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Die 21 Jahre alte Nachwuchsfilmerin Brenda Lien.
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Die 21 Jahre alte Nachwuchsfilmerin Brenda Lien.

Berlinale

Eine Hessin in Berlin

  • Claudia Isabel Rittel
    VonClaudia Isabel Rittel
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Junge Talente aus Hessen präsentieren sich auf der Berlinale. Eine davon ist die Nachwuchsfilmerin Brenda Lien. Sie spricht über Schönheitswahn, Popkultur und ihre Auftritte in Berlin.

Brenda Lien hat es eilig, sie läuft schnellen Schrittes durch die Stadt. Ihr Studium an der Hochschule hat sie schon mit 17 begonnen – Dank überzeugender Bewerbungsmappe hat sie sich das Abitur gespart. Doch für das Interview in der Hessischen Film- und Medienakademie in Offenbach hat sie sich am Tag vor ihrer Abreise zur Berlinale Zeit genommen. Und obwohl auch ein Fototermin vereinbart ist, ist sie nicht geschminkt.

Sie sind 21 und haben einen Film über zwei Youtuberinnen gemacht, die in ihrem Kanal erfolgreich Kosmetikprodukte bewerben. Was sagt das über Ihre Generation?
Dass Werbung zu Unterhaltung wird und Unterhaltung zu Werbung. Wir konsumieren, weil es Spaß macht, also aus einem Selbstzweck heraus und nicht, um Grundbedürfnisse zu befriedigen. Wir sind eine Generation, die darauf getrimmt ist, sich als Ware zu vermarkten. Wir versuchen aus unserer Identität eine Marke zu machen, suchen unser Alleinstellungsmerkmal und ein Selfbranding. Wir sind sehr von Selbstoptimierung geprägt.

Wie kommen Sie auf Kosmetikvideos?
Ich bin mit Youtube aufgewachsen, habe früher auch viele Kosmetikvideos geguckt. Ich wollte schön sein und habe mich jeden Tag für die Schule geschminkt – bis ich gemerkt habe, dass ich mit dieser Zeit viel Besseres tun könnte. Mit 15 habe ich schon mal eine Parodie auf Youtuberinnen gemacht. Sich über schönheitsbesessene Mädchen nur lustig zu machen, finde ich aber zu einfach. Heute geht es mir mehr um das System dahinter. Wenn man sich bewusst macht, dass der Industrie aus finanziellen Interessen sehr viel daran liegt, dass wir uns fett und hässlich fühlen, wird klar, dass es ein ernstzunehmendes Thema ist.

Wie schon 2016 gehören Sie in diesem Jahr zur Auswahl der jungen Talente aus Hessen. Was bedeutet Ihnen das?
Das ist immer eine tolle Möglichkeit, die richtige Filmwelt kennenzulernen und sich mit anderen Studierenden auszutauschen.

Als Einzige der hessischen Nachwuchsfilmer haben Sie mit „Call of Cuteness“ zudem einen Film im offiziellen Programm. Wie haben Sie das geschafft?
Meine Professorin hatte den Film eingereicht. Dass er dann angenommen wurde, hat mich sehr überrascht. Ich freue mich, dass der Film und die Themen dadurch ein breiteres Publikum erreichen.

Im Mittelpunkt des zweiten Films stehen Katzen. Warum?
Ich hatte immer ambivalente Gefühle, wenn ich Katzenvideos geschaut habe. Da gibt es diesen Süßheitskult. Unsere Gesellschaft möchte gerne nur das Schöne und Lustige sehen. Deshalb haben wir auch die schlechten Arbeitsbedingungen in andere Teile der Welt ausgelagert. Wir wollen diese Prozesse nicht sehen. Mit dem Film versuche ich, dieses ausgelagerte und dadurch unsichtbare Leid auf die Katze als popkulturell glorifiziertes und sehr sichtbares Subjekt zu projizieren. Sie führt ein Leben, das nicht ihres ist. Als sie versucht, sich zu befreien, stellt sich dieser Schritt nur als ein weiterer im Hamsterrad dar, aus dem sie nicht herauskommt. Sie muss immerzu liefern, ist für andere da. Als sie schon kaum mehr kann, muss sie noch für ein letztes Foto mit ihren Babys herhalten. Dann hat sie ihr Ablaufdatum überschritten und wird im Meer entsorgt – zusammen mit dem restlichen kulturellen Abfall.

Von Süßheit ist im Film nichts geblieben.
Für den Film habe ich Material aus dem Internet verwendet, das ich dann auf Papier rotoskopiert habe. Darunter auch viele Videos von toten Katzen. Die Zeichnungen abstrahieren meiner Meinung nach den Schock- oder Ekeleffekt der fotografischen Bilder. Dadurch entsteht die Möglichkeit, sich über den Inhalt des Bildes Gedanken zu machen und nicht im Mitgefühl zu versinken.

Sie haben mit 17 die Schule abgebrochen, wollten Pianistin werden. Nun machen Sie Filme...
Ja. Für mich ist Film die Möglichkeit, meine Interessen zu bündeln. Ich komponiere die Musik für meine eigenen Filme selber und auch für die Filme von Studienkollegen.

Wie geht es weiter für Sie?
Die Kurzfilme Call of Beauty und Call of Cuteness sind Teil einer Trilogie. Der dritte Teil ist noch in der Produktion. Er heißt Call of Comfort und wird sich mit Entspannungsvideos auseinandersetzen. Meine Filme sind sehr verstrickt mit der aktuellen Popkultur. Ich gucke natürlich sehr viele Internetvideos und frage mich, was sie über die Gesellschaft aussagen und welcher Effekt von ihnen ausgeht. Die Titel der Trilogie spielen auf das extrem erfolgreiche Ego-Shooter-Computerspiel Call of Duty an ...

... was übersetzt so viel heißt wie Ruf zur Pflicht ...
... das ein klischeehaftes, aggressives Männerbild propagiert und zum Kriegsdienst aufruft.

Sind Sie Feministin?
Ja, auf jeden Fall. Ich bin kürzlich auch der Vereinigung Pro Quote Regie beigetreten, die sich für mehr Frauen als Regisseurinnen einsetzt. Die Rollenverteilung in der Filmbranche ist oft sehr festgefahren: Männer machen die Jobs, bei denen Technik zur Anwendung kommt, Frauen arbeiten als Visagistinnen oder Assistentinnen. Da wird viel Talent verschwendet, und es geht auch Qualität verloren, wenn nur die Hälfte der Bevölkerung Filme macht und gefördert wird.

Mit welchen Gefühlen fahren Sie nach Berlin?
Ich spüre schon einen gewissen Druck mich zu vermarkten, versuche aber entspannt zu bleiben.

Sind Sie neugierig auf die Reaktionen? Aufgeregt?
Ja, natürlich! Vor allem Call of Cuteness, der im offiziellen Programm läuft, hat ja dort Premiere.

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