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Maybrit Illner im Studio (Symbolbild).

"Maybrit Illner", ZDF

"Ein sehr unangenehmes Gefühl"

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Maybrit Illner hat ein aktuelles Thema: "Datenklau und Meinungsmache ? droht ein schmutziges Wahlkampf-Jahr?"

Nun haben wir einem gerade 20-Jährigen zu verdanken, dass endlich umfassend diskutiert wird, welche Probleme das Internet und dort vor allem die „sozialen“ Medien (die sich längst zu weiten Teilen asoziale Medien entlarvt haben) geschaffen haben. Aber selbstverständlich nicht die Medien selbst, sondern die Benutzer. Der Fehler sitzt immer vor dem Computer, das gilt nach wie vor.

„Datenklau und Meinungsmache – droht ein schmutziges Wahlkampf-Jahr?“ lautete das Thema der ersten Talkshow Maybrit Illners in diesem Jahr, und die verschiedenen Perspektiven ihrer Gäste auf den Gegenstand leuchteten die Gefahren etwas aus. Vor allem die Experten wie Anke Domscheit-Berg, parteilos für Die Linke im Bundestag und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar erweiterten den Horizont.

Der von seinen ARD-Sendungen bekannte Yogeshwar sprach sich dagegen aus, den Schwarzen Peter allein den Usern zuzuschieben, weil die leicht erkennbare Passwörter benutzten (so richtig dieser Befund auch ist); niemand würde ja auch etwa bei den Waffengesetzen fordern, jeder solle eine möglichst gute Pistole haben.

Yogeshwar sah den Staat in der Fürsorgepflicht; der müsse von Unternehmen verlangen, es Datendieben nicht so einfach zu machen. Dagegen wandte Stephan Mayer, (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär bei Bundesinnenminister Horst Seehofer, ernsthaft ein, er sei gegen „Vollkasko-Mentalität“ (obwohl die niemand verlangt hatte) und fügte die Binse an, man könne die Bürger nicht zu hundert Prozent schützen.

Domscheit-Berg : Negative Emotionen „hoch gerankt“

Mayer verstand sich in dieser Runde ohnehin als der Weißwäscher seines Ministers und beteuerte erstmal, wie gut die deutschen Behörden zusammengearbeitet hätten bei der Aufklärung der jüngsten Affäre. Domscheit-Berg fand es „zu billig, daraus eine Glanzleistung zu machen“ ­– schließlich war der Tatverdächtige schon 2016 auffällig geworden und der Datenklau seit Mitte Dezember bekannt.

Dabei haben die Deutschen noch Glück gehabt, wie Miriam Meckel sagte, die Kommunikationswissenschaftlerin verlegt das Digitalmagazin „ada“. Sie erinnerte an die Datenstehlerei in der Wirtschaft, wo jährlich Schäden von 50 Milliarden Euro entstünden. Die Tat des jungen Hessen sei Anlass, das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit neu zu verhandeln.

Wie tiefgreifend das Netz unser Dasein verändert, deutete Yogeshwar an: Unsere Handys werden ausgelesen; eine Wetter-App etwa verkaufe die Bewegungsdaten dort an gleich 40 Firmen, und er musste gar nicht an das Ziel des chinesischen Regimes erinnern, jeden Bürger jederzeit elektronisch im Auge zu haben. George Orwells Albtraum von 1984 nimmt sich dagegen noch harmlos aus. „Die Privatsphäre aber macht uns aus“, erklärte der Physiker. Und Justizministerin Katarina Barley, selbst Opfer des Hackerangriffs, wenn auch nur in geringem Maße, gestand: „Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl.“

Yogeshwar wies auch darauf hin, dass wir als User wenig Chancen haben, diese private Seite unserer Existenz zu schützen. Denn die kommerziell geprägte Medienlandschaft verfahre nach dem Prinzip der „Erregungs-Bewirtschaftung“: Was die Menschen emotional mehr anspreche und zum längeren Verweilen auf einer Seite bringe, werde verstärkt platziert – Relevantes falle hinten runter. So verdrängte die von AfD und CSU mit Ressentiments dominierte Debatte über die Einwanderungspolitik lange wichtige Themen wie Wohnungsnot und Armut.

Domscheit-Berg präzisierte: Negative Emotionen würden überproportional „hoch gerankt“, das aber „tut nichts Gutes mit uns“.

Die Netzaktivistin schlug deshalb vor, ein Netz zu gestalten, das nicht von „Werbedollars“ abhänge, sondern ein gemeinwohlorientiertes Netzwerk sei und Open-Source-Charakter habe. Dazu könnte ein Innovationsfonds aufgebaut werden, etwa mit Geld der Europäischen Union.

Ob die Europawahl bedroht sei, wollte Illner wissen. Wenn Wladimir Putin sich dafür interessiert, kann man davon ausgehen, dass er seine Destabilisierungs-Strategie weiter fährt und die Rechtsextemen stärkt. Aber Stephan Mayer hat „keine konkreten Hinweise“, dafür den Plan, 350 zusätzliche IT-Spezialisten einzustellen. Woher die kommen sollen, beantwortete er nicht. Dafür Yogeshwar: Die besten Leute würden abgeworben, denn das Durchschnittsverdienst eines IT-Experten etwa in London betrage 300.000 Dollar. Das wachse sich zu einem demokratischen Problem aus.

Ein solches hatte Domscheit-Berg auch im Versuch der Bundesregierung ausgemacht, mit fünf Millionen Euro Sicherheitslücken zu kaufen, zum Zweck der Abwehr von Hacks. Doch auf diesem Wege würden auch die Bundesbürger der Gefahr feindlicher Übernahme ihrer Accounts etwa bei Facebook ausgesetzt. Das sei „eine Frechheit“. Staatssekretär Mayer bestritt das und argumentierte, die „Staatstrojaner“ würden nur bei Einzelfällen angewandt. Das sei nicht möglich, widersprach Expertin Domscheit-Berg. Aber wenn Seehofers Ministerium ohnehin keine Leute findet, bleiben wir vielleicht auch vom Staatstrojaner verschont...

„Maybrit Illner“, ZDF, von Donnerstag, 10. Januar, 22.15 Uhr

Hier geht es zur Sendung.

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