Die Frau, der man nicht zutraut, ihr eigenes Kind zu kennen: Angelina Jolie als für verrückt erklärte Mutter.
+
Die Frau, der man nicht zutraut, ihr eigenes Kind zu kennen: Angelina Jolie als für verrückt erklärte Mutter.

"Der fremde Sohn"

Eine stumme Predigt

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Clint Eastwoods jüngstes Meisterwerk ist ein melodramatischer Thriller, so reell in seiner Gefühlswelt, dass es einem schon unheimlich werden kann. Von Daniel Kothenschulte

Es ist nicht nur so, dass Amerikas älteste aktive Regiestars auch die produktivsten sind. Diese beiden ungleichen Meister, Clint Eastwood und Woody Allen, scheinen das Erbe des klassischen Hollywood unter sich aufgeteilt zu haben. Dem einen die Dramen, dem anderen die Komödien. Und während man sich in den deutschen Kinos noch nicht satt gesehen hat an Allens "Vicky Cristina Barcelona", einer "Serenade zu viert", fast wie von Ernst Lubitsch, schickt Eastwood sein jüngstes Meisterstück hinterher. "Changeling", zu deutsch "Der fremde Sohn", ist ein melodramatischer Thriller, beklemmend und erhaben, so reell in seiner Gefühlswelt, dass es einem schon unheimlich werden kann. Es ist ein Film, wie ihn um 1928, der Spielzeit der Geschichte, John Ford oder King Vidor hätten drehen können. Und heute wohl nur noch einer wie Clint Eastwood.

Allen und Eastwood ignorieren diese äußerliche Trennung zwischen "Art House" und "Mainstream", die unsere Kinolandschaft längst zerschnitten hat. So könnte es passieren, dass ein so kostbarer Film wie "Der fremde Sohn" geradewegs zwischen den Stühlen landet. Und vielleicht wegen der Prominenz seiner Hauptdarstellerin Angelina Jolie an Orten, wo man Filmkunst nicht mehr unbedingt vermutet.

Die wahre Geschichte hinter diesem Film ist so unglaublich, dass es erstaunt, dass man sie erst jetzt entdeckt hat. Zu einer Zeit, als die Polizei von Los Angeles landesweit berüchtigt war für Korruption, erfindet sie sich ein Erfolgserlebnis. Nachdem ein unaufgeklärter Fall von Kindesentführung monatelang durch die Zeitungen gegeistert ist, verkündet man die Aufklärung. Einen bescheidenen Schönheitsfehler indes gibt es: Es ist das falsche Kind.

Die protestierende Mutter, die einen Jungen bei sich aufnehmen soll, der einen halben Kopf größer ist als der Vermisste, erklärt man für verrückt. Eine Unterschrift des Polizeichefs reicht, und die Frau landet im Irrenhaus. Eastwood stürzt uns mit diesem Film in einen Alptraum. Mal öffnet sich hier und da ein Fenster, doch für einen Silberstreif reicht es lange nicht. Und auch wenn sich schließlich ein Radio-Pastor (John Malkovich), ein erklärter Polizei-Kritiker, der Sache annimmt, jubelt niemand Hosianna: Zu manisch wirkt der Missionar in seiner Mission, so dass man lange glauben kann, auch er instrumentiere den Fall für seine Zwecke. Dann aber macht er eine so schreckliche Entdeckung, dass die Hoffnung auf ein Hollywood-Ende schon in der Mitte des Films absurd erscheint. Vorbei ist der Alptraum noch lange nicht.

Angelina Jolie gibt in der Mutterrolle die beste Performance ihrer Karriere. Dass sie dennoch nicht ganz in dieses so vollkommen durchgearbeitete Zeitbild zu passen scheint, hat wohl weniger mit ihrer Kunst zu tun als unserem Bild von der Vergangenheit. Sie ist einfach nicht der Frauentyp, wie man ihn in Filmen der frühen dreißiger Jahren besetzt hätte, doch genau darin verbirgt sich möglicherweise auch Eastwoods Genie: Wie so oft in seinen letzten Filmen erzählt er von Ausgrenzung, von unverdienter Einsamkeit. Wie die Helden des Fahnenfotos von "Iwo Jima" ist Jolies Mutterfigur ein tragischer Medienstar. Und wie der lebensmüden Boxerin in "Million Dollar Baby" hat ihr ein Schicksal unlösbare Fesseln angelegt. Diese tragischen Heldenfiguren trotzen jeder Vereinnahmung. Kein "Hollywood Ending" könnte sie mit der lieblosen Welt, die sie umgibt, versöhnen.

Clint Eastwoods Filme lassen uns diese Ausgrenzung wie am eigenen Leib erleben, gerade weil sie immer auch von der Gesellschaft erzählen: Vom amerikanischen Traum und seinem Versprechen, Anteile daran an jeden auszuschütten. Schon in der Zeit der Roosevelt-Ära, an die uns heute, kurz nach Obamas Amtsantritt so vieles erinnert, warnten Hollywoods Regisseure vor den Löchern in diesem moralischen Konsens. John Ford drehte 1933 seinen erstaunlichen Film "Pilgrimage" über die Isolation einer trauernden Mutter nach dem Weltkrieg. "Der fremde Sohn" ist ein würdiges Gegenstück zu diesem Klassiker.

Trailer: "Der fremde Sohn"

Das Erstaunlichste an Eastwoods späten Filmen, und hier kann man das besonders intensiv erleben, ist der hohe Abstraktionsgrad in der scheinbaren Opulenz: Einerseits ist da dieses große Tableau - wie man es von einem historischen Hollywoodfilm erwartet - voller alter Autos, originaler Requisiten, komplett mit schnaufender Dampflok am Bahnsteig. Zugleich aber wird der Blick enger und enger, bis nur noch das Wichtigste in den Sucher passt.

Denn Eastwood interessiert sich gar nicht für das Drumherum sondern allein für das Gefühl. Die Filmmusik, die er wieder selbst komponiert hat, besteht nur noch aus vier Tönen. Man hört sie recht oft während dieser 140 Minuten, es ist eine Litanei, aber in positivem Sinne: Die Musik wird tatsächlich zum Gebet, wie dieser Film durch seinen Blick auf das Leid auch ein religiöser Film ist, eine Art stumme Predigt. So wie Hollywoods große Stummfilme einmal stumme Predigten waren.

Der fremde Sohn, USA 2008. Mit Angelina Jolie, Michael Kelly, John Malkovich. 140 Minuten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare