Michael Cimino 2015 auf dem Filmfestival von Locarno.
+
Michael Cimino 2015 auf dem Filmfestival von Locarno.

Michael Cimino

Der durch die Hölle ging

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Michael Cimino, einer der großen Visionäre des amerikanischen Films, ist tot. Der Regisseur von "Durch die Hölle gehen" und "Die letzten beißen die Hunde" starb ist im Alter von 77 Jahren.

Er hätte gerne drei Filme im Jahr gedreht wie die Studioregisseure des alten Hollywood. So produktiv wie John Ford hätte er gern gearbeitet, dessen Werke er verehrte, einfach einen Film nach dem nächsten abgedreht.

Tatsächlich brachte es Michael Cimino nur auf wenige Regiearbeiten in seinem ganzen Leben. Kein Studio bot ihm einen langjährigen Vertrag an, ganz im Gegenteil war er es, der einem der ruhmreichsten unfreiwillig den Bankrott einbrachte: 1980 erholte sich United Artist nicht mehr von dem Monumentalflop „Heaven’s Gate“, dessen Budget Cimino um das vierfache überzogen hatte. Acht Filme nur drehte Michael Cimino, aber allein zwei davon hätten schon gereicht, ihn unsterblich zu machen.

Der Vietnamkriegsfilm „The Deer Hunter“ („Die durch die Hölle gehen“) machte ihn als Autorenfilmer 1978 berühmt und gewann fünf Oscars, darunter die Hauptpreise „Bester Film“ und „Beste Regie“. Fünf Jahre nach Kriegsende fand Cimino eine Form, die das amerikanische Trauma in überzeitliche Dimensionen hob.

Drei Teile gliedern das mehr als dreistündige Epos: Der eigentliche Kriegseinsatz ist nur das Mittelstück eines Triptychons, dessen Seitenflügel sich mit ethnographischer Präzision dem Leben in der amerikanischen Provinz widmen. So respektvoll Cimino einerseits mit diesen Traditionen umgeht, so sehr macht er auch deutlich, dass die patriotischen Rituale längst um eine leere Mitte kreisen. Hilflos empfängt man in dieser Gesellschaft die psychisch kranken Kriegsheimkehrer.

Dreistündiges Triptychon

1978 wirkte dieser Blick eines jungen Filmkünstlers auf die konstituierenden Widersprüche der amerikanischen Seele wie die logische Fortführung des Kinos von John Ford in die Gegenwart. Ähnlich seinen großen Kollegen im „New Hollywood“, Martin Scorsese, Steven Spielberg, Brian De Palma, William Friedkin und Francis Ford Coppola schien Cimino die Tugenden des alten Hollywood in die Gegenwart gerettet zu haben. Wer konnte es also United Artists und seinem damaligen Vizepräsident Steven Bach verdenken, dem jungen Genie bei seinem neuem Projekt, einem dunklen Western, freie Hand zu lassen?

Heute kann man nur froh und dankbar sein, dass sie es taten. „Heaven’s Gate“, diese Geschichte aus dem historischen Johnson County War, als 1890 im Bundesstaat Wyoming eine Gruppe von Großgrundbesitzern osteuropäische Einwanderer vertrieben, ist ein Film wie kein anderer. Cimino verbindet den ekstatischen Realismus von Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ mit dem Ästhetizismus eines Lucchino Visconti. Nicht nur dem Westerngenre war dieser Film Abgesang und Neuanfang zugleich. Auch Hollywood wies er den Weg zu einer neuen künstlerischen Selbstverortung. Erst zwei Jahrzehnte später wurde das Werk wiederentdeckt, heute gilt es als einer der großen Klassiker der jüngeren Filmgeschichte. Filmemacher wie Quentin Tarantino und Paul Thomas Anderson knüpften an Ciminos Erbe an.

Er selbst wurde zu einer ähnlich tragischen Figur wie vor ihm Orson Welles: Das Glück, derart aus dem Vollen zu schöpfen, blieb ihm fortan verwehrt. Auch wenn seine postmodernen Genrefilme „Im Jahr des Drachen“ und „Der Sizilianer“ viele Anhänger haben, sind sie künstlerisch weit entfernt von seinen beiden großen Epen.

Ohne eine Filmschule zu besuchen, hatte er sich 1972 als Drehbuchautor für den ungewöhnlichen Science-Fiction-Film „Lautlos im Weltraum“ und den Polizeifilm „Dirty Harry II“ einen Namen gemacht. Clint Eastwood gab ihm die Chance zum Regiedebüt „Die letzten beißen die Hunde“. Ciminos letzter Langfilm „The Sunchaser“ (1996) erschien in Deutschland nur noch als Videokassette. So ist dieses kleine Roadmovie noch immer zu entdecken: In der tragischen Odyssee eines Arztes und eines todkranken Gangster kehrt Cimino zu den Ausbruchsutopien von „Lautlos im Weltraum“ zurück. Fraglos ein Nebenwerk, zeigt es doch noch immer eine unverkennbare Handschrift.

Man hat Cimino in den letzten Jahren immer wieder bei Festivals gefeiert. Man erlebte ihn nach zahlreichen Schönheitsoperationen als zarte, zerbrechliche aber stets optimistische Erscheinung. Beim letzten Festival von Locarno erhielt er einen Ehrenleoparden. Der 77-jährige befand sich zuletzt bei guter Gesundheit. Überraschend wurde er am 2. Juli tot in seinem Haus in Beverly Hills aufgefunden. Auch wenn sein Werk schmal geblieben ist und wenn er als Künstler dabei selber „durch die Hölle“ ging – verkauft hat sich dieser große Einzelgänger des amerikanischen Kinos in seinem Leben nie.

Kommentare