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Cannes

Der Tod ist eine leere Batterie

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Steven Soderberghs glückloser Che und ein tadelloser Eastwood in Cannes.

In Steven Soderberghs Filmbiographie "Che" eine Pause einzubauen, zeugt von einem gewissen Selbstbewusstsein. Nicht, dass eine Unterbrechung innerhalb der viereinhalb Stunden Laufzeit nicht grundsätzlich sinnvoll wäre. Nur mochte es dem einen oder anderen Zuschauer ergehen wie jenem Guerillakämpfer unter Ernesto Guevara im Bolivianischen Dschungel mit seiner Rechtfertigung: "Ich habe nie gesagt, dass ich aufgeben will. Aufgeben ist etwas für Feiglinge. Ich würde nur gerne auch einmal nach Hause."

Ausgiebigst hat Soderbergh im ersten Teil jede strategische Entscheidung im kubanischen Revolutionskrieg protokolliert. Hastig schneidet er zwischen den immer gleichen Bildern von Kämpfen und Konferenzen, und aus dem Off zitiert er ein ausführliches Interview. Diese erste Filmhälfte ist mindestens so wortreich wie der Redner Fidel Castro in seinen Glanztagen. Nach der Pause dann fasst ein knapper Text wie sie im alten Hollywood die Abenteuerfilme einläuteten, vom spurlosen Verschwinden des Helden "in irgendeinem glücklosen afrikanischen Befreiungskrieg". Bevor ihn der Film dann in Bolivien wiederfinden wird.

Es ist zum einen diese merkwürdige Mischung aus enervierender Ausführlichkeit und geradezu kaltschnäuziger Flüchtigkeit, die diese Filmbiographie zu einer frustrierenden Seherfahrung macht. Zum anderen ist es die ästhetisch fatale Entscheidung, einen Film, der fast nur aus Außenaufnahmen besteht, im Videoformat HD zu drehen. Die flachen Bilder geben kein Gefühl für die Wälder Boliviens, nicht einmal für das Wetter. Das Sterben des Kommandante protokolliert die High-Tech-Linse dann aus subjektiver Perspektive, in dem sie einfach mal zu wackeln aufhört. Dann wird das Bild unscharf, und es pfeift kurz aus den Boxen. Der Tod ist nur eine leere Batterie. "Che" ist wie "Sex, Lügen und Video" - nur ohne den Sex und die Lügen.

Der Analytiker Soderbergh vermittelt Strategien, aber keine Emotion. Und übersieht im Wald Boliviens vor lauter Bäumen das Einfachste: Dass der Naturalismus immer das schlechteste Medium der Analyse ist. Hauptdarsteller Benicio del Toro ist dem historischen Che äußerlich verblüffend ähnlich, doch das Drehbuch reduziert seine Figur auf das verhaltene Charisma einer besseren Jesus-Verfilmung. Franka Potente kann als deutsch-argentinische Guerillera Tamara Bunke mit ihrer Darstellung in diesem spanischsprachigen Film zufrieden sein, nicht jedoch mit der Verweigerung des Drehbuchs, Interaktionen zwischen den Figuren herzustellen; ein glückloser Film.

Weitgehend glücklos wirkt leider auch der im letzten Jahr so bravuröse Programmchef dieses Festivals, Thierry Frémaux. An Blüten ist seine Auslese nach zwei Dritteln Festivaldauer jedenfalls nicht reicher geworden als eine durchschnittliche Berlinale. Doch anders als Dieter Kosslick adelt dieser unermüdliche Cinephile auch viele Vorstellungen der Retrospektive durch seine liebevollen Einführungen. Zum Beispiel die erstaunlichen Ergebnisse des Restaurierungs-Projekts "World Cinema Fund". Erst vor einem Jahr gründete Martin Scorsese diese Initiative, und schon ist es möglich, einen der größten Klassiker des afrikanischen Kinos völlig neu zu sehen. Die anarchische Ausbruchsphantasie "Touki-Bouki" des Senegalesen Djribil Diop Mabéty erstrahlt endlich wieder in ihren ursprünglichen Farbenpracht. Heute mischen viele afrikanische Gegenwartskünstler die profanen Materialien der Massenindustrie mit den tradierten Formen der Tribal Art. Doch schon dieser Film von 1973 inszeniert das magische Leuchten eines Plastikstuhls vor einer Landschaft so kühn, dass es einem den Atem raubt. Leider scheute sich die Cineteca di Bologna, der man diese mustergültige digitale Restaurierung verdankt, nicht, auch völlig unfertige Werke herauszugeben. Der koreanische Filmklassiker "Hanyo/ The Housewife" von Kin Ki-Young, ein finsterer familiärer Psychothriller, ein Schlüsselwerk auch für den modernen Genrefilmer Chan-wook Park, sah in der präsentierten Fassung aus wie eine kaputte DVD.

Gänzlich machtlos aber ist der Filmfan, wenn Regisseure selber die Sicherung früherer Werke zur drastischen Revision ummünzen. Wong Kar-wai hat sein frühes Martial-arts-movie "Ashes of Time" von 1994 zwar in herrlichen Farben wiederherstellen lassen, doch durch leichte Kürzungen und den Austausch der Filmmusik aus dem Kontext der Entstehungszeit losgelöst. Statt des unbefangenen, elektronischen Pop-Soundtracks, der so typisch ist für die Blütezeit des Hongkong-Kinos, spielt nun Yo-Yo Ma ein gediegenes Cello.

Auch der Regisseur und Pianist Clint Eastwood ist berühmt dafür, die musikalische Ebene seiner Filme zur Chefsache zu erklären. Nur vier Noten umfasst sein Thema für "Changeling", wie auch sein Psychodrama um den Kampf einer Mutter gegen die korrupte Polizei im Los Angeles der Zeit um 1930 nur eine simple Formel variiert. Doch es wird eine große Sinfonie daraus. Angelina Jolie spielt ihre beste Rolle in diesem historischen Entführungsfall, in dem die Polizei eine Mutter mit einem falschen Kind "entschädigt", um Ermittlungsfehler zu vertuschen. Es ist nicht der originellste Film der Welt, aber einer ohne jeden Tadel. Erst im März 2009 soll man ihn in Deutschland sehen.

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