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Wenn es um Lösung der verstrickten Fälle geht, ergänzen Jürgen Simmel (Hinnerk Schönemann) und Marie Brand (Mariele Millowitsch) einander mit Mut, Humor und Intelligenz. Eine junge Frau wurde erschlagen aufgefunden - dieser Fall lässt die Kommissaren in die Tiefen der Psychologie und Kampfkunst der Samurai eintauchen. Wird es ihnen auch diesmal gelingen, den Schuldigen zu finden?

"Marie Brand und das Verhängnis der Liebe", ZDF

Durch mich wird alles schöner

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Ein Krimi für den Kopf: Der Film mit Mariele Millowitsch und Hinnerk Schönemann fasziniert nicht zuletzt durch die Erotik des Intellekts.

Übersteigerte Selbstliebe hat es vermutlich schon immer gegeben, weshalb der Narzissmus als Phänomen so alt wie die Menschheit sein dürfte. Dank entsprechender Internetforen lässt sich die Bewunderung in eigener Sache allerdings mit der ganzen Welt teilen.

Die gerade dialogisch recht anspruchsvolle „Marie Brand“-Episode „… und das Verhängnis der Liebe“ zeigt, wie so etwas auch ganz analog funktioniert: Der Psychotherapeut Jörg Korfmann hat sein Haus so geschickt mit Spiegeln ausgestattet, dass er sich jederzeit anschauen kann. Gegen Ende macht sich der Film diese Manie mit einer raffinierten Einstellung zunutze: Korfmann schaut in einen Spiegel und direkt in die Kamera. Dann zerschlägt er das Glas, wendet den Blick ab, schaut in einen anderen Spiegel – und erneut in die Kamera. Zu diesem Zeitpunkt ist längst klar, dass der Therapeut im Grunde selbst der Therapie bedarf.

Das mag ein alter Hut sein – der Psychologe hat selbst eine Macke –, aber Andreas Linkes Drehbuch verpackt das Klischee auf sehr intelligente Weise und fachlich kompetent, zumal Peter Jordan die Rolle jederzeit glaubwürdig und angemessen charismatisch verkörpert. Trotzdem ist die 23. Episode der Reihe vor allem kriminalistisch reizvoll: Ein Patient Korfmanns, der auf Bewährung entlassene Mörder Stelzer (Aljoscha Stadelmann), hat offenbar die Assistentin des Arztes getötet. Korfmann bescheinigt dem Mann zwar eine erfolgreiche Therapie, aber sämtliche Indizien sprechen gegen Stelzer.

Für Hauptkommissar Simmel (Hinnerk Schönemann) ist der Fall klar, zumal er aus seiner Bewunderung für Korfmann keinen Hehl macht, und das nicht nur, weil auch er selbst zu einer gewissen Selbstverliebtheit neigt; der Therapeut ist zudem ein Großmeister der japanischen Schwertkampfkunst Kenjutsu, eine Disziplin, in der sich Simmel zumindest theoretisch überraschend gut auskennt.

Seine Kollegin Brand (Mariele Millowitsch) dagegen durchschaut Korfmann auf Anhieb, aber der Mann hat ein hieb- und stichfestes Alibi: Während der Tatzeit hat er mit seinem ebenfalls Kenjutsu praktizierenden Doktoranden Decker (Nicholas Reinke) im Garten trainiert, wie Nachbarn bestätigen. Das nicht zuletzt durch die Erotik des Intellekts faszinierende Duell zwischen den beiden brillanten Köpfen Brand und Korfmann mit ihren geschliffenen Dialogen sowie die Ausführungen über narzisstische Persönlichkeitsstörungen ist aber nur die eine Seite eines Drehbuchs, das sich außerdem durch eine clevere Konstellation der handelnden Personen auszeichnet: Sie sind alle bloß Figuren im Spielplan des Therapeuten.

Linke ist bislang vor allem als Regisseur in Erscheinung getreten („Baron Münchhausen“, „Tornado – Der Zorn des Himmels“); neben der ähnlich sehenswerten „Marie Brand“-Episode „… und die Schatten der Vergangenheit“ hat er für das ZDF mehrere Folgen der Reihe „Die Toten vom Bodensee“ gedreht. Regisseurin ist diesmal jedoch Judith Kennel. Sie hat auch schon mal eine allerdings nicht weiter bemerkenswerte „Marie Brand“-Folge inszeniert („Marie Brand und die Spur der Angst“), steht aber in erster Linie für die ausnahmslos von ihr inszenierte ZDF-Reihe „Unter anderem Umständen“ mit Natalia Wörner.

Ihr Film weist ein paar Unebenheiten auf, darunter einige Szenen mit Hinnerk Schönemann. Die sind für sich genommen durchaus amüsant, fallen aber aus dem Rahmen des restlichen Films, weil Simmel mit einem Augenzwinkern als Actionheld inszeniert wird: Als er gleich zu Beginn Stelzer verfolgt, schwingt er sich sportlich über einen hohen Zaun; im selben Augenblick geht neben ihm das Tor auf. Auch wenn dieses Comedy-Element nicht zum sonstigen Stil dieses Krimis passt: Witzig ist es trotzdem. Später macht sich der Film jedoch regelrecht über den Kommissar lustig, als der versucht, ein gedrucktes Foto wie auf einem Tablet oder Smartphone mit den Fingern zu vergrößern; das grenzt beinahe an einen Verrat der Figur. Viel besser ins Bild passen Simmels überraschende kleine Flirtversuche, gern auch mitten in der Verfolgungsjagd.

Angesichts des darstellerisch sehr überzeugenden personellen Dreiecks im Zentrum der Handlung fallen diese kleinen Störmomente jedoch nicht weiter ins Gewicht, zumal der von den Gegenspielern gern unterschätzte Hauptkommissar die perfekte Ergänzung für das geistige Kräftemessen zwischen Brand und Korfmann ist. Das gilt auch für Stelzer beziehungsweise Aljoscha Stadelmann: Einerseits lässt Kennels Inszenierung der Auftaktsequenz keinen Zweifel daran, dass der entlassene Sträfling tatsächlich der Mörder ist, andererseits verleiht Stadelmann dem verurteilten Mörder durchaus sympathische Züge.

In der Umsetzung sehr gelungen sind auch zwei über Kreuz montierte Vernehmungsszenen, einmal mit Korfmann und seiner Freundin, das andere Mal mit dem Therapeuten und seinem Patienten, sodass sich aus den Fragen hier und den Antworten dort ein flüssiger Dialog ergibt.

Abgerundet wird die Qualität des Films durch Details wie etwa den Strauß Gerbera, den Stelzer zur Verabredung mit Korfmanns Assistentin mitbringt. Im ABC der Blumensprache vermitteln Gerbera die Botschaft „Durch dich wird alles schöner“. Das ist nicht nur ein schönes Gegenmotto zum Narzissmus Korfmanns: Als sich der Blumenkreis am Ende schließt, erlaubt sich Linke mit dem Schlussdialog zwischen Simmel und Brand eine kleine Verbeugung vor dem romantischen Klassiker „Love Story“ und dem berühmten Zitat „Liebe heißt, niemals um Verzeihung bitten zu müssen.“

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