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Ein hohes Alter ist kein Grund, nicht ein wenig zu tanzen.
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Ein hohes Alter ist kein Grund, nicht ein wenig zu tanzen.

„Cry Macho“

Eastwoods „Cry Macho“ im Kino: Der Hahnenflüsterer

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Eine Lektion in Coolness mit 91: Clint Eastwood spielt in seiner Regiearbeit „Cry Macho“ noch einmal den Cowboy.

Besser niemals nie zu sagen, ist wohl in jedem Alter eine Binsenweisheit. Doch wenn man einmal wie Clint Eastwood 91 ist, muss das Brechen sich selbst gegebener Versprechen das reinste Vergnügen sein. Hat da mal jemand gesagt, er wolle nie mehr in einem seiner Filme die Hauptrolle spielen? Das sagt man vielleicht, wenn man 88 ist und im Roadmovie „The Mule“ einen rüstigen Rentner beim Drogenschmuggel porträtiert hat. Aber mit 91 einen pensionierten Rodeo-Cowboy spielen, der einen 13-jährigen Jungen aus Mexiko herausschleust? Das lässt die Sache schon ganz anders aussehen.

Clint Eastwoods sehr spezieller Konservatismus – im Leben wie auf der Leinwand – besteht darin, letztlich nur auf sich selbst zu hören. Und wenn das einschließt, als Republikaner erst für Donald Trump zu werben und ihn dann kurz vor Ende seiner Amtszeit zu verfluchen und einen Demokraten zu loben: Dann spricht daraus nur eine der heiligsten US-amerikanischen Nationaltugenden, der freiheitlich geschulte gesunde Menschenverstand.

Eastwoods Rückkehr in den Ring als Darsteller einer Eastwood-Figur ist kein solcher U-Turn und doch eine Unabhängigkeitserklärung. Es ist nicht die eine Rolle, die ein Schauspieler unbedingt noch der Nachwelt hinterlassen muss, um seine Vielseitigkeit zu beweisen. Im Gegenteil hat man gleich zu Beginn des Films das Gefühl, als Spielzeit sei nur deshalb das Jahr 1979 gewählt, damit alles so aussehen kann wie in einem Eastwood-Film von damals. Abgesehen natürlich vom Hauptdarsteller. Wie ein 90-Jähriger wirkt er in der Rolle eines alternden und nach einem Unfall gehbehinderten Rodeo-Mitarbeiters zwar nicht, aber würde man diesen gebrechlichen Mann wirklich noch in diesem Knochenjob beschäftigen? Und ihn dann, in der ersten Szene, mit großer Geste feuern wegen schlechter Arbeitsmoral?

Die Erklärung wird nach einem „Ein Jahr später“-Titel nachgereicht. Da stattet ihm sein ehemaliger Chef einen Besuch ab und drängt ihn zu einem Gefallen: Er solle nach Mexiko reisen und den Sohn entführen. Schließlich schulde er ihm noch etwas, sei er doch nach seinem Zusammenbruch über viele Jahre im Rodeo durchgefüttert worden. Und überhaupt: Wann habe er sich eigentlich derart aufgegeben? Mike willigt ein; da kann eine Eastwood-Figur in einem Eastwood-Film kaum widersprechen. Außerdem lebt es sich im republikanisch regierten Staate Texas beschwerlich als Rentner ohne nennenswerte soziale Absicherung.

Zu sagen, die herzergreifende Geschichte, die nun folgt, hätte ebenso in den 70er Jahren verfilmt werden können, verlangt keine große Kennerschaft in Filmgeschichte: Die üblichen Klischees sind in breiten Strichen aufgetragen wie mexikanische Wandmalereien. Da ist zunächst die Begegnung mit der Mutter des Jungen in ihrem Herrenhaus, sie ist lieblos und narzisstisch wie eine Disney-Schurkin. Wie sich bald herausstellt, will der Vater mit dem Kind als Faustpfand auch seinen Teil des Vermögens von ihr erpressen. Was die stolze Señora mehr verstimmt, ist freilich, dass es ihr misslingt, ihren steinalten Besucher zu verführen.

Herrlich anzusehen, wie lässig Eastwood ihre Avancen an seinem Pokerface abperlen lässt. Den vernachlässigten Jungen findet er rasch, er muss nur das Elendsviertel des Ortes ansteuern – da, wo die illegalen Hahnenkämpfe stattfinden. Das schillernd-farbige Milieu weckt Erinnerungen an das Exploitation-Kino der 70er, besonders an Monte Hellmans Klassiker „Cockfighter“. Spielend gelingt es Eastwoods Filmfigur, den Respekt des Jungen zu gewinnen, der seinen Kampfhahn namens Macho auf ihn loslässt.

Spätestens hier, mit Erwähnung des Wortes „Macho“, betritt Eastwoods Film seine faszinierende Metaebene. Nun ist er nicht mehr Mike, sondern überlässt die Spielfläche der Leinwandpersona, seiner Lebensgeschichte als Schauspieler, ja seiner überwirklichen Aura. Natürlich muss ein vaterloser Junge, der seinen Kampfhahn Macho nennt, so einem Mann verfallen, der mit jeder Falte ein Cowboy ist. Es ist dieselbe verteufelte Coolness, die schon Sergio Leone vor bald 60 Jahren in diesem Gesicht entdeckt hat. In seinen Filmen hat Eastwood sie immer weiter reifen lassen, im Meisterwerk „Erbarmungslos“ reichte ihm der eigene Schattenriss für ein Männlichkeitsbild, das Gänsehaut erzeugt.

Aber Eastwood wäre nicht Eastwood, wenn er für diesen Film nicht die ironisch-gebrochene Variante seines Machismo im Gepäck hätte. In der Rolle eines texanischen Tausendsassas, der uns noch als Pferdebändiger und Pferdeflüsterer begegnet (ja, man sieht ihn tatsächlich noch reiten) hält er dem Jungen einen Vortrag über die Lächerlichkeit verselbstständigter Männlichkeitsbilder.

Wahrscheinlich braucht es einen Film, der wie ein Produkt der 70er erscheint, um die Mexiko-Klischees darin zu ertragen. Frauenbilder gibt es genau zwei: Die feurige Verführerin und die großmütterliche Witwe und Diner-Wirtin – und beide umwerben den greisen Gringo. Dass all das mehr ist als nur erträglich, vielmehr von anrührender Menschlichkeit, hat wiederum seinen Grund darin, dass Eastwood den Film erst heute gedreht hat.

Allein sein abgeklärter Blick macht diese eigentlich muffige Geschichte auf mitunter subversive Weise lustig. Einmal schimpft er sich bei einer Polizeikontrolle um Kopf und Kragen. Er murmelt die Beleidigungen gegenüber den Versagern in Uniform mit der Unverwundbarkeit eines starrsinnigen 90-Jährigen. Ein anderes Mal, hier spielt er für die Dörfler den hilfsbereiten Gringo, hält man ihn für Dr. Dolittle: Geduldig verarztet er ein Haustier nach dem anderen, bis man ihm einen müden Hund entgegenhält: „Wie heilt man denn Alter“, fragt er und gibt den Ratschlag, das Tier künftig am Fußende des Bettes schlafen zu lassen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er sich selbst diesen Ratschlag geben wird.

Vielleicht muss man wissen, dass Eastwood dieser Stoff des Autors N. Richard Nash bereits 1988 angeboten wurde. Damals drehte er lieber eine weitere Fortsetzung von „Dirty Harry“, auch weil er sich mit 58 zu jung für die Rolle fand. Während der Corona-Beschränkungen holte er das Buch wieder hervor, die trockenen Dialoge ergänzte Nick Schenk, der Autor von „Gran Torino“. In einer Zeit, da manche das Kino bereits für tot erklären, spuckt es diese herrliche filmgeschichtliche Fußnote aus.

Vielleicht musste Eastwood wirklich erst 91 werden, um diesem Stoff einen Sinn zu geben. Wir blicken auf die Kunst des vergangenen Jahrhunderts mit den Augen eines ihrer letzten Helden.

Cry Macho. USA 2021. Regie: Clint Eastwood. 104 Min.

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