+
Am Ende bleibt der Tage im Hospiz am Wannsee.

"Bernd - Bilder eines angekündigten Todes"

Eine Doku über Freundschaft und das Sterben

  • schließen

"Bernd - Bilder eines angekündigten Todes" im NDR: Ein erkrankter Mann wird von seinem Freund mit der Handkamera begleitet. Aber die Umstände ändern sich. Und damit auch die Qualität des Films.

Mit Kopfschmerzen fing es an. Die Diagnose war erschütternd: Bernd litt an einem Glioblastom, einem Hirntumor. Die Situation erforderte eine schnelle Operation. Bernd bat seinen Freund, den Filmemacher Dietrich Duppel, ihn mit der Kamera auf seinem Weg durch die Therapien zu begleiten. Duppels Film setzt drei Wochen nach der Diagnose ein und zeigt Bernd in seinem Krankenzimmer. Der Eingriff liegt hinter ihm, er ist guter Dinge, will der Krankheit trotzen, sie besiegen. Den Film wünscht er sich, um anderen Kranken und deren Angehörigen Mut zu machen. Die Krankheit sei „ein solcher Malus, den möchte ich gerne umwandeln in einen Bonus.“

Rückblickend wird das Leben in Ausschnitten lebendig

Er vergleicht die Geschwulst mit einer Feuerqualle und erstellt optimistisch eine Grafik in Form eines Obelisken, die den Schrumpfungsprozess des Tumors darstellen soll. Er begegnet der Erkrankung sogar mit einer gewissen Dankbarkeit – der Tumor habe ihm gezeigt, dass er sein Leben verändern müsse. Er möchte sesshafter werden, mehr Zeit mit Freunden verbringen.

Rückblickend wird das Leben des gelernten Goldschmieds in Ausschnitten lebendig. Sein Vater war Schmalfilmer, und so sehen wir Bernd als Kind und als Jugendlichen, bei Strandaktivitäten, im Karneval und immer wieder beim Segeln, seiner wohl größten Leidenschaft und offenkundig auch ein Bedürfnis, das der Erholung und dem Ausgleich dient.

„Alles gut“, sagt die Ärztin nach sechswöchiger regelmäßiger Bestrahlung. „So, wie es sein soll.“ Und wieder gehen die Freunde segeln. Tauschen Erinnerungen. Ersichtlich genießt Bernd den Ausflug, erklettert halsbrecherisch den schlanken Mast, hängt entspannt im Galion. Die schönen Tage sind nicht von Dauer. Die Krankheit kehrt zurück. Bernd beginnt eine neue Chemotherapie, wird sichtlich schwächer. Seine Haltung ändert sich, er bezieht den Tod in seine Überlegungen mit ein. Lachend erzählt er, dass er dabei sei, einen Sarg für sich zu entwerfen. „Särge sind meistens posthässlich.“ Gut gestaltet soll er sein und sich von seinen Freunden gut tragen lassen.

„Erschießen finde ich wirklich nicht schön“

Die Hiobsbotschaft markiert eine Wendung des Films. Bei Bernd setzt die Agonie ein. Trotz mehrerer Therapien und Operationen ist den Krebszellen nicht beizukommen. „Weinerlich“ sei ihm zumute, sagt Bernd jetzt und bedauert, dass er seine Reisepläne nicht mehr wird umsetzen können. Aus der Perspektive eines Schwerkranken erscheint ihm auch ein Freitod nicht abwegig. „Aber Erschießen finde ich wirklich nicht schön.“

Dietrich Duppel filmt weiter, dokumentiert Bernds langsames Vergehen. In Krankenzimmern, im Hospiz. Bernd wirkt nun häufig apathisch, abwesend. Zeitweilig scheint Bernd seinen Besucher gar nicht zu erkennen. Die Versuche des Filmemachers, Bernd aufzumuntern, missraten, geraten verkrampft. Es hat etwas Unwürdiges, wenn der Autor seinen Freund mit großen Stücken Käsekuchen füttert. Fragen wie „Wie geht es dir denn jetzt?“ klingen unangemessen. Es fallen Sätze wie: „Mit so einem Glioblastom im Hirn hat man es ja nicht so leicht.“

Mag sein, dass dieser Ton zwischen den Freunden üblich war. Für den Zuschauer klingt es taktlos. Irgendwann hat Bernd dann keine Antworten mehr. Schweigt. Sein Anliegen, anderen Betroffenen im Kampf gegen die Krankheit helfen zu wollen, die erhoffte Umwandlung in einen Bonus, bleibt unerfüllt. Bernd ist vom selbstbestimmt handelnden Subjekt zum Objekt geworden, zum Opfer des tödlichen Tumors.

Der Film provoziert ein diffuses Unbehagen

Damit erhebt sich die Frage, ob der Film in der jetzigen Form noch Bernds Wünschen entspricht. Dietrich Duppel hätte sie seinem Freund stellen und dessen Antwort einbauen müssen. So provoziert der Film ein diffuses Unbehagen. Dieser Mangel an Fingerspitzengefühl muss verwundern, denn redaktionell verantwortlich ist Timo Großpietsch, der selbst als Dokumentarfilmer hervorgetreten ist und als Koregisseur des Films „Könige der Welt“ große Sensibilität bei der Darstellung der Drogenkrankheit und Rekonvaleszenz eines Protagonisten bewiesen hat.

Aus Warte von Bernds Freunden ist verständlich, dass sie mit einem filmischen Nekrolog die Erinnerung an ihren Weggefährten bewahren wollen. Doch hätte der in dieser Form nicht zwingend in die Öffentlichkeit gehört.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion