1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Edgar Reitz wird 90 – Heimat, auch jenseits des Kinos

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Edgar Reitz feiert am 1. November seinen 90. Geburtstag.
Edgar Reitz feiert am 1. November seinen 90. Geburtstag. © dpa

Zum 90. Geburtstag des großen Filmerzählers Edgar Reitz.

Erst beim vergangenen Festival in Venedig konnte Edgar Reitz noch einmal erleben, welche Liebe und welches Verständnis sein Filmwerk gerade dort erlebt, wo man seine zentralen, unübersetzbaren Begriffe erst erklären muss: „Heimat“, „Sehnsucht“, „Fernweh“. – „Mich würde es enttäuschen, wenn es nur etwas Deutsches wäre“, erklärte er es uns einmal in einem Interview. „Was damit gemeint ist, muss es ja auch in den Herzen eines Italieners oder Franzosen geben. Durch Definition aber kommen wir dem nicht näher. Aber durch Geschichtenerzählen. Das scheint mir das einzige Mittel zu sein, um die Empfindung, die darin enthalten ist, zu vermitteln.“

Heute wird der große Filmerzähler 90 Jahre alt, sein jüngstes Filmprojekt ist die digitale Restaurierung der 25-stündige „Zweite Heimat“, die am 25. November auf Blu-Ray-Disks und DVDs erscheint. Auch diesen Teil seines Lebenswerks lässt er sich nicht aus der Hand nehmen, in den vergangenen 15 Jahren hat er sich gemeinsam mit seinem Sohn Christian auch diesen Teil des Filmhandwerks erarbeitet. Das kann bei diesem Künstler aber auch bedeuten, dass hier und dort noch ein Farbtupfer mehr oder weniger im Bild auftaucht.

Neben Alexander Kluge ist er der letzte heute noch aktive Unterzeichner des Oberhausener Manifests. Aus dem „Abschied von gestern“, von „Papas Kino“, ist inzwischen ein Kampf für den Erhalt der Kunstform selbst geworden. In einem Essay für den von ihm gemeinsam mit dem Frankfurter Lichter-Filmfest veröffentlichten Kongress „Zukunft Deutscher Film / Forum Europa“ schreibt er: „Das Kino der klassischen Jahre mit seinen bürgerlich geführten Filmtheatern in den teuren Geschäftslagen der Städte wird als Geschäftsmodell verschwinden. Auch die Multiplex-Häuser mit ihren standardisierten Vorführräumen und die meisten Säle der Arthouse-Betreiber werden nach und nach geschlossen. Was übrig bleibt, werden bestimmte Kinos sein, die sich als Hüter der Filmkultur verstehen und die von leidenschaftlichen Kennern des internationalen Filmschaffens nach dem Intendantenprinzip geleitet und als Teil des kulturellen Lebens einer Stadt oder Gemeinde verstanden und getragen werden.“

Das wären schlechte Aussichten, für alle, die nicht nur in Filmen ihre kulturelle Heimat sehen, sondern gerade in der Alltäglichkeit ihres Erlebens im Kino. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass ein Teil der Revolution seinerzeit auch den Einsturz dieser bürgerlichen Tempel durchaus einkalkulierten: „Der Film verlässt das Kino“, so hatte Reitz schon 1968 einen Essay genannt.

Und tatsächlich: Wer hat die ganze „Heimat“ im Kino gesehen? Für das Fernsehen eine Sternstunde, war sie ein früher Hybrid, eine Pioniertat auf dem Weg zum selbstbestimmten Schauen epischer Formate über Online-Mediatheken. Die Schattenseite: Netflix und Amazon interessieren sich ja gerade nicht für ein Kino wie das von Reitz, das kein Bild dem Zufall überlässt. Sie verkaufen Sehgewohnheiten statt sie zu sprengen.

„Wenn du Kunst und Leben miteinander verwechselst, das ist der brutalste Kitsch“, sagt Herrmann, der angehende Komponist, seiner geduldigen Freundin Helga. Zu finden ist die kleine, aber vielsagende Szene in den „Heimatfragmenten“, einer Sammlung von Schnittresten, die Reitz 2006 als Nachtrag zu seiner „Heimat“ veröffentlichte. Tatsächlich hat es Reitz in seinem Lebenswerk immer wieder erreicht, Kunst und Leben in einem ganz eigenen Sinne in Verwechslungsgefahr zu bringen. Allein schon deshalb, weil seine epochale Filmserie inzwischen selbst ein Teil unserer Leben geworden ist.

Für einen seltenen Augenblick versöhnte diese „Heimat“, entstanden zwischen 1981 und 1984, das längst als elitär verschriene deutsche Autorenkino mit seinem Publikum. Für alle, die damit aufwuchsen, daran ihr Auge schärften, sich treiben ließen an die schillernden Ränder zwischen privaten und kollektiven Erinnerungen, ist dieser Film selbst schon ein Stück Heimat.

Auch interessant

Kommentare