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Ulrich Thomsen als Erik und Helene Reingaard Neumann als Emma in einer Szene des Kinofilms "Die Kommune" .
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Ulrich Thomsen als Erik und Helene Reingaard Neumann als Emma in einer Szene des Kinofilms "Die Kommune" .

„Die Kommune“

Eine gelebte Utopie und ihre Grenzen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Thomas Vinterbergs autobiographisch gefärbtes Gesellschaftsdrama „Die Kommune“ ist ein mitunter zärtliches Patchwork privater Probleme.

Auf der vergangenen Berlinale wurde Thomas Vinterbergs jüngstes Gesellschaftsdrama „Die Kommune“ vielfach zu den Enttäuschungen gezählt, was noch einmal in Erinnerung ruft, wie gut das Festival in diesem Jahr tatsächlich war. Vielleicht ist dieses von persönlichen Erinnerungen gefärbte Zeitbild wirklich ein relativ unscheinbarer und konventioneller Film im Werk des Dänen, aber darin liegt auch eine besondere Qualität.

Der Filmemacher, der 1999, nur 29-jährig, mit dem ersten Dogma-Film „Das Fest“ eine Renaissance des psychologischen Realismus im Kino einleitete, vermeidet diesmal jede Expression. Und mancher mag die schwelende Spannung vermissen, die sich etwa in Vinterbergs „Die Jagd“ aus gesellschaftlichen Vorurteilen speiste. Für einen Film über die gelebten Utopien der 68er-Bewegung ist „Die Kommune“ ein überraschend unspektakulärer Film – und genau darin liegt die Qualität.

In den mittleren Siebzigern entscheidet sich ein erfolgreicher Architekt und Unidozent Erik (Ulrich Thomsen), in der geerbten väterlichen Villa mit Freunden eine Kommune einzurichten. Erst widerstrebend, dann eher pflichtbewusst als begeistert macht er sich den Vorschlag seiner Frau Anna (Trine Dyrholm) zu eigen, einer bekannten politischen Fernsehmoderatorin. Die gelebte Utopie stößt freilich früh an ihre Grenzen. Der Hausherr gibt seine Patriarchenrolle niemals auf, und der Einzug seiner Geliebten treibt die beachtliche Toleranzbereitschaft der Ehefrau schneller, als sie es sich eingesteht, an ihre seelischen Grenzen.

Nun steht in der Hausordnung keineswegs ein Bekenntnis zur freien Liebe festgeschrieben, doch ein unausgesprochenes Laissez-faire-Gebot macht es Anna schwer, sich zu ihrer Verletzung zu bekennen. Es ist keine neue Beobachtung, dass mit der sexuellen Revolution auch ein alles andere als libertärer Machismo Oberwasser bekam. Wenn Treue plötzlich mit dem Dünkel der Spießigkeit belegt ist, fehlt ein moralisches Korrektiv.

Ang Lee drehte sein bitteres Gesellschaftsdrama „Der Eissturm“ um dieses Thema, aber schon das damalige Kino ist eine Fundgrube freiwilliger und unfreiwilliger Bekenntnisse zu diesem Problem. Ingmar Bergman zum Beispiel schuf 1973 mit „Szenen einer Ehe“ eines der wichtigsten psychologischen Dramen über den Zustand der Ehe.

Mindestens so interessant aber ist sein von den Erben weitgehend unter Verschluss gehaltener Film „Berührungen“ (1971) über die brüchigen Freiheitsversprechen einer zusehends missbräuchlich gelebten Affäre. Wie Bergman arbeitet auch Vinterberg mit autobiographischen Motiven. Es ist der erst im Rückblick verständige Blick eines Kindes auf die Erwachsenenwelt, die seinem Film eine zweite Dimension verleiht. Ein zweites Paar, das mit einem kranken Kind in die Kommune kommt, wird mit seiner glücklichen Liebe zum Gegenpol der Haupterzählung. Die tragische Entwicklung dieser zweiten Geschichte verändert den Ton des Films zum Ende hin noch einmal deutlich. Man kann das als aufgesetzt kritisieren, wahrscheinlicher aber ist, dass hier das Leben gerade in seiner Unvermitteltheit abgebildet werden sollte.

So ist es ein mitunter einnehmend zärtlicher Film geworden, der sich mehr an Ingmar Bergman orientiert als an Lars von Trier. Es gibt keine Retro-Nostalgie und überraschend wenig direkten Zeitbezug. Politische Kontexte fehlen weitgehend,was diesen Film von jeder Not befreit, sich etwa mit der 68er-Generation auseinanderzusetzen.

So rückt Vinterberg den Film in eine Allgemeingültigkeit und Überzeitlichkeit, nimmt ihm aber auch Möglichkeiten, mehr zu sein als nur ein Patchwork privater Probleme. Anderseits müssen sich ja nicht überall Karl Marx und Frank Zappa unverzichtbar unter die Kommunarden gemischt haben. Hier hält man es eben lieber mit den konsensfähigen Liebesliedern Elton John.

Die Kommune. DK 2016. Regie: Thomas Vinterberg. 102 Min.

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