Rainer Langhans macht den "Toten Mann", Jutta Winkelmann meditiert.
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Rainer Langhans macht den "Toten Mann", Jutta Winkelmann meditiert.

„Good Luck, Finding Yourself“

Echt irrer Intimitätsexhibitionismus

Der Dokumentarfilm fährt mit der Familie um Rainer Langhans nach Indien - und findet Banalitäten und Peinlichkeiten.

Von Sabine Vogel

Jutta heult, alle sind genervt. Konfliktscheu sind sie jedenfalls nicht. Dass man alle Gefühle rauslassen darf und über alles Zwischenmenschliche gesprochen wird – das haben sie in ihrer nicht zum ersten Mal medial ausgeschlachteten Dauerwohngemeinschaft bestens eingeübt. Und so werden wir in diesem Dokumentarfilm auch Zeuge ungeschönter Gruppendynamik.

Es soll eine Pilgerfahrt werden. Wohin? Na, zu sich selbst! Jutta Winkelmann, eine sehr gut aussehende, graublonde Frau um die Sechzig Plus, scheut sich nicht, das genau so naiv dem ersten auf der Gasse in die Kamera grinsenden Inder auf die Nase zu binden. Grund für die Reise nach Indien, auch das wird von Anfang an klargestellt, ist ihre fortschreitende Krebserkrankung; der 2001 mit einer Chemotherapie überwunden geglaubte Brustkrebs hat neue Metastasen gebildet.

Guru Langhans

Jetzt wird es ernst mit dem Sterben. Jedenfalls höchste Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Was im richtigen Leben nicht lustig ist, wird durch schonungsloses Abfilmen nicht interessanter. „Sterben lernen ist das richtige Leben.“ Das hat wahrscheinlich irgendein superheiliger Guru gesagt. Oder Rainer Langhans, was fast genauso gut ist. Denn der Kommunarde ist seit einer Indienreise 1971 selbst ein „Initiierter“, und Jutta Winkelmann ist eine seiner Lebensgefährtinnen aus seinem Münchner Harem, wo die Frauen mit ihm freie Liebe, Lotossitz und Gemeinschaft praktizieren.

Nun also auf zur letzten Sinnsuche von Neu Delhi zur Todesstadt Varanasi am Ganges, zum Himalaya nach Norden, nach Kerala in den Süden. Einkehr in diversen Ashrams, wo der „Meister“ nicht zu treffen ist, weil er – wie jede Amateurleuchte weiß – wenn, dann ja nur in einem drin ist.

Gefilmt wird die Reise mit der Digitalkamera von Juttas Sohn. Diese Dinger sind heutzutage technisch so toll, dass man pittoreske Straßenszenen und atemraubende Kurvenstrecken wackelfrei aus dem fahrenden Bus heraus aufnehmen kann. Ebenso wie man sich ganz nah an schlafende oder knuddelnde Figuren heranrobben und ihnen über die verwuschelten Köpfe spicken kann. Mit Intimitätsexhibitionismus haben die Protagonisten ohnehin kein Problem. Schnarchen ist menschlich. Rainer hat Durchfall, Brigitte Bronchitis, Christa krüppelt sich mit einem Hexenschuss aufs Klo, Jutta jammert. Und draußen hungert der Inder ohne WLan im Dreck herum. Aber guck, die sind glücklich trotz Armut! Weil die weniger materialistisch sind! Schlimm!

Gartenzwergmiene

Aber richtig peinlich wird es, wenn der „spirituelle Mentor“ mit abgeklärter Gartenzwergmiene der Krebskranken erklärt, dass alles vorübergeht. Der Krebs, das Leben? Langhans? Der spielt auf seinem Laptop (hoffentlich schreibt er kein Buch!) oder legt sich einfach in die Position „toter Mann“.

Weder Juttas ehrlich empfundener Schmerz noch das gruppendynamische Gezicke aber sind Garant dafür, dass es zu einer künstlerischen Intensität kommt oder eine Geschichte entsteht, die einen anrührt oder auch nur interessiert. Eher ist die Reise der vier leider so ganz und gar nicht weise gealterten Hippie-Touristen eine Tortur unfreiwilliger Peinlichkeiten.

Die drei Damen und ihr Pantoffel-Patriarch logieren zusammen in daunendeckenbefüllten Hotelzimmern, bewegen sich fort in scheppernden Transportmitteln; sie platzen in die Privaträume von irritierten Einheimischen, die nichtsdestoweniger immer wie irre freundlich grinsen und auch gern herzige Lebensweisheiten von sich geben. Sie klappern bizarr bunte Festivitäten ab, hocken in Yoga-Zeremonien, streifen ohne Neugier auf die Welt und ohne ein außerhalb der eigenen Befindlichkeit liegendes Erkenntnisinteresse durch exotische Szenarien und laufen dabei durch schön ausgeleuchtete Postkartenansichten. So wie sie auch auf dem völlig in eine nostalgisch-postkoloniale Irre führenden Filmplakat zu sehen sind.

Die durch keinerlei Inszenierung verstellte Doku-Nähe erzeugt keinerlei Empathie zu den Figuren. Eher bewirkt ihr Leiden, ihre normalmenschliche Angst vor dem Sterben und das auf geistigen Leerlauf heruntergedimmte Weisheitsgetue des Zausels Langhans ein authentisches Fremdschämen. Da möchte man ab sofort alle fernöstlichen Gymnastikübungen einstellen und für immer daheim bleiben.

Good Luck, Finding Yourself. Regie: Severin Winzenberg. D 2014. 92 Minuten.

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