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Einen Drogenhund rettet sie auch.

„Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Haschisch und Spitzenhäubchen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Isabelle Huppert in der französischen Krimikomödie „Eine Frau mit berauschenden Talenten“.

Man könnte sagen, Isabelle Huppert ist das Gesicht der französischen Filmkunst. Aber eher schon wird umgekehrt ein Schuh daraus: Der ganze Reichtum dieses Kinos spiegelt sich in den vielen Gesichtern der Isabelle Huppert. Welche Schauspielerin kann es an Vielseitigkeit mit der alterslosen 67-Jährigen aufnehmen? 115 Filmpreise verzeichnet ihre Biografie, darunter gleich zwei Palmen als beste Darstellerin in Cannes. Aber es sind nicht nur die anspruchsvollen Rollen, die wahre Vielseitigkeit verraten. Ebenso sind es die kleinen, weniger bedeutenden Rollen – und was ein großer Schauspieler oder eine bedeutende Darstellerin daraus machen. Hier scheint Isabelle Huppert gerade etwas nachzuholen.

Allerdings ist die Kriminalkomödie „La Daronne“ auch nicht ganz so leichtgewichtig, wie ihr deutscher Titel befürchten lässt. Einen Film über eine Drogenhändlerin zu nennen „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ – das ist schon die Sorte von Kalauer, die einen sofortigen Wintereinbruch im Oktober auslösen könnte. Die Dialoge sind glücklicherweise nicht auf diesem Niveau. In lässiger Unterforderung spielt Huppert eine Arabisch-Dolmetscherin in den Diensten der Pariser Polizei. Dass sie sich dafür eine Aussprache antrainiert hat, die der Bezeichnung „akzentfrei“ genügen soll, ist vermutlich eine ihrer leichteren Übungen.

Die Haupttätigkeit dieser Patience Portefeux besteht im Live-Übersetzen abgehörter Telefonate für ein ganzes Großstadtrevier voller wenig effizienter Flics. Welchen Aufwand das Dezernat in die Bekämpfung des Handels mit Cannabis-Produkten steckt, mag in manchen Ländern bereits anachronistisch anmuten. Dem polizeilichen Eifer steht die vergleichsweise geringe Gefährlichkeit der Rauchwaren jedenfalls nicht entgegen. Eher schon, dass Patience heimlich die Seiten wechselt. In einem Haschischdealer erkennt sie den Sohn der Krankenpflegerin ihrer dementen Mutter. Schnell dirigiert sie die Lieferung von mehr als einer Tonne erstklassigen Rohstoffs in einen sicheren Hafen, um sich fortan selbst um den weiteren Vertrieb zu kümmern. Getarnt mit Kopftuch und Sonnenbrille gibt sie auf Überwachungsvideos fortan denselben Polizisten Rätsel auf, für die sie weiterhin die abgehörten Telefongespräche dolmetscht – mit den nötigen Auslassungen, versteht sich, wenn sie selber darin vorkommt.

Das Leben hat sie geplättet

Es ist schwer, sich den preisgekrönten Kriminalroman vorzustellen hinter dieser launigen Komödie um Polizisten, die dümmer sind, als die Polizei erlaubt. Er stammt von Hannelore Cayre, die hauptberuflich als Strafverteidigerin arbeitet, trägt auf Deutsch den Titel „Die Alte“ und charakterisiert seine Heldin mit recht handfester Metaphorik: „Das Leben hatte mich geplättet wie das Bügeleisen, das ich jeden Abend benutzte, damit die Meinen trotz Geldmangel allzeit tadellose Kleider hatten.“ Kein Wunder, dass, wie es weiter heißt, ihre „ganze Person vor Wut überlief wie ein Gully nach einem Gewitter“.

Gern hätte man eine adäquate Inszenierung für diesen Furor gesehen, und Isabelle Huppert, geschätzt besonders in wenig liebreizenden Frauenbildern, hätte es gewiss gern geliefert. Mehr Leinwandpräsenz gönnt Regisseur Jean-Paul Salomé dagegen ihrer fast karnevalesken Verkleidung mit Hijab und Sonnenbrille, die auch das markante Plakatmotiv liefert; an ihrer Seite ihr treuer Begleiter, ein pensionierter Drogenhund, dem sie das Leben rettet. (Ist es wahr, dass die französische Polizei ihre vierbeinigen Beamten gnadenlos einschläfert und diesen Akt als Euthanasie bezeichnet?)

Man ahnt schon, es geht mitunter ernster zu, als man es von einer Krimikomödie erwartet – ohne dass eine höhere Wahrhaftigkeit entsteht. Aus dem deutschen Fernsehen kennt man das Phänomen dieser seltsamen Krimikomödien, die sich den Versuch, lustig zu sein, damit erkaufen, schon gleich nicht spannend zu sein. Beruhigend zu wissen, dass das auch den Kollegen in Frankreich passiert. Aber immerhin haben sie etwas, das wir nicht haben: Isabelle Huppert.

Und was macht sie aus diesem Intermezzo zwischen ihren Engagements bei Michael Haneke oder Paul Verhoeven und immer wieder anspruchsvollen jungen Kunstfilmern? Tatsächlich wäre dieser Film nichts ohne sie. Regisseur Jean-Paul Salomé, ein Veteran des Unterhaltungsfilms, dem es sonst gelingt, Klassikern wie „Arsène Lupin“ neues Leben einzuhauchen, vertraut ganz auf den Starkinoeffekt. Wenig ist von der Sozial- und Kolonialismuskritik der Vorlage übrig; Angehörige ethnischer Minderheiten treten fast ausschließlich als liebenswerte Kleinkriminelle in Erscheinung, und die chinesische Nachbarin zitiert Glückskekssprüche wie „Vom vielen Reden wird der Reis nicht gar“.

Isabelle Hupperts Ausstrahlung bleibt davon unberührt. Große Schauspieler waten in Würde durch seichte Gewässer. Gönnen wir ihnen den Urlaub von der Kunst.

Eine Frau mit berauschenden Talenten. Frankreich 2019. Regie: Jean-Paul Salomé. 106 Min.

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