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Dunja Hayali versammelt in ihrer monatlichen Talkrunde meist Menschen zu klassischen gesellschaftlichen Schicksalsthemen. (Archivbild)

„Dunja Hayali: Rechtsextremismus und Zivilcourage“, ZDF

Das Boulevard-Format hält Dunja Hayali zurück

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Mit einem persönlich wie politisch brisanten Thema taucht Dunja Hayali ihre Zehe ins tiefe Wasser der Polit-Talkshows – aber das Boulevard-Format ihrer Sendung hält sie zurück.

Es ist nicht ganz klar, warum alle in die Polit-Talkshow drängen: Der Markt ist eigentlich übersättigt, die fast formatgleichen Sendungen kannibalisieren sich gegenseitig an Gästen und Themen. Aber Dunja Hayali war schon einmal die Vertretung und später Nachfolgerin von Maybrit Illner, und mit ihrer Moderationserfahrung von Nachrichtenmagazinen, Sportsendungen und ihrer monatlichen Talkrunde wäre sie eine logische, frische und junge Alternative, wenn die Sender das Moderatorenkarussell mal wieder anschieben wollen.

Tatsächlich kommt man nicht umhin sich vorzustellen, dass Hayali als Tochter irakischer Einwanderer in der hiesigen Polit-Talk-Landschaft so einiges zu sagen hätte. Aber ob die heutige Sendung über Rechtsextremismus und Zivilcourage wirklich ein wirkungsvolles Empfehlungsschreiben war, darf bezweifelt werden.

Das war zugegebenermaßen nicht wirklich Hayalis Schuld. In ihrer monatlichen Talkrunde versammelt sie meist Menschen zu den klassischen gesellschaftlichen Schicksalsthemen: Sterbehilfe, Mietpreiswucher, Abtreibung. Alles nicht unpolitisch, aber stets mit dem Menschen im Vordergrund. Mit dem Rechtsextremismus-Thema nun sticht sie mitten in ein hochpolitisches Wespennest – landet aber am Ende wieder bei den tröstlich menschelnden Boulevardthemen.

Dunja Hayali spaziert mutig und direkt in eine Nazi-Veranstaltung

Das liegt vor allem am Sendungsformat. Mit dem Präsidenten des Bundeskriminalamts Holger Münch, dem Neonazi-Aussteiger Philipp Schlaffer und dem Opferanwalt im NSU-Prozess Mehmet Daimagüler hat sie die Gäste für eine klassische Polit-Runde. Tatsächlich war Daimagüler erst vor wenigen Tagen einer der Lichtblicke in der ansonsten arg missratenen Versuchsrunde, als Frank Plasberg einen AfD-Politiker vorführen wollte.

Aber diese Gäste erhalten kaum Zeit, zu interagieren. Fast eine Viertelstunde dauert der vorangestellte Einspieler, in dem man Hayali mutig und direkt in eine Nazi-Veranstaltung spazieren und wahllos Rechte interviewen sieht. Ob man ihre unschuldige Entrüstung angesichts weitverbreiteter Holocaustleugnung und menschenverachtender Ideologien dabei naiv oder erfrischend findet, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass danach kaum zwanzig Minuten Zeit sind, bevor Hayali schon zu ihrem Abschlussthema wechselt.

AfD als „feuchter Traum“ für die rechtsradikale Szene

In dieser Zeit hat Daimagüler nochmal seine Warnung vor dem buchstäblichen Tod der Kommunalpolitik beteuern dürfen, die er auch schon in „Hart aber fair“ abspulte; in dieser Zeit wurde Münch in die Enge getrieben, was den Schutz normaler engagierter Bürger vor Rechtsradikalen anging und den Umgang mit den Todeslisten der Rechten, die im Netz kursieren; und in dieser Zeit kann der ehemalige Insider Schlaffer der AfD attestieren, dass sie „ein feuchter Traum“ für die rechtsradikale Szene ist. Aber es ist viel zu wenig.

Es gibt kaum zwei Fragen pro Person: Münch muss sich nicht deutlicher erklären zu den Vorwürfen, die Polizei würde Kommunalpolitiker und Anwälte „im Regen stehen lassen“; Daimagüler darf keine Parallelen zur NSU-Mordreihe ziehen; und Schlaffer darf nicht ausführen, warum er die derzeitige politische Situation noch angespannter findet als die frühen 90er. Und vor allem: Nie will Hayali auch mal selbst Stellung nehmen – schließlich weiß sie aus erster Hand, wie Hasskommentare im Netz funktionieren und wie sich Todesdrohungen von Rechtsradikalen anfühlen. Diese Zurückhaltung der eigenen Biographie mag journalistisch korrekt sein, aber als Talk-Persönlichkeit wäre eine klare eigene Haltung vielleicht wichtiger als nur eine Zurückhaltung.

Thema Zivilcourage ist deutlich harmloser

Stattdessen muss Hayali die kaum begonnene Diskussion schon wieder abwürgen, um zum zweiten, deutlich harmloseren Thema der Zivilcourage zu wechseln. Und hier zeigt sich endgültig, warum in diesem Boulevard-Format kein Polit-Talk zu machen ist. Ihr Einspieler über Passanten, die bei einer Belästigungs-Situation eingreifen und ihr Interview mit Esther Schweins, die einen Ertrinkenden aus dem Meer gezogen hat, passen überhaupt nicht mehr ins Bild der Sendung.

Zum einen streuen diese Segmente Zucker in die gerade frisch aufgerissene politische Wunde: Schaut mal, die Menschen sind doch eigentlich gut. Aber angesichts der wachsenden Nazi-Gefahr ist das ein schwacher Trost. Und wenn man gerade noch diskutiert hat, dass Menschen, die für Anstand und ihre Überzeugungen aufstehen, von der Polizei ungeschützt Todesangst durchleben müssen, dann wirkt die ganze Feier der Zivilcourage auch deutlich fehl am Platz.

Das ist alles deswegen so unglücklich, weil es so furchtlose und kluge Moderatorinnen wie Hayali braucht, um ein Thema wie Rechtsextremismus in Deutschland wirklich aus der Lebenswelt erfahrbar zu machen. Aber nicht in dieser Kürze, nicht in diesem Boulevard-Format und nicht ohne persönliches Wagnis.

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