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Regisseur Ulrich Seidl (links) und die Schauspieler Margarethe Tiesl, Peter Kazungu und Inge Maux legen vor der Präsentation ihres Films "Paradies: Liebe" noch ein Tänzchen auf dem Roten Teppich ein.
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Regisseur Ulrich Seidl (links) und die Schauspieler Margarethe Tiesl, Peter Kazungu und Inge Maux legen vor der Präsentation ihres Films "Paradies: Liebe" noch ein Tänzchen auf dem Roten Teppich ein.

Cannes Filmfestival

Durch dick und dünn

Vor dem Festivalpalais in Cannes sieht der geneigte Beobachter dieser Tage hauptsächlich junge, schöne, dünne Frauen, die auf sehr hohen Absätzen den roten Teppich abschreiten. Drinnen beschäftigen den Beobachter indes ganz andere, nicht selten interessantere Anblicke.

Von Anke Westphal

Wer dieser Tage durch Cannes hastet, begegnet vielen jungen, schönen, dünnen Frauen auf sehr hohen Absätzen. Tapfer halten sie in ihren Abendroben dem ungewöhnlich kühlen Maiwetter stand beim Defilee neben und auf dem roten Teppich vor dem Festivalpalais. Drinnen beschäftigen den Beobachter indes ganz andere, nicht selten interessantere Anblicke.

Etwa in Ulrich Seidls Wettbewerbsbeitrag „Paradies: Liebe“. Der Österreicher hat sich als unbarmherziger Extremfilmer einen Namen gemacht. Nun stellt er eine ältere, definitiv übergewichtige Frau in den Mittelpunkt, die ihren Urlaub in Kenia verbringt. Hier werden Frauen wie Teresa, die in der Heimat nicht mehr als begehrenswert gelten, heftig umworben von jungen potenten Afrikanern.

Die Sache ist einfach: Die Schwarzen bieten den „Mamas“ Sex und erhalten dafür Geld oder Geschenke. Doch Teresa will nicht einfach nur beschlafen, sondern auch mit dem Herzen gesehen werden. Ihr Fehler ist, dass sie eine Dienstleistung zur Romanze aufblähen will. Dass daraus nun kein Drama wird, verdankt sich ihrer durchaus gruseligen Robustheit – und auch ihren pragmatischen, enthemmten Urlaubsfreundinnen, die ihr nach der Enttäuschung zum Geburtstag einen jungen Schwarzen schenken: „Er gehört Dir, vom Kopf bis zum Schwanz!“

Liebesdefizite und emotionale Verkümmerung sind das große Thema des österreichischen Kinos von Seidl bis Michael Haneke, der ebenfalls im Wettbewerb von Cannes konkurriert. Seidls Film stellt in den nackten weißen und schwarzen Körpern, dem vielen schwellenden Fleisch nun weniger auch die nackten Seelen aus; vielmehr geht es hier einmal mehr um die Ökonomisierung von Beziehungen. So sehr die Frauen die schwarzen Männer auch rassistisch und sexistisch behandeln – die Geldforderungen ihrer „Objekte“ sind nicht weniger aggressiv. Das alles ist weder hässlich noch  schockierend. Es ist längst bekannt. Und auch Seidl überrascht weniger mit seiner Inszenierung als mit dem unerwarteten Mitgefühl, dass er Teresa entgegenbringt.

Hier geht's ums Zupacken

"Paradies: Liebe" ist eigentlich ein lieber Film und fügt sich damit gut ein in die Reihe bisher präsentierter Wettbewerbsbeiträge. Sie alle werden weniger von der Umsetzung ihrer Themen als den Hauptdarstellern getragen. Margarethe Tiesel als Teresa ist ebenso eine ernsthafte  Anwärterin auf den Darstellerpreis wie Marion Cotillard, die Jacques Audiards neuen Film „Rust and Bone“ mit ihrer profunden schauspielerischen Intelligenz zusammenhält. Cotillard spielt eine Wal-Trainerin in einem Ozeanum, die bei einer spektakulären Show im Wasserbecken von einem der Tiere angegriffen wird und dabei beide Beine verliert. Eine Zufallsbekanntschaft aus der Disco hilft der verzweifelten Frau ins Leben zurück. Der wenig wortgewandte Ex-Boxer versteht das als eine Art Job, der zu erledigen ist, und so steht er der Versehrten auch umstandslos für Sex zur Verfügung.

Dass es ihm nicht um Empathie geht sondern ums Zupacken, zeigt sich auch in der Unfähigkeit des Mannes, seinem kleinen Sohn ein Vater zu sein. Der Franzose Audiard (in Cannes geehrt für „Ein Prophet“) scheut sich ebenso wenig wie Seidl, den besonderen, nicht mehr der Norm entsprechenden Körper zu zeigen, und auch bei ihm kann keine Rede sein von Voyeurismus. Mit überzeugender Selbstverständlichkeit reklamieren beide Regisseure die Vielfalt und Fragilität des Physischen für das Kino. Doch während Seidl wieder beim Defizit ankommt, feiert Audiard in jeder Minute die Gegenwart des Lebens, das Sein im Augenblick – darin ist er ein großer Regisseur.

Nächste Seite: Ein liebenswerter Tölpel im Big Brother Haus

Die Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard wird übrigens im nächsten Film des iranischen Regisseurs und Oscar-Preisträgers Asghar Farhadi („Nader und Simin: Eine Trennung“) mitspielen. Die Dreharbeiten sollen im Herbst in Paris beginnen, und vielleicht sieht man den Film dann nächsten Mai in Cannes. Unterschiedlichste Körperlichkeiten prägen auch den italienischen Wettbewerbsbeitrag „Reality“. Hier erzählt Matteo Garrone (in Cannes geehrt für „Gomorrhoa“) die Geschichte eines liebenswerten Tölpels, der durch „Big Brother“ berühmt und reich werden will und  psychisch zerbricht, als er nicht für die Show ausgewählt wird. Luciano (Aniello Arena) betreibt einen Fischstand  und nebenbei ein ominöses Geschäft mit Robotern. Umringt von einer nahezu Fellini-artigen Garde aus Familienmitgliedern und Nachbarn bemerkt er nicht, dass er in seinem vertrauten Umfeld ja schon längst ein Star ist. Er ersehnt den medialen Ruhm, und am Ende sehen wir ihn selig lächelnd in der „Big Brother“-Box liegen, in die er sich heimlich eingeschlichen hat. Auch „Reality“ zeigt uns, was wir schon wissen, auf liebe Weise.

Dokus zeigen die Realität

Auf konkretere Art wird in drei Dokumentarfilmen die Realität bearbeitet. Laurent Bouzereau hat sich während dessen Schweizer Hausarrest mit Roman Polanski unterhalten und den Dialog mit Archivmaterialien angereichert. „Roman Polanski: A Film Memoir“ ist eine Offenbarung allein schon durch die Kindheitserinnerungen des Protagonisten an die Jahre im Ghetto und die anschließende der Diskriminierung als Sohn eines jüdischen Kleinunternehmers, also Volksfeinds, im kommunistischen Polen. „Woody Allen: A Documentary“ von Robert Weide läuft ab Juni auch in deutschen Kinos und zeichnet lieb und etwas unterwürfig das Porträt eines Arbeitswütigen.

Fatih Akins Dokumentarfilm ?Müll im Garten Eden? berichtet hingegen von einem Umweltskandal: Als direkt neben dem Dorf am Schwarzen Meer, aus dem Akins Vater stammt, gegen den Protest der Anwohner eine riesige Mülldeponie angelegt wird, scheint das Schicksal der Bewohner besiegelt. Abwässer, Gestank, der Kot wilder Hunde und Vögel, die sich vom Müll nähren, verunreinigen den Tee, der hier seit Jahrzehnten angebaut wird. Akin solidarisiert sich vornehmlich mit dem Protest der Dörfler gegen die Selbstherrlichkeit des Staates und der Deponiebetreiber. In der Türkei dürfte der Film eine Sensation sein, da er offensiv dokumentiert, wie die Frauen des Orts furchtlos die Politiker mit ihren Vorwürfen und Fragen bedrängen.

Noch ein anderer Film befasst sich mit der Müllplage: „Trashed“ von Candida Brady  führt rund um die Welt auf der Suche nach umweltfreundlicheren Lösungen. Nicht nur dagegen, dass alle 22 Wettbewerbsfilme von Männern stammen wurde protestiert. Auch Öko-Aktivisten zeigen jenseits der Kinos Gesicht in Cannes.

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