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„Eine Sekunde“ von Zhang Yimou darf nach zwei Jahren in die Kinos – Heroische Söhne und Töchter

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Von: Daniel Kothenschulte

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Kammerspiel in der Wüste: „Eine Sekunde“. Foto: Mubi
Kammerspiel in der Wüste: „Eine Sekunde“. © Mubi

„Eine Sekunde“: Zhang Yimous nostalgischer Film über die Kulturrevolution kommt verspätet und vermutlich von der Zensur stark verändert ins Kino

Es werden nicht oft Biopics über Menschen gedreht, die selber Filme machen. Ein Film über Zhang Yimou aber würde sich lohnen. Die erste Szene könnte am Abend des 8. August 2008 in Peking spielen, bei der olympischen Eröffnungsfeier. Zhang inszeniert die mit 300 Dollar Budget teuerste Live-Show der Geschichte. 2000 Trommler skandieren Konfuzius: „Wenn Freunde aus der Ferne kommen, ist das nicht ein Anlass zur Freude?“ Steven Spielberg hatte als künstlerischer Berater abgesagt – aus Protest gegen Chinas Unterstützung der politischen Führung im Sudan und damit des Völkermords in Darfur. So blieb die Hoheit allein in den Händen von Chinas bekanntestem Filmemacher, Zhang Yimou.

Rückblende, die chinesische Stadt Xianyang in den 70ern. Zhang schuftet in einer Textilfabrik, seine Familie gehört zu den Verfolgten der Kulturrevolution. 1978 aber wird er an der Pekinger Filmakademie zugelassen. Nach ersten Erfolgen als Kameramann für Chen Kaige gewinnt er 1988 die Berlinale mit seinem ersten eigenen Film „Rotes Kornfeld“; das visuell aufregende Kino von Chinas „Fünfter Generation“ erobert die Welt. Im eigenen Land aber bleiben Zhangs Filme unter Verschluss. Das ändert sich erst, als er ins opulente Genrekino wechselt. Mit dem Martial-Arts-Epos „Hero“ erreicht er endlich das heimische Publikum. Was es zu sehen bekommt, erinnert nicht wenig an die staatstragenden Epen der Kulturrevolution – als zehntausende Armeeangehörige die Leinwand füllten.

„Ich mache keine Politik“

Und wieder sind wir mit unserem Biopic im Olympiastadion: Während die Trommler mit leuchtenden Stöcken ihre bronzierten Instrumente bearbeiten, ist die bevorzugte Kameraeinstellung die Totale: In die Diagonale gerückt verwandelt der Kameraausschnitt die Menschenmassen in semiabstrakte Ornamente. Jede Handbewegung fügt sich in feinste Schattierungen. „Ich mache keine Politik, ich mache Filme“, erklärt der Regisseur der Presse. Und sieht damit nicht nur so aus, er klingt auch wie Leni Riefenstahl, mit deren Stil schon sein „Hero“ verglichen worden ist.

Was immer unser Biopic noch an Wendungen bereithalten könnte, sein Film „Eine Sekunde“ wäre vielleicht gut für die letzte: 2019 stand Zhang mit diesem Drama aus der Zeit der Kulturrevolution wieder im Berlinale-Wettbewerb. Kurz vorher wurde die Weltpremiere abgesagt – wegen „technischer Probleme“. In der Sprache der Zensoren sind das meist politische.

Nun also, nach fast zwei Jahren unter Verschluss, kommt der Film in vermutlich stark veränderter Fassung auch ins deutsche Kino – auf halbem Weg zum Streaming-Start bei Mubi im September. Und wer hätte das gedacht: Er nähert sich dem Jahr 1975 von jenem Winkel, der in China auch bei vielen Leidtragenden mit Nostalgie behaftet ist: den auch in den entlegensten Kolchosen gefeierten Propagandafilmen. Verglichen mit Zhangs Epen ist es ein Kammerspiel – auch wenn ein großes Bild den Anfang macht. Durch Sanddünen kämpft sich ein namenloser Flüchtender (Yi Zhang), entwischt aus einem Gefangenenlager, in das er nach einer Prügelei zur Umerziehung geraten war. Sein Ziel ist das nächste Kino, wo er hofft, eine bestimmte Wochenschau zu sehen. Jemand meint, darin seine Tochter erkannt zu haben, die ihm seit der Inhaftierung abgeschworen hat.

Wie in einem Chaplin-Film

Zu spät für die Vorstellung, will er sich aufmachen zum nächsten Bezirkskino, das den Film am nächsten Abend zeigt – als sich vor seinen Augen eine junge Diebin mit der Filmrolle davonmacht. Eine Verfolgung nimmt ihren Anfang, so kurios wie ihr Motiv für den Diebstahl – sie möchte eine Lampe aus Filmstreifen ersetzen, die ihr Bruder versehentlich zerstört hat. Die Teenagerin, von der damals 18-jährigen Liu Haocun mit dreckigem Gesicht und wildem Haar gespielt, sieht aus wie aus einem Chaplin-Film. Ähnlich unschuldig-asexuell ist ihre Filmfigur.

Wenn Filme heute von der versunkenen Kultur des Zelluloid erzählen, unterstellen sie dem Medium meist kultige Vorgestrigkeit – als seien nicht Eisenstein, Godard oder der junge Zhang Yimou einmal angetreten, mit seinen Mitteln die modernsten Kunstwerke der Welt zu schaffen.

Angekommen am zentralen Spielort, dem von einem perfektionistischen Vorführer geleiteten Arbeiterkino, weht dann auch mehr als nur ein Hauch von „Cinema Paradiso“. Aber Zhang überrascht immerhin mit Ironie, wenn er den „Onkel Film“ genannten Kinochef als meist geachteten Genossen des Dorfes präsentiert. Als ausgerechnet die heiß ersehnte Wochenschau stark beschädigt ankommt, beginnt so etwas wie eine kollektive Filmrestaurierung: Unter Anleitung von Onkel Film putzt das ganze Dorf den lädierten Filmstreifen.Hier gelingt Zhang – endlich hat er eine Menschenmenge zu inszenieren – seine schönste Sequenz. Man könnte sie bei Filmgalas zeigen – auch wenn der Film selbst kaum das Zeug hat zum Klassiker.

Onkel Film jedenfalls trifft mit seiner Abendunterhaltung genau den Geschmack: Es gibt „Heroische Söhne und Töchter“, ein Propaganda-Melodram von 1964. Das chinesische Publikum wird den Bezug herstellen – ein Offizier entdeckt in einer Soldatin die eigene, verlorene Tochter. Zhang präsentiert das so liebevoll, wie man bei uns vielleicht „Die Feuerzangenbowle“ zitieren würde.

Scheinbar angekommen an seinem Ziel, einer milde-ironischen Spiegelung der artigen Parteitreue der Landbevölkerung an ihrer Propaganda-Unterhaltung, ist der Film freilich noch längst nicht zu Ende. Im weiteren Verlauf sieht er dann ähnlich aus wie der Streifen in Onkel Films Vorführraum: Herausgeputzt, und doch irgendwie verheddert.

Die Handlungsidee entnahm Zhang einem Roman der chinesisch-amerikanischen Autorin Geling Yan, „The Criminal Lu Yanshi“. Ob es das Werk der Zensur war, das den Film so aussehen ließ, oder Zhangs eigenes Konzept? Man wird es wohl nie von ihm erfahren – jedenfalls so lange er einer der staatstragenden Filmemacher Chinas bleiben möchte.

Eine Sekunde. VR China/ Honkong 2021. Regie: Zhang Yimou. 104 Min.

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