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Nein sagen und wissen, warum: August Diehl als Franz Jägerstätter, der sich Hitler und dem Krieg radikal verweigert.

„Ein verborgenes Leben“

„Ein verborgenes Leben“ im Kino: Der Klang der Menschlichkeit

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August Diehl spielt in Terrence Malicks Meisterwerk „Ein verborgenes Leben“ seine feinste Rolle.

Er ist der größte Unsichtbare des Weltkinos seit Stanley Kubrick. Sein letztes Interview gab der öffentlichkeitsscheue amerikanische Filmemacher Terrence Malick 1973, doch was er damals über seine prägenden Einflüsse sagte, gilt für sein Werk noch immer. Da sprach er über die Kinderbücher „Tom Sawyer“, „Huckleberry Finn“ und „Die Schweizer Familie Robinson“: „Es sind stets Geschichten, in denen die Unschuld mit einer Bedrohung konfrontiert ist, die größer ist als sie selbst.“

In seinem neuesten Film wirft der 76-Jährige dieses übergroße Konfliktfeld zurück auf das Grauen in der Wirklichkeit: die Biografie eines österreichischen Kriegsdienstverweigerers im Zweiten Weltkrieg. Dass dieser Film bereits vor vier Jahren gedreht wurde, dass man ihn für mehrere Berlinale-Ausgaben vergeblich erwartete, bis er schließlich 2019 in Cannes Premiere feierte, hat ihn nicht altern lassen. Das dreistündige Meisterwerk „Ein verborgenes Leben“ ist im aktuellen Kino ein faszinierender Fremdkörper. Wie nur wenige Filmemacher modelliert Malick die Zeit wie ein Bildhauer.

„Jeder Schauspieler, der dazukam, hat sich sofort eingefühlt in dieses reduzierte, inwendige Spiel“, erklärt Hauptdarsteller August Diehl. „Terrence sagte immer, die Welt sei voller Menschlichkeit, nur dass diese nun einmal weniger lautstark sei als alles Übel.“

Kinostarts am 30.1.2020

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle: Schauspieler Robert Downey Jr. versteht in der Rolle des berühmten Doktors nicht nur die Sprache der Tiere, sondern auch ihre zahlreichen Kalauer. Das rückt das etwas schludrig erzählte Abenteuer in die Nähe der „Madagascar“-Filme. (Regie: Stephen Gaghan)
Die fantastische Reise des Dr. Dolittle: Schauspieler Robert Downey Jr. versteht in der Rolle des berühmten Doktors nicht nur die Sprache der Tiere, sondern auch ihre zahlreichen Kalauer. Das rückt das etwas schludrig erzählte Abenteuer in die Nähe der „Madagascar“-Filme. (Regie: Stephen Gaghan) © 
Countdown: Eine Smartphone-App sagt in diesem billigen und wenig einfallsreichen Teenie-Horrorfilm der allzu wissbegierigen Jugend den genauen Todeszeitpunkt voraus – und der liegt dank eines kostümierten Übeltäters näher in der Zukunft als die jungen Leute vielleicht vermuten. (Regie: Justin Dec)
Countdown: Eine Smartphone-App sagt in diesem billigen und wenig einfallsreichen Teenie-Horrorfilm der allzu wissbegierigen Jugend den genauen Todeszeitpunkt voraus – und der liegt dank eines kostümierten Übeltäters näher in der Zukunft als die jungen Leute vielleicht vermuten. (Regie: Justin Dec) © 
Darkroom – Tödliche Tropfen: Rosa von Praunheim meldet sich nach etlichen Dokumentarfilmen zurück mit einem Spielfilm: In satten Farben und mit Fassbinder-hafter Melodramatik erzählt er von einer fatalen Liebesbeziehung zu einem Mörder, der mit K.o.-Tropfen im Berliner Nachtleben auf Männerjagd geht. (D 2019)
Darkroom – Tödliche Tropfen: Rosa von Praunheim meldet sich nach etlichen Dokumentarfilmen zurück mit einem Spielfilm: In satten Farben und mit Fassbinder-hafter Melodramatik erzählt er von einer fatalen Liebesbeziehung zu einem Mörder, der mit K.o.-Tropfen im Berliner Nachtleben auf Männerjagd geht. (D 2019) © 
Sorry We Missed You: Ken Loach, der Altmeister des britischen Sozialdramas, unterbrach seinen Ruhestand, um die Übel prekärer Beschäftigungsverhältnisse am Beispiel eines ausgebeuteten Paketboten und seiner Frau, einer unterbezahlten Krankenpflegerin, aufzuzeigen – in wie bei ihm gewohnt einfühlsamer Weise. (GB 2019)
Sorry We Missed You: Ken Loach, der Altmeister des britischen Sozialdramas, unterbrach seinen Ruhestand, um die Übel prekärer Beschäftigungsverhältnisse am Beispiel eines ausgebeuteten Paketboten und seiner Frau, einer unterbezahlten Krankenpflegerin, aufzuzeigen – in wie bei ihm gewohnt einfühlsamer Weise. (GB 2019) © 

Diese Aussage führt schon sehr weit hinein in diesen vielleicht ungewöhnlichsten Kriegsfilm seit Malicks eigenem „Der schmale Grat“, bei dem der Wind in den Gräsern das Ohr eher erreichte als alle Kampfgeräusche. Auch im oberösterreichischen Bergdorf St. Radegund, nur dreißig Kilometer von Hitlers Geburtsort Braunau, hört man den Krieg eher indirekt – in den erhitzten Stimmen der nationalsozialistisch gesinnten Bewohner. Der radikale Pazifist Franz Jägerstätter und seine Frau Fani hören schließlich nichts anderes mehr.

Ein verborgenes Leben.
SA/D 2019. Regie: Terrence Malick. 174 Min.

Aber Malick wäre nicht Malick, der Meister des Kontrapunkts, wenn er dem langsam lebensbedrohlichen Terror nicht die Schönheit eines unschuldigen Landlebens gegenüberstellte. In schwelgerischen Montagen zelebriert er die archaische Pracht der in Hand- und Tierarbeit bestellten Felder und Weiden, ähnlich seinem Klassiker „In der Glut des Südens“. Und wie in all seinen Filmen seit dem Palmengewinner „The Tree of Life“ unterwirft er seine Inszenierung den spontanen Launen von Natur und Zufall. Selbst als Jägerstätter im Gefängnis sitzt, findet zwischen aller Brutalität noch eine flauschige Raupe den Weg in seine Zelle und verdient sich eine Großaufnahme.

Wie August Diehl erzählt, wurden selbst zwanzigminütige Takes unterbrochen, wenn Malick am Drehort spontan noch etwas Interessanteres entdeckte, was den Tier- und Kinderszenen sichtlich zugute kommt. Man könnte fürchten, dass diese überwirklich zelebrierte Schönheit, unterlegt mit klassischer Musik, vom Ernst dieser Geschichte eines inneren ethischen Reifeprozesses ablenkte. Aber es geschieht genau das Gegenteil. Malicks Methode geht auf – das, was Jägerstätter schließlich zu opfern bereit ist, nämlich seiner liebenden Familie ein Vater zu sein, ja sein Leben selbst, stets sichtbar zu halten.

Den theologischen, politischen und juristischen Aspekten der radikalen Verweigerung gegenüber Hitler und seinem Krieg widmet sich Malick in gleicher Ausführlichkeit. Die Mittel dazu sind innere Monologe (sein Markenzeichen) und Begegnungen des Helden mit Kirchenvertretern, die sich mit dem Regime arrangiert haben.

Das europäische Ensemble spricht weitgehend Englisch, aber auch deutsche Elemente integrierten sich in die fließende Montage. Bruno Ganz spielt in seiner letzten Rolle den Vorsitzenden des Kriegsgerichts, der sich erst einfühlsam in die Geisteswelt Jägerstätters vertieft, um dann gleichwohl das Todesurteil zu verkünden. Wenn diese Szene in Cannes unerwarteten Applaus erhielt, galt dies freilich einem überraschenden Statisten: Ex-Berlinalechef Dieter Kosslick spielt in Richterrobe einen Beisitzer … Der kaum fehlbare August Diehl, präsent in fast jeder Szene, hat zu seiner feinsten Ausdrucksform gefunden. Nie hat dieser kraftvolle Darsteller charismatischer Figuren die Unkompromittierbarkeit so zurückhaltend verkörpert. Das Übermenschliche, das sich Jägerstätter abverlangt, wird von den nationalistischen Dörflern als Stolz gescholten. Dabei ist es das genaue Gegenteil. Was gibt es Intimeres als das Gewissen? Und doch zwingt die Wehrpflicht bis in die Gegenwart ihre Verweigerer dazu, dieses Intime öffentlich zu machen. Allen Glanz des Heroischen musste Diehl folglich aus seiner Darstellung fernhalten und in Natürlichkeit aufgehen lassen.

Das Gleiche gilt für seine grandiose Filmpartnerin Valerie Pachner, die als seine Ehefrau einer immer feindseligeren Dorfgemeinschaft entgegensteht. Terrence Malick macht sie zur zweiten Hauptfigur, was es ihm erlaubt, auch zwischen den Gefängnis- und Gerichtsszenen immer wieder in die gebrochene Idylle zurückzublenden.

Schon Malicks Erstling, „Badlands“, erzählte vom Land als verlorenem Paradies. Der vom Nationalismus besudelte Heimatbegriff ist der wohl grimmigste Ausdruck dafür. Dass er heute ein Comeback feiert, verleiht diesem Film eine unerwartete Aktualität.

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