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KZ-Häftlinge des Zuges am Rande der Strecke.

"Todeszug in die Freiheit", ARD

Eine Geschichte von Mut und Mitgefühl

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Ein Dokumentarfilm über die Rettung von KZ-Häftlingen in den letzten Kriegstagen durch die tschechische Bevölkerung.

Ein völlig abgemagerter Mann, halbnackt auf einem Stuhl in der Sonne sitzend, den Kopf zur Seite geneigt, die Augen geschlossen. Ein eher unspektakuläres, dafür um so sprechenderes Bild: Dieser Mann hat ein Konzentrationslager überlebt. Das Foto vom Mai 1945 bildet so etwas wie die Dialektik des Überlebens ab, indem es Elend, Erschöpfung und Erleichterung zugleich zeigt. Der Abgebildete wurde mit 3000 anderen Gefangenen aus dem „Todeszug“ befreit, der von Leitmeritz, der Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg, in Richtung Mauthausen fuhr. Aber dort nicht ankam. Denn die tschechische Bevölkerung setzte der Verschleppung in Vele?ín ein Ende.

Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler konnten Aufnahmen aus den letzten Kriegstagen entdecken, die an den Stationen des Zuges gemacht wurden, und sie fanden Menschen, die dabei waren und den in Güterwagen Eingepferchten helfen konnten. Weil sie Mut und Mitgefühl besaßen.

Die Waggons mit anfangs etwa 4000 halb Verhungerten waren oben offen; so konnten ihnen die Bewohner der Orte am Rande der Bahnstrecke ab und zu etwas zu essen geben – wenn die Schergen der SS nicht schossen. Zeitzeugen, die damals halbe Kinder waren – Eduard Zelezny, Ladislav Zoul, Vladimir Klenka, Vaclava Starkova und der 13-jährige Miroslav Kostjal waren einige von ihnen – berichten davon, wie sie Menschen aus dem Zug holten und versteckten, aber auch wie die Mörder in SS-Uniform aus purer Lust töteten, wie der Offizier Friedrich Graun, der sich zusammen mit seiner Frau daran ergötzte, mit Maschinengewehren auf die Häftlinge zu schießen. Er konnte seiner Strafe leider entgehen.

Dem Autorenpaar ist es gelungen, sogar Filmschnipsel ausfindig zu machen, etwa die Aufnahmen vom Kolonialwarenhändler des Ortes Rostoky, wo beherzte Eisenbahner und andere Bewohner den Zug ein erstes Mal aufhalten und einige Gefangene retten konnten.

Das spärliche Material reichte natürlich nicht aus, um einen dreiviertelstündigen Film zu füllen. Mocellin und Muggenthaler behelfen sich mit aktuellen Sequenzen von auf der Strecke fahrenden Zügen. Sie zeigen Waggons von oben und unten und immer wieder in Detailaufnahmen; der Ton der ratternden Wagen soll ein Übriges dazu tun, Atmosphäre zu schaffen. Das wirkt naturgemäß etwas hilflos und muss verblassen angesichts der Bilder von damals und der bewegenden Begegnungen mit den Zeitzeugen, die auch mehr als 70 Jahre nach den Erlebnissen noch in Tränen ausbrechen.

Ebenso wichtig ist, dass Mocellin und Muggenthaler das dokumentarische Material gefunden haben und einen Beleg dafür schaffen konnten, dass es auch Widerstand gegen die mörderische Soldateska der Nazis gab, dass es „Handlungsspielräume gab“, wie Jörg Skriebeleit formuliert, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Claude Lanzmann hat in seinem Film „Shoah“ belegt, wie ordnungsgemäß die Bahntransporte in die Vernichtungslager bei der Deutschen Reichsbahn dokumentiert waren – dass also viele Menschen Bescheid gewusst haben müssen. Skriebeleit hebt hervor, dass die „singuläre Hilfsaktion“ in Tschechien ein Akt der Menschlichkeit gewesen sei, den es „in dieser Form im Deutschen Reich nicht gegeben hat – auch nicht kurz vor Kriegsende.“ Er hat auch zusammen mit der tschechischen Historikerin Pavla Placha die Ausstellung „Der Todestransport Leitmeritz – Vele?ín“ gestaltet. Sie wird am Montag in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eröffnet.

Ceterum censeo: Selbstverständlich müsste ein Film wie dieser – gerade wegen der Zunahme rechtsextremer Tendenzen – viel früher gezeigt werden und nicht erst fünf Minuten vor Mitternacht.

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