Rolle der erwachsenen Adelaide. Nach den Genre-Konventionen hätte ihre patente Filmfigur alle Voraussetzungen zum „final girl“, der traditionell weiblichen Überlebenden in Horrorfilmen. Das frühe Trauma, die Begegnung mit dem Unerklärlichen, trägt sie nach diesen Konventionen wie ein Schutzschild.

In der Tat scheint der Film diese Erwartung eine Zeitlang zu erfüllen, wie er überhaupt die Erwartung an das Genre in einem traditionellen Sinne ernst nimmt und bedient. Fans werden diesen Film von der ersten bis zur letzten Minute lieben. Zugleich ist da aber auch ein Überschuss an Form, ein Sinn für Mehrdeutigkeit und ein Spiel mit kulturellen Referenzen, die an den ikonographisch geschulten Horror eines Nicolas Roeg oder Dario Argento erinnern. Ebenso ungewöhnlich ist die Filmmusik von Michael Abels: Statt verweisträchtigen Popsongs oder einer effektheischenden Musik entschied man sich für eine hochseriöse, von der minimal music ausgehende Begleitung von leiser Emotionalität.

In einer grandiosen Szene lässt Jordan Peele ein Bild der Protestkultur der 80er Jahre auferstehen, wenn sich die Doppelgänger schweigend zu einer kilometerlangen Menschenkette aufstellen. Hierzulande mag man an die Friedensdemonstrationen denken, in den USA erinnert sich das Publikum an die Aktion „Hands Across America“, bei der sich 1986 sechs Millionen Menschen – darunter abermals Michael Jackson – die Hände reichten, um Spenden für Obdachlose zu sammeln.

Wer also sind die Ausgeschlossenen, die in diesem Film Einlass begehren? Sind es die Geister derer, die für den amerikanischen Wohlstand starben? Die ausgerotteten Ureinwohner? Die Sklaven? Auch wenn ein furioses Finale noch Erklärungen anbietet, die innerhalb der Geschichte eine gewisse Ordnung stiften, bleibt die metaphorische Kraft der vieldeutigen Bilder bestehen. Sie überdauern den Plot und den Film, man nimmt sie mit nach Hause – so wie das Bild des Zwergs mit der roten Kapuze in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ oder die ruhenden Vögel in der Schlussszene von Hitchcocks Klassiker. Es kommt nicht oft vor, dass es ein Genrefilm von heute mit der visionären Kraft dieser Klassiker aufnehmen kann.

Wir. USA 2019. Regie: Jordan Peele. 121 Min.

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