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Monumental und dennoch minimalistisch: Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson in Dennis Villeneuves „Dune“.
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Monumental und dennoch minimalistisch: Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson in Dennis Villeneuves „Dune“.

Filmfestspiele Venedig

„Dune“, „Spencer“, „Becoming Led Zeppelin“: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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In Venedig zeigt sich das Filmfestival noch immer in Hochform: Beiträge von Dennis Villeneuve, Pablo Larrain, Shirin Neshat – und Led Zeppelin.

Da sind sie wieder, die kreischenden Teenager am Bootssteg. Während die Festivalleitung den roten Teppich mit hässlichen Stellwänden vermauert hat, haben sich die echten Fans am Canale aufgereiht – so wie man es noch von alten Biennale-Bildern aus den 50er Jahren kennt. Das moderne Autogrammbuch ist das Handy, und der Star der Stunde heißt Timothée Chalamet. Der dunkelhaarige 25-Jährige dürfte sich mit seiner Hauptrolle im Blockbuster „Dune“ endgültig in die vorderste Liga der Hollywoodstars vorgearbeitet haben. Kaum ist er im Casino-Palast zur Pressekonferenz verschwunden, sieht man einige Dutzend strahlender Fans ihre Chalamet-Fotos hochladen: Lächelnd und mit dem Peace-Zeichen grüßend, hat er sie mit einem Funken Glamour zurückgelassen.

Sie werden die Bedenken einiger US-amerikanischer Filmkritiker nicht teilen, ob denn Warner Brothers mit dem formal anspruchsvollen Epos seine Investition zurückbekommen werde. Kein Bildschirm sei groß genug für die Dimensionen seines Films, hatte Regisseur Dennis Villeneuve im Vorfeld erklärt – als könne er damit die Auswertung auf Streaming-Plattformen lange aufhalten. Kann man das Kino retten, indem man einfach die Bilder so weit fasst, dass die Darsteller darin aussehen wie Statisten in „Lawrence von Arabien“?

In der Tat dürfte allein der Wüstenwurm, der erst nach einer Stunde für die erste Actionszene sorgt, mehrere Hundert Meter messen. Die Raumschiffe, die den Planeten Arrakis zur Ausbeutung seines Bodenschatzes (das halluzinogene „Spice“) ansteuern, gleichen fliegenden Städten. Und auch die Zeit wirkt gewaltig in diesem 155-minütigen Auftakt zu weiteren „Dune“-Kapiteln. Nur Chalamet erinnert mit seinen feinen Gesichtszügen als schwarz gewandeter Fürstensohn Paul Atreides eher an den filigranen Johnny Depp in „Edward mit den Scherenhänden“.

Vielleicht wäre doch Tim Burton der passendere Regisseur für die Neuverfilmung von Frank Herberts Roman gewesen. Es ist durchaus imponierend, wie sich Villeneuve der schnellen Schnittfrequenz und Effektfülle des üblichen Blockbuster-Kinos verweigert. Was er dagegen setzt, ist ein theatrales Pathos, monumental und dennoch minimalistisch – vor Kulissen wie in einer Bayreuth-Inszenierung Wieland Wagners aus den Fünfzigern. Hans Zimmers Musik unterstreicht diesen modernistischen Anspruch mit bleischweren Harmonien. Auch das Schönste daran wäre noch wirkungsvoller auf einer Theaterbühne: die Oscar-würdigen Kostüme in ihrem New-Romantic-Stil.

Nur ein Film war im chronisch überbuchten Ticketsystem dieses Festivals noch begehrter, Pablo Larrains Lady-Diana-Biopic „Spencer“. Hier ist das Verhältnis zwischen Unterhaltungserwartung und künstlerischem Anspruch noch extremer. Angesiedelt 1991 während weniger Tage eines Weihnachtsurlaubs bei der königlichen Familie in Sandringham House in Norfolk, kleidet er den inneren Abgrenzungsprozess der Prinzessin in oft surreale Bilder. Königin Elisabeth ist reduziert zu einer fast stummen Nebenfigur, Prinz Charles spricht den Großteil seines knappen Dialogs auf einer Fasanenjagd.

Kristen Stewart trägt den Film in einer unerhörten Leistung fast allein, ihr zu verblüffender Ähnlichkeit geschminktes Gesicht erzählt mimisch einen inneren Monolog von immenser Dimension. In der Filmgeschichte hat es dergleichen nicht allzu oft gegeben, bei Carl Theodor Dreyer im Stummfilm „Die Passion der Johanna von Orleans“ und bei Polanski in „Ekel“. Pablo Larrains „Jackie“ gab schon eine Ahnung von seinem Talent, historische Tableaus zu irritierenden Vexierbildern zu stilisieren. Doch hier kommt noch ein unterschwelliger Surrealismus hinzu, der einen Preis erzwingen dürfte – unvergesslich allein schon jene Szene, in der Diana statt der Vorspeise die Perlen ihrer Kette löffelt.

In den ersten vier Tagen hat Venedig bereits ein besseres Programm aufgefahren als Cannes in seinem ganzen Wettbewerb. Und das setzt sich in den Nebensektionen fort: Bernhard MacMahons Dokumentarfilm „Becoming Led Zeppelin“ setzt Maßstäbe für künftige Rockumentaries. Auf der Grundlage von Interviews mit den überlebenden Bandmitgliedern führt er in die blühende Musikszene des Swinging London der sechziger Jahre. Gitarrist Jimmy Page und Bassist John Paul Jones gehörten schon als Teenager zu den gefragtesten Studiomusikern, die anonym auf vielen der größten Pophits dieser Ära glänzten. Die mitreißende Rekonstruktion der musikalischen Einflüsse einer der innovativsten Rockbands wird aber erst durch die Qualität der Archivfilme zum Ereignis. Unglaublich, welche Schätze sich heute noch in Fernseh- und Amateurarchiven heben lassen.

In der Orizzonti-Sektion zeigen die iranisch-amerikanischen Künstlerinnen Shirin Neshat und Shoja Azari ihre Verfilmung des letzten Drehbuchs von Jean-Claude Carrière. Im vergangenen Februar war der Veteran des Autorenfilms 89-jährig verstorben.

„Land of Dreams“ ist eine kunstvolle Satire auf eine ins xenophobe gewendete US-amerikanische Einwanderungspolitik. Im Regierungsauftrag ist eine junge Frau iranischer Abstammung unterwegs, um für eine Volkszählung ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger zu befragen. Was die Regierung dabei vor allem ausforschen und katalogisieren möchte, sind die geheimen Träume der Migranten. Die Filmkünstlerinnen scheinen sich bei ihrer schwebend-distanzierenden Inszenierung bei einem anderen zeitweiligen US-Immigranten zu orientieren, Bertolt Brecht. Letztlich ist wohl doch nur das Kino das Land unbegrenzter Möglichkeiten.

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