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Eine Witwe, eine (Ex-)Babysitterin, Viola Davis (l) und Cynthia Erivo als Belle.

"Widows"

Wie in einem Spiegel

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Steve McQueen beweist im Thriller "Widows", dass er Hollywoods bester Regisseur seiner Generation ist.

Steve McQueen, der britische Oscar-Gewinner für „12 Years a Slave“, kommt aus der Kunstwelt ins Kino. Hier wie dort ist er ein Perfektionist. In Museen dürfen seine Bewegtbild-Arbeiten nur von wuchtigen 3-Strahl-Projektoren abgespielt werden, den Dinosauriern unter den Video-Beamern. Die Mühe macht man sich dort gern, ebenso wie man ihm in Hollywood ermöglicht, noch auf gutem alten 35mm-Film zu drehen. Kodaks warme Farben und die matte Körnigkeit passen gut zum Remake einer nur noch wenig bekannten britischen Fernsehserie.

Geschrieben von Lynda La Plante, machte „Widows“ mit ungewöhnlichen Protagonistinnen für eine Krimiserie bekannt, den Witwen dreier Gangster. Als sie sich daran machen, den letzten Raubzug, dessen Plan sie finden, selbst auszuführen, erleben sie eine Überraschung, die noch einmal ein anderes Licht auf den Kopf der Gangster und sein Doppelleben wirft.

Steve McQueen spart sie sich lange genug auf, bis in jenen Teil der Geschichte, die fairerweise nicht mehr in einer Filmkritik verraten wird. Umso interessanter ist, was dieser vielleicht begabteste Filmemacher seiner Generation in Hollywood für sich darin entdeckt. Mit dreizehn Jahren, erzählte er in einem Interview, habe er die Serie im britischen Fernsehen gesehen und sich mit den Frauen spontan identifiziert: „Als schwarzer Junge in London sah ich mich den gleichen Erwartungen ausgesetzt wie diese Frauen, denen niemand zutraute, was sie erreichen wollten.“

Dies spiegelt sich nun in der Besetzung der Anführerin der Gruppe mit der afroamerikanischen Schauspielerin Viola Davis. McQueen ist der Auffassung, dass man vor seinem Film „Twelve Years a Slave“ in Hollywood nicht glaubte, dass Filme mit schwarzen Hauptfiguren erfolgreich sein könnten. Tatsächlich war Quentin Tarantino sehr erfolgreich, als er den legendären Star des Blacksploitation-Kinos, Pam Grier, als „Jackie Brown“ besetzte; allerdings ist dies auch zwei Jahrzehnte her.

Zu Beginn des Films sieht man Veronica mit ihrem Mann Harry in einem Chicagoer Penthouse residieren, die Wände mit moderner Kunst geschmückt. Auf dem Vinyl-Plattenspieler dreht sich wie eine Warnung Nina Simones Ballade „Wild Is the Wind“. Wenig später stirbt der Mann in einer Explosion, doch da ihn kein Geringerer als Liam Neeson spielt, wird er in der Geschichte wohl noch wichtig werden. Interessant ist die prominente Platzierung von moderner Kunst in dieser Szene. Seht her, mag Steve McQueen hier andeuten, das ist das Milieu, aus dem ich komme, und schließlich endet die Kunst bei reichen Kriminellen.

Bald muss die Witwe erfahren, dass ihr Mann, von dessen dunkler Seite sie wenig wusste (oder wissen wollte), einem anderen Gangster zwei Millionen Dollar schuldet. Immerhin hat ihr Mann ein Notizbuch mit seinen detaillierten Plänen und Kontakten hinterlassen (leichtsinnig, so etwas überhaupt anzulegen, aber nörgeln wir hier nicht über eine kleine Unglaubwürdigkeit): So kontaktiert sie die drei Witwen seiner Kumpane, von denen sie vermutet, dass sie ähnliche Sorgen haben. Zwei machen mit, für die dritte findet sich mehr als adäquater Ersatz in Gestalt der Babysitterin Belle. Die sportive Schönheit wird verkörpert von Cynthia Erivo, einem Musical-Star vom Londoner Westend, die gerade erst ihr Kinodebüt gab in „Bad Times at the El Royale“. Um Erivos weitere Karriere im Action-Genre muss man sich nicht sorgen, ihre Filmfigur ist ungemein erfrischend. Ein Erfolgsgarant.

Wer Steve McQueens frühere Filme – insbesondere „Hunger“ und „Shame“ – für ihre kühle Präzision und dennoch rabiate Emotionalität bewunderte, wird „Widows“ sein bislang konventionellstes Werk finden. Es ist ein Genrefilm, wie er im Buch steht, aber fast jede Szene enthält einen versteckten Mehrwert, so wie man ihn früher finden konnte, wenn Meister wie Orson Welles oder Brian De Palma einen „Geldjob“ annahmen. Wie Welles liebt es McQueen durch Spiegel zu filmen und dadurch ein Gefühl von Unsicherheit und Unwirklichkeit zu kreieren. Umso realistischer ist seine Behandlung des Schauplatzes Chicago. Diese Stadt sozialer Gegensätze ist nur selten in Hollywoodfilmen, zu sehen, selbst die klassischen Gangsterdramen der 30er Jahre bestanden nur aus Studiokulissen.

Um adäquate Gegenspieler müssen sich die Frauen nicht sorgen. Eine weiße Politikerdynastie gilt es gleich mit in Schach zu halten, die bis zum Hals in den schmutzigen Geschäften steckt. Robert Duvall spielt den finsteren Patriarchen, dessen größte Sorge darin besteht, dass die politische Macht in der Stadt in die Hände eines Schwarzen fallen könnte; Colin Farrell spielt seinen aalglatten Sohn und designierten Nachfolger. McQueen hat hier messerscharf die Sorgen der Trump-Gemeinde in den alten Serienstoff geschrieben und ihn so zur Tagesaktualität herausgeputzt.

Die raffinierte Distanziertheit, die Steve McQueen seiner Regie beimischt, wird noch einmal betont durch eine außergewöhnliche Filmmusik von Hans Zimmer. Es gibt nichts, was dieser Deutsche in Hollywood nicht kann, doch nur selten nimmt er sich Zeit für etwas wirklich Gutes. Dies ist seine beste Arbeit seit Terrence Malicks „Der schmale Grat“.

Wer Steve McQueen einmal kennengelernt hat, erlebt einen Mann von höchster Konzentration und natürlicher Autorität. Seine Filme atmen den gleichen Geist omnipräsenter Einflussnahme. Besetzung, Ausstattung, Schnitt (wie stets besorgte ihn Joe Walker), alles spielt in einer Weise ineinander und verdichtet sich derart, dass man sich keine Sekunde von der Leinwand abwenden mag. Selbst bei der Neuverfilmung einer Fernsehserie, deren eigentliche Handlung den Genre-Konventionen verpflichtet bliebt.

In der Karriere dieses Regisseurs aber ist es ein weiterer wichtiger Schritt: Nach dem Erfolg von „12 Years a Slave“, einem unterfinanzierten Projekt, beweist er nun, dass er auch dem Action-Kino seinen Stempel aufdrücken kann. Nun steht ihm der Himmel offen. In Hollywood könnte er Spielberg und Scorsese zugleich ersetzen.

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