Spekulatives Schmachten: Szene aus Abdellatif Kechiches "Mektoub, My Love".
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Spekulatives Schmachten: Szene aus Abdellatif Kechiches "Mektoub, My Love".

Filmfestival Venedig

Ehestreit am Lido

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Eine Pleite, ein letzter Löwen-Kandidat: Abdellatif Kechiches „Mektoub, My Love“ und Frederic Wisemans Dokumentar-Kunstwerk „Ex Libris“.

Als Abdellatif Kechiche im vergangenen Juni ankündigte, seine Goldene Palme versteigern zu lassen, war ihm die Aufmerksamkeit der Filmwelt sicher. Der Trophäe, die er für „Blau ist eine warme Farbe“ erhalten hatte, solle für mindestens 50.000 Dollar den Besitzer wechseln, erklärte der Regisseur damals dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“. Anders könne er den Nachfolgefilm „Mektoub, My Love“ nicht abschließen, nachdem der französische Verleih und Mitproduzent Pathé die Rohschnittabnahme verweigert habe. Die Verfilmung des Romans von François Bégaudeau war ihm statt der vereinbarten zwei Stunden Laufzeit glatt dreimal so lang geraten.

Geboten hat bislang noch niemand, aber in einem übertragenen Sinne hat Kechiche die Palme, von der er sagt, dass sie ihm nicht viel bedeute, tatsächlich bereits zurückgegeben. Nach den zum Teil vehement vorgebrachten Voyeurismus-Vorwürfen, der seine Darstellung einer lesbischen Liebesgeschichte vor allem in Frankreich ausgesetzt war, lässt er der angeblichen Männerphantasie nun eine Männernostalgie folgen: Von den ersten drei Stunden, die gestern von „Mektoub, My Love“ am Lido liefen, zeigen zwei leicht bekleidete junge Menschen am Strand und in der Disco. Die Kamera folgt dem schwelgerischen Blick eines jungen Fotografen und angehenden Filmemachers, wobei sie oft sogar vergisst, dass zu Brüsten und Pos auch noch ein Kopf gehört. Die drei Stunden reichen gerade einmal für die Vorgeschichte der Romanvorlage. Der eigentliche Konflikt des etwa zwanzigjährigen Amin, der sich zwischen Kunst und Liebe entscheiden muss, als sich die Frau seines Produzenten in ihn verguckt, kommt gar nicht vor.

Die lebendigsten Szenen sind dabei jene, die im tunesischen Familienrestaurant spielen, wo sich Frauen zweier Generationen über die Männer austauschen, die sie umschwärmen. Vor allem Casanova Toni, der ältere Cousin des Helden, sorgt da für Gesprächsstoff. Am Ende aber liegen alle dem enthaltsamen Amin zu Füßen, dem angehenden Künstler, der sogar einmal einen Strandtag opfert, um die Geburt eines Kälbchens zu fotografieren. Während in den Disco-Szenen kein Dance-Hit der Spielzeit in den frühen 90er Jahren ausgelassen wird, untermalt Kechiche die Stallszenen feierlich mit Mozartarien.

Wer bei diesem Festival in Darren Aronofskys Dichter-Musen-Drama „mother!“ ein konservatives Frauenbild beklagte, findet hier das männliche Pendant, ein romantisiertes männliches Künstlerbild: Den schwelgerischen Genießer, der sich an den Schönheiten der Schöpfung berauscht, und dabei Sonnenuntergänge, Tiergeburten und Frauenkörper mit dem gleichen Elan in Kunst verwandeln möchte. Schmachtende Frauenblicke belohnen ihn dafür mehr, als wir es glauben möchten. Oder, wie es im Dialog einmal heißt: „Wie machst du, das nur, hast du Honig an dir?“

Noch immer gibt es bei Kechiche einiges zu bewundern, das natürliche Spiel der jungen Darsteller oder die Musikalität der Kamera. Typischer für den Gesamteindruck aber sind endlose Szenen, in denen seine idealisierten Dorfschönheiten, die tagsüber Ziegen melken, des Abends in der Disco zu Dancing Queens mutieren. Bewundert von Held und Kamera räkeln sich die Teenager an Stripper-Stangen oder machen aufreizend auf „lesbisch“ – geradeso als wollte Kechiche allen Kritikerinnen und Kritikern seines letzten Films nachträglich Recht geben – auch wenn es stets beim visuellen Vorspiel bliebt.

Wer es gut meint, fühlt sich bei diesem ausschweifenden, aber seltsam asexuellen Voyeurismus an Paul Verhoevens „Showgirls“ erinnert, wer es weniger gut meint an David Hamilton. Nach dem von Buhs begleiteten Ende der Pressevorführung hatte man das Gefühl, einen Rohschnitt gesehen zu haben. Schon die Kosten der Musik wären nie zu bezahlen. Das ist einerseits ein exklusives Erlebnis, anderseits fühlt man sich dabei in einen Ehestreit hineingezogen, den Kechiche mit seinem Verleih und der französischen Filmförderung auszutragen hat. Auch die Palmen-Auktion ist wohl eher eine demonstrative Geste, begleitet von Kechiches gegenüber dem Hollywoodreporter vorgebrachter Gewissheit: „Mir begegnet eine Feindseligkeit im französischen Kino, weil ich nicht zu dieser Familie dazu gehöre, die nicht aufhört, mir ihre Abneigung zu zeigen.“ Sollte ein Festival einen offensichtlich unvollendeten Film überhaupt in einen Wettbewerb heben? Offensichtlich setzt hier ein verzweifelter Regisseur alles auf einen Kritikererfolg – doch der ist kaum zu erwarten.

Allerdings ging es in der zweiten Festivalhälfte auch stetig bergab. Noch immer gilt Paul Schraders Drama um einen radikalisierten Prediger, „First Reformed“, als Favorit für die Preisverleihung am Samstag. Nur noch ein weiterer amerikanischer Beitrag wäre eines Goldenen Löwen würdig. Es ist „Ex Libris – The New York Public Library“, der neueste epische Dokumentarfilm von Altmeister Frederic Wiseman. Seit fünfzig Jahren beleuchtet der 87-jährige nun in seiner Arbeit öffentliche Institutionen, den größten Erfolg hatte in Deutschland „La Danse“ über das Ballett der Pariser Oper. Nun führt er mehr als drei Stunden lang vor und hinter die Kulissen der berühmtesten öffentlichen Bibliothek Amerikas. Doch mehr als ein Film über die Arbeit mit Büchern ist diese Innenansicht ein Plädoyer für die Demokratie.

Wiseman porträtiert die Arbeit der Bibliothekare, Wissenschaftler und Kuratoren als Kämpfer für einen barrierefreien und chancengleichen Zugang zur Bildung. Vorgebracht ist dies wie stets bei Wiseman unkommentiert und ohne didaktischen Zeigefinger, vor allem aber in einer fotografischen Klarheit, einer berührenden Transparenz, die weit mehr als die Architektur oder das Kulturgut die Bürger selbst im Blick hat. Es ist leicht, bei diesem Film an die fatale Politik der Trump-Administration zu denken. Doch wann haben wir zuletzt in allen Bildungsdebatten dieses schöne Versprechen gehört: „Kultur für alle“?

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