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Ein guter Vorsatz für 2023: Die Rettung des Kinos

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Von: Daniel Kothenschulte

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Eine dekadente Kreuzfahrt in „Triangle of Sadness“. Foto: Fredrik Wenzel/AlamodeFilm
Eine dekadente Kreuzfahrt in „Triangle of Sadness“. Foto: Fredrik Wenzel/AlamodeFilm © Fredrik Wenzel/AlamodeFilm

Viele Häuser finden Zuflucht in der Kunst, der Lounge, der Nachbarschaft. Bedroht ist allerdings der „normale“ Mittelbau. Und übel steht es weiter um die Vergabe von Fördergeld

Das Jahr 2023 dürfte ein Schicksalsjahr für die deutschen Kinos werden. Corona-Hilfen haben das Schlimmste bislang verhindern können, nun muss nur noch das Publikum zurückfinden. In diesen Tagen sieht es gar nicht so schlecht aus, aber der Spätherbst war schon immer die beste Zeit gerade für die kleineren Kinos mit anspruchsvollem Programm. Ruben Östlunds Cannes-Gewinner „Triangle of Sadness“ hat auch wieder das junge studentische Publikum zurückgeholt, das man für das Arthouse-Kino fast schon verloren glaubte.

Kinomacherinnen und -macher sind grundsätzlich Optimisten, und an guten Filmen wird es ihnen auch im kommenden Jahr nicht mangeln. Eines der Meisterwerke von 2022 wird erst bei der Berlinale im Februar seine deutsche Premiere feiern, Steven Spielbergs Coming-of-Age-Film über die eigene cineastische Erweckung, „Die Fabelmans“. Wie niemand sonst hat der Amerikaner das populäre Kino der letzten fünfzig Jahre geprägt und sich dabei alle Genres zu eigen gemacht. Das eigene Teenagerleben in einen Spielbergfilm zu verwandeln, klingt da für ihn nach einer eher einfachen Übung, doch damit hätte man ihn unterschätzt. Eine überraschende Tiefe und Aktualität gewinnt der bis dahin federleichte Film in seinem letzten Drittel, wenn Spielberg den alltäglichen Antisemitismus thematisiert, den er auf einer kalifornischen High School erlebte.

Bei der Berlinale wird der Regisseur für sein Lebenswerk ausgezeichnet, doch schon zur Eröffnung erhofft sich die deutsche Filmbranche eine lange erwartete Aufmerksamkeit. Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat einen ersten Entwurf der Novelle zum Filmfördergesetz angekündigt, die sie um ein Jahr verschoben hat. Erst im Dezember erklärte sie in der Fernsehsendung „Kulturzeit“: „Gerade weil ich ein so großes Herz habe für den Film, weil ich ein Löwinnenherz habe für den Film – für den kulturellen Film, für den Film, der sich an der Kinokasse auch auszahlt, für den Filmstandort – habe ich gesagt, dass es doch gar keinen Sinn macht, ein bisschen ein Reförmchen zu machen.“ Aktuell sei man in „unglaublich breiten Dialogen“ mit den unterschiedlichen Bereichen aus dem Film unterwegs, der Produzentenbranche, der Regie, den Autorinnen und Autoren. „Auch mit der Zustimmung aus der Branche wollen wir eine nachhaltige Reform auf den Weg bringen, die den Kultur-Film stützt, unterstützt und verstärkt, die den Filmstandort unterstützt und stärkt.“ Bis zu einem ersten Konzept solle es bis zur kommenden Berlinale dauern.

Was an dieser kurzen Interviewantwort auffällt, ist die Gleichsetzung zwischen dem „kulturellen Film“ und „jenem, der sich an der Kinokasse auch auszahlt“. Letzteren hat es in Deutschland nur selten gegeben. Selbst in den goldenen Tagen der Kinowirtschaft, den 1950er Jahren, wurde die Filmindustrie bereits mit Kreditbürgschaften gefördert. Zugleich machten einige Produzenten sagenhafte Gewinne mit Heimat- und Revuefilmen.

1967 wurde mit dem Filmförderungsgesetz die Grundlage geschaffen, den Autorenfilm zu fördern, doch längst spielen Qualitätskriterien bei der Mittelvergabe kaum noch eine Rolle. Statt unabhängiger Gremien entscheiden mehrheitlich Produzentinnen und Produzenten und die Verantwortlichen in Fernsehredaktionen, und es sieht kaum so aus, als sollte sich das nun ändern. Heute wird mehrheitlich ein gesichtsloses Unterhaltungskino gefördert, zu dem die Filmförderung ursprünglich Alternativen ermöglichen wollte.

Das deutsche Kino ist im Ausland nahezu unsichtbar, es fehlte 2022 sowohl in Cannes als auch in Venedig auch in den Nebensektionen. Und die beiden wunderbaren deutschen Beiträge in Locarno sind nicht von der Sorte, mit denen sich die hiesige Branche üblicherweise identifiziert. Ihre Regisseurinnen leben beide in Berlin, drehen auf analogem Filmmaterial – und übertragen in ihren Werken die visuelle Poesie des Avantgardefilms in experimentelle Spielfilmformen.

Helena Wittmanns schwelgerische und doch stilsichere Reiseerzählung „Human Flowers of Flesh“ handelt von der rätselhaften Mission einer Gruppe Suchender auf einer Segelyacht im Mittelmeer. Es ist eine Metapher für ein Kunstideal, das nicht Konzepte abarbeitet, sondern Freiheit schenkt, im Suchen und im Finden.

Wie auch der zweite deutsche Festivalerfolg im Ausland, der im eigenen Land nicht mal einen Filmverleih gefunden hat. Die aus Tel Aviv stammende Videokünstlerin Ann Oren erntete für ihren Film „Piaffe“ auf den brach liegenden Äckern des filmischen Surrealismus. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, gespielt von der Mexikanerin Simone Bucio, die sich als Geräuschemacherin für einen Pferdefilm versucht. Dabei wächst ihr selbst ein Pferdeschwanz am Steißbein, begleitet von einer neuen sexuellen Empfindsamkeit. Selten hat man im Kino eine so freie, undefinierte Erotik gesehen. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass uns diese beiden Filme bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises begegnen werden. Zu international ist ihre Haltung, zu sehr lassen sie die ausgetretenen Pfade eines deutschen Förderkinos hinter sich, das längst dem Genre mehr vertraut als aller Kunst.

Dabei braucht das Kino in aller Welt gerade jetzt das Besondere mehr als je zuvor. Es ist kein Geheimnis, dass Streaming-Portale den Bedarf an konsensfähigem Unterhaltungskino schon jetzt bedienen können. Das Kino wird immer mehr zum Ort von Ereignissen werden. In einigen großen Sälen wird man die Premieren von Anime-Filmen feiern und die großen Blockbuster während ihrer kurzen Vorlaufzeit im Kino. Die Lounge-Theater werden auch weiterhin einem zahlungskräftigen Publikum den gepflegten Unterhaltungsfilm mit Drinks servieren. Und auch um die kleinen Kunstkinos, die ihre Stammkundschaft kennen, wird man sich nicht sorgen müssen, im Gegenteil: In den Vororten der Metropolen gibt es schon jetzt ein Comeback des Nachbarschaftskinos.

Bedroht ist dagegen der Mittelbau, das ganz „normale Kino“, das immer die Vielfalt des Films abbildete, der wohl einzigen Kunstform, die uns mal anspruchsvoll, mal trivial, mal mit Fantasy und mal mit dokumentarischer Wahrheit beglückt. 2023 wird das Jahr sein, indem auch die die Politik erkennen muss, dass es nicht reicht, der Filmwirtschaft ein risikoloses Produzieren zu ermöglichen. Ohne die Filmtheater, ohne den Dialog mit Filmen aus aller Welt, wäre das deutsche Kino auch zu Hause unsichtbar.

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