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Die Terrorbanden des sogenannten "Islamischen Staates" marodierten in den antiken Stätten von Palmyra.

"Die Kulturzerstörer"

Eine Form von Genozid

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Ein Dokumentarfilm auf 3sat zeigt, wie im Krieg mit dem kulturellen Erbe auch die Identität der Gegner vernichtet werden soll.

Die Serben brannten die Nationalbibliothek in Sarajevo nieder. Die Türken machten die Friedhöfe der Armenier dem Erdboden gleich. Nazigröße Goebbels wollte die Kulturgüter der Briten vernichten. Die Alliierten bombardierten im Zweiten Weltkrieg Dresdens Frauenkirche nicht aus militärischer Notwendigkeit. Die Terrorbanden des sogenannten „Islamischen Staates“ marodierten in den antiken Stätten von Palmyra und  schlugen Jahrtausende alte Kunstwerke im Museum von Mossul kaputt. Russische und syrische Bomber ließen nichts übrig von der Kultur der Stadt Aleppo.

Die Täter blieben unerkannt, mit wenigen Ausnahmen: Der islamistische Fanatiker Ahmad Al Faqi al-Mahdi etwa war verantwortlich für die Zerstörung von Mausoleen, die zum Unesco-Kulturerbein Timbuktu gehörten. Doch er wurde bestraft. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verurteilte ihn zu neun Jahren Haft. Und das war das erste Mal, dass jemand wegen dieser Art von Kriegsverbrechen belangt wurde.

Der australische Filmregisseur Tim Slade hat die Geschichte der Vernichtung von kulturellem Erbe in den vergangen hundert Jahren untersucht. Nicht nur Millionen Menschen, sondern auch ihre religiösen Stätten, ihre Kunstschätze und Museen fielen der militärischen Gewalt zum Opfer. Doch diese wurden „als zweitrangig betrachtet“, wie ein Archäologe formuliert. Raphael Lemkin, ein in Weißrussland geborener Jurist, versuchte nach dem Völkermord  der Türken an den Armeniern schon früh, die gezielte Vernichtung von ethnischen und religiösen Gruppen überstaatlich als Kriegsverbrechen einstufen zu lassen. Der von  ihm geprägte Begriff des „Genozid“ fand schließlich Eingang in die internationale Gerichtsbarkeit.

In der Haager Konvention wird die Verwüstung von Kulturgütern immer noch nachrangig gegenüber militärischer „Notwendigkeit“ betrachtet, aber gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass vorsätzliche Angriffe auf Kulturgüter Kriegsverbrechen seien. So konnte der Islam-Experte Andras Riedlmayer den jugoslawischen Despoten Slobodan Milosevic in dessen Prozess vor dem Haager Tribunal mit den Zerstörungen in Bosnien-Herzegowina durch die serbische Armee konfrontieren, und später wurden zwei serbische Generäle wegen der Zertrümmerung von Teilen Dubrovniks verurteilt.

Irina Bokova, die Generalsekretärin der Unesco, verweist auf das Ziel solchen Vandalismus: „Es geht um Identitäten“. Denn der kulturelle Genozid ist als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu betrachten, sagt Fatou Bensouda, Chefanklägerin in Den Haag. Mit der Vernichtung von dem, an was Menschen glauben, woher sie ihre Werte, ihre Selbstbilder, das Gefühl des Zusammengehörigkeit und die Essenz ihrer Gemeinschaft beziehen, zielen die Kriegsverbrecher letztlich auf die Auslöschung des Gegners und deren Geschichte.

Doch seit das Bewusstsein für das unersetzliche Gut gewachsen ist, sinnen Archäologen und Historiker auf Wege zur Rettung der historischen Schätze. Weniger um die Barbarei zu verhindern als um ihr vorzubeugen, werden heute Kulturstätten in Krisengebieten mit modernen wissenschaftlichen Methoden wie der Vermessung mit Laserstrahlen dokumentiert. Denn das kulturelle Erbe sei ein „Spiegel der Menschheit“, so Bensouda.

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