„Haus ohne Dach“, Arte

Das Echo des Krieges

Eine Dokumentation. 

Zwei sehr unterschiedliche Filme aus und über Kurdistan sind am Donnerstag und Freitag auf Arte und auf phoenix zu sehen: Soleen Yusefs Fiktion Haus ohne Dach (D/KRG 2016) spielt in der Autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak; Robert Krieg drehte seinen Dokumentarfilm Experiment Rojava in Syrien. 

Eine Gesellschaft im Aufbruch (D 2019) in der Demokratischen Föderation Nordsyrien – Rojava. In ihrer Verschiedenheit ergänzen sich die Werke wunderbar, was es sehr wertvoll macht, sich beide anzusehen. Haus ohne Dach von Soleen Yusef, beginnt in einem Fotostudio in Kurdistan, der Fotograf schmeißt den Stromgenerator an und nimmt schnell eine fünfköpfige Familie auf, bevor der Strom wieder ausfällt. 

Man sieht Schnappschüsse aus dem Studio mit den Fratzen schneidenden Kindern. Aus dem Off ist albernes Lachen zu hören. Es geht auf einen Berg, die Kinder spielen, der Vater, in der Uniform der Peschmerga, blickt übers Tal, eine Rakete am Himmel, aus dem Off TV-Nachrichten über die Anfal-Operation der irakischen Armee Saddam Husseins Ende der 1980er Jahre. Weiter geht es mit Nachrichten vom Sturz Saddams 2003 in einem Wohnzimmer in Deutschland, wo die Mutter mit den nun erwachsenen Kindern lebt. 

Angesichts der neuen politischen Umstände geht sie zurück nach Kurdistan, einer der Söhne zieht mit. Als die Mutter stirbt, reisen die beiden anderen Kinder zur Beerdigung an. Zu ihrer Überraschung sollen sie den Sarg aus der Moschee entwenden und heimlich in ihren Heimatort Halabdscha bringen, wo die Mutter, so ihr letzter Wille, neben dem Vater beerdigt werden soll. Der Vater ist, wie die Kinder jetzt erfahren, nicht ehrenwert im Kampf gefallen, sondern gab sich als „Verräter“ selbst die Kugel. Die Familie mütterlicherseits setzt alles daran, die Beisetzung neben ihm zu verhindern.

Der Film wird nun zu einem Roadmovie in karger Landschaft. Die drei grundverschiedenen Geschwister trennen sich zwischendurch – ihre Begegnungen unterwegs reichen vom Flirt mit Kontrollposten über eine mystische Wanderung mit Schafsherde zu einer Keilerei mit der Familie – und kommen alle auf ihre, teils rätselhafte, Weise am Grab an. Die Landschaft erinnert an die Bilder zu Beginn des Films.

Nachdem die Regisseurin den politischen Grundbass der Erzählung mit den zwei Eingangssequenzen gesetzt hat, verzichtet sie am Ende glücklicherweise auf Bilder der riesigen Friedhöfe und Mahnmale, die in Halabdscha (knapp 60 000 Einwohner) an den Giftgas-Angriff 1988 erinnern. Die Gräber der Eltern liegen nebeneinander in einem friedlichen wirkenden unbebauten Tal. Es stünde in Halabdscha sicher kein Stein mehr auf dem anderen, sagt Lyia, die Tochter, im Verlauf der Reise. Die einsame Ruhe am Grab kann das Publikum als politisch symbolhaft deuten oder als eine Art Happy End, bei dem die drei erwachsenen Kinder zum ersten Mal akzeptieren, dass ihr Leben ist wie es ist. Zum Schluss gehen sie alle wieder ihren Weg, diesmal jedoch einander zugewandt.

Wie im Irak hat auch in Syrien die kurdische Bevölkerung seit Dekaden massive Repression durch die Zentralregierung erfahren. Liegt Haus ohne Dach die Idee der nationalen Befreiung zugrunde, geht es in Robert Kriegs Experiment Rojava in Nordsyrien. Eine Gesellschaft im Aufbruch explizit um die soziale Befreiung. Rojava ist der kurdisch dominierte Teil Nordsyriens, der Name bedeutet Abendsonne und bezeichnet des Westen Kurdistans.

Im Zuge des Krieges hat sich die syrische Zentralregierung seit 2012 zunehmend aus der strukturschwachen Region zurückgezogen. Am 17. März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen Delegierten sowie Abgesandten aller ethnischen Minderheiten die autonome Föderation Nordsyrien aus, eine an die Ideen der Rätedemokratie angelehnte kommunale und regionale Selbstverwaltung.

Robert Kriegs gut 40-minütiger Film fokussiert auf den zivilen und ökonomischen Umbau der Gesellschaft am Beispiel der Kleinstadt Amûdê direkt an der türkischen Grenzmauer. Nach einer kurzen Einführung mit Off-Kommentar und visuellen Eindrücken von Amûdê übernehmen Menschen aus der Stadt das Wort und erklären ihr neues Gesellschaftsmodell. Im Stadtteilbüro werden Anträge auf Lebensmittelkarten beantragt, was ruhig, aber nicht konfliktfrei funktioniert, das Frauenkomitee stellt seine Arbeit vor, im Laden „Schönheit der Frau“ erläutern die Mitglieder der Kooperative, wie sie arbeiten und leiten den Besuch an eine Nähkooperative im nahegelegenen Kobanê weiter. Es geht zu einem Zwiebelbauern, der sein Gemüse in ganz Syrien vertreibt.

Experiment Rojava ist ein parteilicher Film, dem der Elan der erklommenen Berge innewohnt. Und es ist grade die Parteilichkeit, die den Regisseur die Mühen der Ebene deutlich erkennen lässt. Der Krieg ist in leisen Tönen präsent, etwa, wenn die Söhne an der Front erwähnt werden, die Frauen der Kooperativen sich die Heimatfront nennen, oder junge Männern im Café sich fragen, ob ein Studium nicht Zeitverschwendung sei angesichts der zwei Wehrdienste, die sie abzuleisten hätten: den syrischen und den kurdischen.

Ein Sozialwissenschaftler erklärt das Experiment Rojava mit all seinen Fallstricken, und der Ehemann einer Aktivistin legt scharfsinnig dar, warum er sich nicht aktiv am neuen Gesellschaftsmodell beteiligt. Experiment Rojava in Nordsyrien. Eine Gesellschaft im Aufbruch zeigt trotz seiner Kürze die Koordinaten eines egalitären Gesellschaftssystems lebendig auf und ermutigt, darüber nachzudenken.

(Von Irit Neidhardt)

„Haus ohne Dach“, Arte, Donnerstag, 9. Mai, 22:35 Uhr. Im Netz: Arte+7: bis 15.05.2019 „Experiment Rojava in Syrien. Eine Gesellschaft im Aufbruch“, Phoenix, Freitag, 10. Mai, 02:15 Uhr. Im Netz: ZDF/phoenix: bis 07.11.2019

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