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Der Panzer der Army hat den Karren der Bauern überfahren, George Washington (Reomy D. Mpeho) hat ein schlechtes Gewissen.
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Der Panzer der Army hat den Karren der Bauern überfahren, George Washington (Reomy D. Mpeho) hat ein schlechtes Gewissen.

TV-Kritik

Heute in der ARD: „Ein Hauch von Amerika“ - bildgewaltige Serie im Ersten

  • Tilmann P. Gangloff
    VonTilmann P. Gangloff
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Die ARD-Serie bietet eine große Geschichte, tolle Bilder und eine klasse Besetzung, aber keine durchgängig gelungene Unterhaltung.

Frankfurt am Main - Eigentlich seltsam, dass dieses Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nicht erzählt worden ist: Als 1950 die heiße Phase des Kalten Krieges begann und zigtausende Soldaten der USA in Deutschland stationiert wurden, verwandelten sich einige der ärmsten Gegenden der jungen Republik plötzlich in blühende Landschaften. In der Pfalz zum Beispiel wurden aus Dörfern quasi über Nacht Städte.

Mit den Amerikanern kam der Wohlstand, weil Kasernen und Krankenhäuser gebaut wurden. Dank des Wechselkurses hatten die Soldaten die Taschen voller Geld, weshalb rund um die Garnisonen der Handel blühte. Biedere Gastwirtschaften trugen plötzlich exotische Namen, die neue Musikbox spielte frühen Rock’n’Roll, die Pastoren warnten vergeblich vor dem Anstandsverfall, einige Regionen wurden offiziell zum sittlichen Notstandsgebiet erklärt.

Von all’ dem erzählt die unter Federführung des SWR entstandene sechsteilige ARD-Serie „Ein Hauch von Amerika“. Hauptfiguren sind zwei Pfälzerinnen Anfang zwanzig. Die eine, Erika (Franziska Brandmeier), Tochter des Bürgermeisters, genießt das neue Leben in vollen Zügen und träumt davon, an der Seite eines Soldaten in die Vereinigten Staaten auszuwandern; schließlich landet sie in einer katholischen Besserungsanstalt. Die andere, Marie (Elisa Schlott), stammt aus einer armen Bauernfamilie. Sie hat Erikas Bruder Siggi versprochen, dass sie auf ihn warten wird; das ist jetzt sechs Jahre her.

„Ein Hauch von Amerika“ (ARD) erzählt eine Emanzipationsgeschichte

Rund um die beiden Protagonistinnen entwirft die von Jo Baier entwickelte und von gleich drei Autoren bearbeitete Pfalz-Saga ein Panorama, das möglichst viele Facetten der damaligen Zeitläufte berücksichtigen will: Erikas senile Großmutter (Marie Anne Fliegel) grüßt gewohnheitsmäßig mit „Heil Hitler“, der Bürgermeister (Dietmar Bär) verdankt sein großzügiges Domizil der Enteignung des jüdischen Vorbesitzers, hat als „Mitläufer“ aber einen Persilschein bekommen, und als Siggi (Jonas Nay) aus einem russischen Lager zurückkehrt, ist er äußerlich zwar unversehrt, aber seelisch verkrüppelt.

„Ein Hauch von Amerika“ (ARD)Die Rollen und ihre Darsteller:innen
Marie KastnerElisa Schlott
George WashingtonReomy D. Mpeho
Erika StrummFranziska Brandmeier
Siegfried StrummJonas Nay
Friedrich StrummDietmar Bär
Anneliese StrummAnna Schudt
Amy McCoyJulia Koschitz

Das zentrale Thema ist jedoch ein anderes. Schon der Prolog deutet an, dass „Ein Hauch von Amerika“ eine Emanzipationsgeschichte erzählt. Die Serie beginnt mit einem 1952 verfassten Abschiedsbrief, dann folgt eine lange Rückblende ins Jahr zuvor: Als Garnisonskommandant McKoy (Philippe Brenninkmeyer) Marie als Hausmädchen engagiert, stellt seine Gattin Amy (Julia Koschitz) rasch fest, über welches Potenzial die zeichnerisch überaus begabte junge Frau (Elisa Schlott) verfügt. Sie will ihr die Möglichkeiten eröffnen, die selbst einst nicht genutzt hat. Marie erweitert ihren Horizont auch in anderer Hinsicht: Ein Soldat mit dem klangvollen Namen George Washington (Reomy D. Mpeho) wirbt so lange und hartnäckig um ihre Gunst, bis sie schließlich nachgibt. Dass er schwarz ist, stört sie nicht. Seinen direkten Vorgesetzten allerdings umso mehr: Sergeant Hoskins (Tim Kalkhof) warnt George mehrfach, er werde ihm den Appetit auf „weiße Fleisch“ schon noch austreiben.

„Ein Hauch von Amerika“ (ARD): Auch in Deutschland gab es Rassismus

Damit ist die Geschichte bei ihrem zweiten großen Thema: Deutschland erschien vielen schwarzen Soldaten wie das Paradies, weil sie hier viel mehr Freiheiten genießen konnten. Rassismus gab es natürlich trotzdem; George droht am Ende aufgrund einer perfiden Lüge gar die Todesstrafe. Die Serie, warnt eine Schrifttafel zu Beginn, enthalte „rassistische Sprache und andere Formen der Diskriminierung, welche die Lebenswirklichkeit zu Beginn der 1950er Jahre widerspiegeln.“

Für die Einheimischen sind die schwarzen Amerikaner selbstverständlich „Neger“, der Pfarrer mokiert sich über die „Negermusik“ im Gasthof, und wenn Hoskins seine Verachtung zum Ausdruck bringen will, nennt er George einen „Nigger“. Bei den Untertiteln der englischen Dialoge hat die Verantwortlichen allerdings der Mut verlassen, dort ist „N--er“ zu lesen, was angesichts der unverblümten Sprache etwas seltsam wirkt. Davon abgesehen ist „Ein Hauch von Amerika“ ein Musterbeispiel öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Das Zeitgefühl scheint perfekt getroffen, selbst wenn damals in der pfälzischen Provinz vermutlich kaum jemand derart lupenreines Hochdeutsch gesprochen haben dürfte.

„Ein Hauch von Amerika“ (ARD): Echte Begeisterung kommt nicht auf

Regie bei „Ein Hauch von Amerika“ (ARD) führte Dror Zahavi, der bereits diverse große zeitgeschichtliche Filme gedreht hat, unter anderem „Die Luftbrücke – Nur der Himmel war frei“ (2005, Sat.1), „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“ (2009, ARD), „München 72 – Das Attentat“ (2013, ZDF) oder das Heimdrama „Und alle haben geschwiegen“ (2013, ZDF). Bei allem Respekt vor der herausragenden Bildgestaltung durch seinen bevorzugten Kameramann Gero Steffen sowie der exquisiten Arbeit von Ausstattung und Kostümbild: Gerade aus Sicht eines jungen Publikums, das die ARD mit der Konzentration auf Marie und Erika gewinnen will, fehlt jener zündende Funke, der überspringen muss, um echte Begeisterung zu wecken. Dieser Zielgruppe würden sprachliche Fehler wie „alles gut“ vermutlich nicht auffallen, aber angesichts der beschaulichen Erzählweise mit ihren langen Einstellungen wird es ihr schwerfallen, sich für die Serie zu begeistern.

„Ein Hauch von Amerika“

Mittwoch, 1. Dezember 2021, ARD, 201.15 Uhr. Die gesamte Serie in der ARD-Mediathek

Das Ensemble von „Ein Hauch von Amerika“ (ARD) ist immerhin ausgezeichnet. Bei Elisa Schlott ist das keine Überraschung, die Schauspielerin gehört längst zu den besten ihrer Altersgruppe, aber Franziska Brandmeier, erstmals positiv aufgefallen in der Siegfried-Lenz-Verfilmung „Arnes Nachlass“ (2013), spielt sich als kesse Erika nach ganz vorn. Nicht minder faszinierend ist die Rolle von Julia Koschitz als gebürtige Berlinerin, die einst ebenfalls von Amerika träumte nun im „Kaff der guten Hoffnung“ (wie der pfälzische US-Stützpunkt Ramstein in den Fünfzigern genannt wurde) gestrandet ist. Sehenswert sind auch Aljoscha Stadelmann als Maries schwermütiger Vater, Samuel Finzi als Wirt mit Mission und Nina Gummich als „leichtes Mädchen“. (Tilmann P. Gangloff)

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