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Ryan (Ewen Leslie, re. im Boot) und Damien (Joel Jackson, li. im Boot) wollen den Flüchtlingen helfen.

„Ein sicherer Hafen“, Arte

Was auf See passiert, bleibt nicht auf See

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„Ein sicherer Hafen“ ist eine mitreißende Miniserie, die ihre Finger tief in die Wunde der westlichen Wohlstandsgesellschaft bohrt.

Erst einmal Ehre, wem Ehre gebührt: Diese vierteilige australische Miniserie hat vermutlich die beste dramatische Prämisse des Jahres. Vor einigen Jahren haben fünf wohlhabende australische Freunde bei einem Yacht-Ausflug in der Timorsee ein havariertes Flüchtlingsboot entdeckt. Man konnte die hilflos treibenden Menschen natürlich nicht zurücklassen, aber ein Abschleppen bis nach Australien wäre für alle Beteiligten gefährlich geworden. 

Also schleppte man das Schiff in Richtung des näher gelegenen Indonesien, was den Flüchtlingen zwar das Überleben, aber auch Misshandlung und Inhaftierung durch die indonesischen Marine beschert hätte. Und als in der ersten Nacht das Halteseil gekappt wurde, offenbar von einem unwilligen Flüchtling, fühlen sich die Freunde von der Verantwortung erleichtert. Erst als einer von ihnen viele Jahre später in Australien einen Taxifahrer als irakischen Flüchtling erkennt, kommt die bittere Wahrheit zutage: Einer der fünf Freunde hat wohl das Seil gekappt, bei der anschließenden Havarie sind sieben Menschen gestorben – darunter auch die Tochter des Irakers. Oder war es doch sein eigener Bruder, der auf keinen Fall nach Indonesien wollte? Nun geht es um Gerechtigkeit.

Diese Grundsituation ist moralisch so dornig, politisch so aktuell und dramaturgisch so raffiniert, dass die ersten Folgen dieser Miniserie eigentlich wie am Schnürchen herunterlaufen; Der Kontrast zwischen den schuldbewussten Wohlstandswestlern und den traumatisierten, aber stolzen Neuankömmlingen; die Beschuldigungen des anderen Lagers und die inneren Zweifel, die Familien und Freundschaften zerreißen; die legalen Komplikationen und die Blicke der Kinder, die sich fragen, was für Menschen ihre Eltern eigentlich sind – all das wird vom Drehbuch meisterlich durchgespielt.

Was nicht heißt, dass inszenatorisch nicht auch viel gute Arbeit geleistet wurde. Regisseur Glendyn Ivin, der schon bei der letztes Jahr bei arte ausgestrahlten Miniserie „Sieben Seiten der Wahrheit“ Regie führte, schafft mühelos den Umschwung von der Leichtbier-Werbungsästhetik eines unbeschwerten Segeltörns hin zu einem konzentrierten moralischen Thriller voller unklarer Schatten und Grautöne. Den Preis für die beste Fernsehregie, den Ivin letztes Jahr von der australischen Film- und Fernsehakademie erhielt, ist hoch verdient.

Sendungsinfo

„Ein sicherer Hafen“, vierteilige australische Mini-Serie
alle Folgen Donnerstag, 14. Februar 2019 ab 20.15 Uhr auf Arte

Auch schauspielerisch werden hier alle Register gezogen. Die Darsteller mögen international unbekannt sein, aber von Ewen Leslies souveränem Charme im Zentrum über Joel Jacksons stiller, brodelnder Intensität als moralischer Außenseiter bis zu Hazem Shammas' Zerrissenheit zwischen Anstand, Verzweiflung und Rachegelüsten gibt es hier viel zu bewundern. Und das ständige Hin- und Herschneiden zwischen den lebensverändernden Rückblenden auf dem Boot und dem davon tief beeinflussten bürgerlichen Leben fünf Jahre später bedeutet, dass alle Schauspieler praktisch zwei Rollen spielen. Und dass das Vorher und das Nachher so distinkt, stimmig und sofort erkennbar bleibt, ist ein weiteres großes Verdienst dieses Ensembles.

Nun ist es kein Zufall, dass eine Serie mit diesem Thema ausgerechnet in Australien gedreht wurde: Das Land macht gerade eine schwere moralische und politische Krise durch, nachdem die Zustände in Flüchtlingslagern und die Behandlung von Asylsuchenden zu internationalen Aufschreien und nationalen Skandalen geführt hat. Aber „Safe Harbour“, wie die Serie im Original heißt, schafft es, die Fragestellungen nach der Moral des westlichen Wegschauens allgemeiner zu formulieren und auch weit außerhalb von Australien gültig zu machen. Angesichts der Abschottung Europas durch fragwürdige Deals mit der Türkei und angesichts des menschenverachtenden Verhaltens der europäischen und nordafrikanischen Küstenwachen im Mittelmeer darf man sich gerne auch hierzulande fragen, wer eigentlich das Seil zerschnitten und diese hilflosen Menschen ihrem Schicksal überlassen hat. Auch hierzulande gibt es Kinder, die ihre Eltern anschauen und sich fragen, was für Menschen sie eigentlich sind.

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