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Eifel auf Rezept

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Die gelernte Krankenschwester Vera Mundt (Rebecca Immanuel) entscheidet sich aufgrund eines Angebots mit ihren Kindern Mia (Mascha Schrader) und Paul (Tom Böttcher) von Berlin aufs Land zu ziehen. Während Mia von dem Landleben begeistert ist, gefällt ihrem Bruder Paul die Entscheidung aus der Großstadt weg zu ziehen überhaupt nicht.
Die gelernte Krankenschwester Vera Mundt (Rebecca Immanuel) entscheidet sich aufgrund eines Angebots mit ihren Kindern Mia (Mascha Schrader) und Paul (Tom Böttcher) von Berlin aufs Land zu ziehen. Während Mia von dem Landleben begeistert ist, gefällt ihrem Bruder Paul die Entscheidung aus der Großstadt weg zu ziehen überhaupt nicht. © ARD Degeto/Martin Valentin Menke

Der Auftakt zur neuen ARD-Reihe „Die Eifelpraxis“ lebt vor allem von den vielen Geschichten und Hauptdarstellerin Rebecca Immanuel.

Von Tilmann P. Gangloff

Man könnte es das „Landlust“-Phänomen nennen: Wenn immer mehr Menschen in Städten leben, zeigt das Fernsehen antizyklisch immer öfter Geschichten, die auf dem Land spielen. Wie so viele Filme dieser Art beginnt auch der Auftakt zur neuen ARD-Reihe „Die Eifelpraxis“ mit einem Umzug: Vera Mundt, alleinerziehende Mutter, ist Krankenschwester aus Passion. Wegen der Kinder musste sie ihren Beruf aufgeben. Zuletzt hat sie sich mit Teilzeitjobs über Wasser gehalten, nun will sie zurück in die Festanstellung. Tatsächlich bekommt sie ein Angebot als Versorgungsassistentin eines Landarztes. Dafür muss sie allerdings mit ihren Kindern von Berlin in die Nähe der belgischen Grenze aufs Land ziehen. Für Vera ist das kein Problem, für Töchterchen Mia auch nicht, sie freut sich auf die Tiere; bloß der 16-jährige Paul rebelliert.

Auch sonst bedient sich Autorin Brigitte Müller („Der Bergdoktor“) diverser Versatzstücke: Selbstredend gibt es im neuen Haus, dessen  Einrichtung ein Sammelsurium aus den 60er- und 70er-Jahren ist, kein Internet. Vera muss sich erst mal die Anerkennung ihres querschnittgelähmten neuen Chefs (Simon Schwarz) verdienen, dem sie sich seltsamerweise nie vorzustellen brauchte. Und ihre Kollegin (Olga von Luckwald), ein buntbemaltes junges Ding in Leggings und High Heels, betrachtet sie als Konkurrentin. Dafür ist Schulrektor Leon Ortmann (Janek Rieke) umso sympathischer.

Merkwürdig nur, dass Paul (Tom Böttcher) und Mia (Mascha Schrader) dieselbe Schule besuchen, denn sie ist erst acht. Aber auf diese Weise wird der Rektor Zeuge, wie der trotzige Paul das Mädchen stehen lässt, um sich mit seinen neuen Freunden in einem Jugendzentrum zu vergnügen. Dort werden Herr Ortmann und Frau Mundt später in dunkler Nacht aufeinandertreffen: Er sucht seine Tochter, sie ihren Sohn; der mögliche Beginn einer Liebesgeschichte.

Deutlich mehr Zeit widmet der Film den Patienten. In dieser Hinsicht funktioniert „Die Eifelpraxis“ wie jede andere Arztserie: Rund um die zentralen Figuren werden diverse Erzählstränge geflochten, die je nach Geschick mehr oder minder plausibel miteinander verknüpft sind; so lassen sich auch unterschiedliche Tonarten kombinieren.

Heillos überfordert

Zumindest im Auftaktfilm zur neuen ARD-Reihe „Die Eifelpraxis“ geht es allerdings überwiegend dramatisch zu, denn schon am ersten Tag ist Vera heillos überfordert. Als Versorgungsassistentin übernimmt sie die Hausbesuche, und weil sie sich nicht bloß als Servicekraft sieht, die einem Patienten den Verband wechselt und dann zum nächsten eilt, hinkt sie alsbald dem engen Zeitplan hinterher.

Außerdem geht es natürlich um mehr als bloß um vordergründige Wehwehchen: Ein Bankdirektor (Max Herbrechter), der einen Autounfall hatte, entpuppt sich als lebensmüde, ein pensionierter Amtsrichter (Felix von Manteuffel) beschuldigt seine polnische Haushaltshilfe (Karolina Lodyga), ein wertvolles Buch gestohlen zu haben. Zu allem Überfluss geht ständig Veras Auto kaputt; vom Ärger mit dem renitenten Paul ganz zu schweigen.

Das klingt alles etwas überfrachtet, aber Regisseurin Sibylle Tafel ist erfahren genug, um die verschiedenen Ebenen nicht episodisch aneinanderzureihen. Schon der fast verschwenderisch aufwendig gestaltete Einstieg, als Vera zum Vorspann innerhalb einer guten Minute in diversen gänzlich unterschiedlichen Jobs zu sehen ist, gibt einen Vorgeschmack auf die Komplexität des Films.

Tafel (zuletzt „Für eine Nacht … und immer?“) steht vor allem für romantische Komödien; „Der Butler und die Prinzessin“ wurde 2007 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, „König Drosselbart“ (2008) ist eins der besten ARD-Märchen und mit dem Robert-Geisendörfer-Preis ausgezeichnet worden.

Auch „Die Eifelpraxis“ ist durchaus sehenswert, selbst wenn die Umsetzung alles andere als originell ist; Veras Autofahrten durch die Eifel zum Beispiel legen die Vermutung nahe, dass Bildgestalter Thomas Etzold erstmals die Vorzüge einer Kameradrohne entdeckt hat. Immerhin sorgt er für Aufnahmen, die auch den regionalen Sparkassenkalender schmücken würden, Sonnenuntergang inklusive.

An einigen Stellen wirken diese Schmuckbilder allerdings eskapistisch: Veras Auto springt wieder mal nicht an? Schnitt auf die Rurtalsperre, Problem gelöst. Auch die heiter-harmlose Allerweltsmusik legt nahe, dass die diversen Dramen alle nicht so schlimm sind. Dazu passt, dass sich der mürrische Arzt, seit einem Unfall Rollstuhlfahrer, schließlich doch noch als umgänglicher Zeitgenosse entpuppt, weshalb sich Vera vermutlich irgendwann zwischen ihm und dem Rektor entscheiden muss.

Nette Details am Rande

Auch der Handlungsrahmen ist mittlerweile etwas abgenutzt. Nach dem gleichen Schema - Frau zieht von der Stadt in die Provinz - funktionierten neben diversen Freitagsproduktionen der ARD-Tochter Degeto auch die Auftaktfilme der ZDF-Reihen „Lena Lorenz“ und „Hanna Hellmann“ sowie die „Frühlingsfilme“ mit Simone Thomalla.

Immerhin sind die Rureifel und gerade das belgische Grenzgebiet filmisch noch weitgehend unerschlossen. Zumindest die Außenaufnahmen für „Eifelpraxis“ sind zu großen Teil in und um Monschau entstanden; das Städtchen, völlig zu Recht als „Perle der Eifel“ gerühmt, war auch schon Schauplatz des Degeto-Films „Weihnachten für Einsteiger“ (2014).

Ähnlich sehenswert sind die Leistungen der Darsteller. Rebecca Immanuel ist in ihrer Rolle als empathische Krankenschwester jederzeit glaubwürdig, und gerade die beiden filmisch noch unerfahrenen jungen Männer, Tom Böttcher und Sebastian Griegel (als Sohn des Bankdirektors), hat Tafel ausgezeichnet geführt.

Sehr nett sind auch einige Details am Rande, etwa das Schreibtischrotlicht im Polizeirevier, das zu leuchten beginnt, wenn das Telefon klingelt. Der Dorfpolizist ist übrigens der Einzige, der auch akustisch für Lokalkolorit sorgt.

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