Banksy gewährt und Einsichten in die ganz reale Kunstmarktdämlichkeit.
+
Banksy gewährt und Einsichten in die ganz reale Kunstmarktdämlichkeit.

Beinahe-Dokumentarfilm

Ab durchs Hintertürchen

  • vonMichael Kohler
    schließen

Eine willkommene Kunstmarkt-Persiflage: „Banksy – Exit through the Gift Shop“: Über den Straßenkünstler Banksy ist nur bekannt, dass er 1974 in Bristol geboren wurde. Ein Film, der sehenswerte Einblicke in die Arbeit der Straßenkünstler gibt.

Neben der Identität der Mona Lisa gehört die des Straßenkünstlers Banksy zu den größten Geheimnissen der Kunstwelt. Über ihn ist lediglich bekannt, dass er 1974 in Bristol geboren wurde und bei Nacht und Nebel gerne ausgefeilte Graffitis an Häuserwände sprüht. Mal setzt er mannshohe Ratten im Stadtbild aus, mal „sprengt“ er Ausblicke in den israelischen Schutzwall, und wenn er davon genug hat, schmuggelt er eigens dafür angefertigte Gemälde in Museen oder verteilt Geldnoten, die statt der englischen Königin das Antlitz von Prinzessin Diana zeigen. Er ist also nicht nur Straßenkünstler, sondern auch ein Planungsgenie und ein versierter Augentäuscher. Beides kommt ihm in seinem ersten Film zugute.

Anders als es der deutsche Titel „Banksy – Exit through the Gift Shop“ nahelegt, ist nicht der Mann hinter dem Pseudonym die Hauptfigur, sondern ein in Los Angeles lebender Franzose. Thierry Guetta stellt sich uns als skurriler Geschäftsmann vor, der seine Videokamera nur zum Schlafen von der Schulter nimmt, und eines Nachts dem abenteuerlichen Leben der Straßenkünstler verfällt. Er wird zu ihrem Archivar und lernt über Shepard Fairey, den Schöpfer des Obama-„Hope“-Signets, und Invader den im Film stets verhüllt auftretenden Banksy kennen. An letzteren gehen auch die unzähligen Videobänder über, die Guetta zu einem Dokumentarfilm montieren wollte, ohne diesem Ziel jemals nahe zu kommen. Während Banksy das Material zu sichten beginnt, um es am Ende in eine Dokumentation über Guetta zu verwandeln, erfindet sich dieser unter dem Namen „Mr. Brainwash“ als Künstler neu. Er stellt eine eigene Schau mit lauter schlechten Street Art-Nachahmungen zusammen und wird prompt von der versammelten Kunstszene gefeiert.

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob Banksys jüngster Streich von Anfang an als solcher geplant war, sich erst zu einem solchen entwickelte oder ob sein Film tatsächlich eine reale Blüte der Kunstmarktdämlichkeit dokumentiert. In jedem Fall ist der unaufhaltsame Aufstieg von Mr. Brainwash ein willkommener Scherz auf Kosten des etablierten Kunstsystems und darüber hinaus eine schöne Persiflage auf Banksys eigene Karriere. Für einen Straßenkünstler wird es durchaus zum Glaubwürdigkeits- und Identitätsproblem, wenn seine Arbeiten Höchstpreise erzielen und plötzlich in Museen und Galerien hängen. Schon deswegen ist „Exit through the Gift Shop“ auch ein Hintertürchen, das sich Banksy anscheinend für den Ausstieg aus der eigenen Erfolgsgeschichte offenhält.

Trotz seines Mockumentary-Charakters bietet der Film sehenswerte Einblicke in die meist eher kurzlebige Arbeit der Straßenkünstler. Mit den üblichen Graffitis haben die Werke von Banksy, Shepard Fairey oder Invader wenig zu tun. Sie sind vielmehr genau geplante und ausgeführte Eingriffe in den öffentlichen Raum, die ihren Schöpfern zudem den Nervenkitzel des Verbotenen liefern. Auch dieses nächtliche Fieber fangen die Videobilder prägnant ein; vielleicht ist der Filmwelt mit Thierry Guetta ein erstrangiger Dokumentarist verloren gegangen.

Banksy - Exit Through the Gift Shop, Regie: Banksy, USA/Großbritannien 2010, 86 Minuten.

Mehr zum Thema

Kommentare