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Einarmige Banditin und betrogene Ehefrau

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Von: Daniel Kothenschulte

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Stéphane Brizés Maupassant-Verfilmung „Une Vie“ dürfte leider ein Geheimtipp bleiben.
Stéphane Brizés Maupassant-Verfilmung „Une Vie“ dürfte leider ein Geheimtipp bleiben. © TS Productions 3

In Venedig ist weiterhin kein wirklicher Löwen-Favorit in Sicht. Zu sehen waren jetzt stattdessen der dünne Kannibalen-Film „The Bad Batch“ von Ana Lily Amirpour.

Kann man einem Film trauen, der um die dreißig Produzenten hat, mehr als man auf einen Blick im Vorspann lesen kann? Reichen oft nicht schon eine Handvoll Köche, um den Brei zu verderben? Der Dokumentarfilm „David Lynch: The Art Life“ ist ein Kickstarter-Projekt, finanziert von Fans, denen die Idee einer anderen Annäherung an ihr Idol einfach gefallen hat.

Dieses Finanzierungsmodell ist nicht mehr neu, aber oft genug kommen Filme dabei heraus, denen man ihre Unabhängigkeit von Förderinstitutionen oder Studios kein bisschen ansieht – weil den Filmemachern doch nur ein stromlinienförmiges Werk vorschwebt. Doch es geht eben auch ganz anders.

Drei Jahre wollten die Dokumentarfilmer Jon Nguyen, Olivia Neergaard-Holm und Rick Barnes mit dem Künstler Kontakt halten, um ein Porträt des Künstlers als junger Mann zu zeichnen. Entstanden ist eine bewegende Initiationsgeschichte, die endet, wenn Lynch seinen ersten experimentellen Spielfilm „Eraserhead“ beginnt. Die Konzentration auf Lynchs Erinnerungen führte zu einer Abkehr vom Stil üblicher Dokumentarfilme.

Keine Zeitzeugen, keine Ausschnitte aus seinen späteren Spielfilmen, auch wenn viele Kindheitserinnerungen mit ihnen leicht zu illustrieren wären. Etwa die unvermittelte Begegnung des Grundschülers mit einer Nackten, die plötzlich, mit blutverschmiertem Gesicht, aus der Dunkelheit auftaucht. Oder den Augenblick, in dem der Jugendliche nach dem zweiten Joint in seinem Leben das Auto auf dem Highway anhält, weil ihn die weißen Streifen auf der Fahrbahn faszinieren.

Doch diese Erinnerungsfilme, die oft mitten in der Erzählung abreißen, weil sie Lynch zu sehr aufwühlen oder sich die Verdrängung ihrer bemächtigt hat, sind nicht der Hauptstrang der Dokumentation. Mitreißend wie kaum ein anderer Film über Kunst erzählt „David Lynch. The Art of Life“ von Inspiration und Selbstzweifeln.

Und vor allem Dankbarkeit. Als Lynch das Haus eines Nachbarjungen betrat, dessen Vater Maler war, wusste er, dass er Künstler sein wollte. Und durch diesen kaum bekannten Künstler namens Bushnell Keeler, einen spätimpressionistischen Meister gefälliger Seestücke, erfuhr Lynch die entscheidende Förderung. Er klärte Lynchs Vater über die Begabung des Sohnes auf und schrieb ein Empfehlungsschreiben an eine Kunstschule.

Mit ebensolcher Dankbarkeit erinnert sich Lynch an seine erste Kunstförderung: „Ich mag nicht daran denken, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht dieses erste Stipendium des American Film Institute bekommen hätte.“ Selten wird einem so eindringlich klar, welche zerbrechlichen Fäden das Talent von seiner Verwirklichung trennen.

Luxus und Kannibalismus

Aus welchem Luxus schöpft dagegen die Lynch- und Tarantino-Epigonin Ana Lily Amirpour in ihrem zweiten Kinofilm „The Bad Batch“. War ihr Debüt „A Girl Walks Home Alone at Night“, diese szenische, in Farsi gedrehte Vampirgeschichte, von unbestrittener, wenn auch etwas kaltschnäuziger Coolness, gleicht „The Bad Batch“ einer in Bewegung gesetzten Modestrecke.

Um diesen Effekt für jede der knallbunten Einstellungen ihres in der texanischen Wüste angesiedelten Endzeit-, Kannibalen und Partyfilms sicherzustellen, besetzte sie die Hauptrolle mit einem bekannten britischen Model: Suki Waterhouse ist der Blickfang jeder Szene – auch nachdem ihr gleich zu Beginn bei einem unerklärten Wüstenspaziergang von White-Trash-Kannibalen ein Arm und ein Bein abgesägt werden.

Gleichwohl ist es für die Helden ein Kinderspiel, sich zu befreien und in einem Raver-Camp Zuflucht zu finden. Ein DJ- und Drogenguru hält sich dort Frauen als Gebärmaschinen, wirklich furchteinflößend aber ist Keanu Reeves in dieser Rolle nicht. Man fragt sich überhaupt, warum der einarmigen Heldin gleich zwei männliche Helfer zur Seite gestellt werden mussten, um ihr hinfort durch den dünnen Plot zu helfen: ein kinderliebendes Muskelpaket (Jason Momoa) und einen haariger Müllsammler, den kein Geringerer als Jim Carrey als Endzeit-Ötzi verkörpert. In einem Punkt ist sich Venedig immerhin treu: Wenn schon nur ein einziger Film von einer Regisseurin im Programm läuft, dann wenigstens eine echte Männerfantasie.

Kein Löwen-Favorit in Sicht

Ein Favorit für den Goldenen Löwen ist nicht in Sicht, auch die besseren Filme im Programm polarisieren. Noch immer scheint allein Tom Fords vielschichtiges aber in manchmal auch steriler Perfektion gelungenes Eifersuchtsdrama „Nocturnal Animals“ der einzige herausragende Film.

Einen weiteren Lichtblick setzt der Franzose Stéphane Brizé. Er hat sich Guy de Maupassants Roman „Une Vie“ vorgenommen. Der zweite Titel, den der Autor dem Buch einst gab, „Die schlichte Wahrheit“, scheint die Filmform inspiriert zu haben: Brizé kleidet die in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelte Lebensgeschichte einer jungen Adeligen, die an einen untreuen Ehemann gerät, in nahe Einstellungen im traditionellen 4:3-Format.

Sehr behutsam nähern sich die Einstellungen der unterdrückten Emotionalität der Heldin und widmet mehr Leinwandzeit Ritualen wie der Gartenarbeit oder dem Brettspiel als Dialogszenen. Entscheidende Ereignisse werden in Briefen mitgeteilt, während Erinnerungen wie Gedankenstrom-Momente in den Bildfluss fließen. Es ist ein klarer, feiner Film, der an die Einfachheit eines Robert Bresson erinnert, sehr zurückhaltend im Pathos.

Es gelingt eine rein visuelle Mitteilsamkeit, die viel fordert vom Betrachter, aber auch ebenso viel zurückgibt. Dennoch dürfte es ein Geheimtipp im Wettbewerb bleiben.

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