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Dürfen wir selbstbestimmt sterben?

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Von: Holger Schmale

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Wie Günther Jauch es schafft, ein schwieriges Thema auch einmal mit Respekt und Würde zu diskutieren und wie ausgerechnet Thomas Gottschalk mit intelligentem Humor den richtigen Ton trifft.

Auch das gibt es also: Günther Jauch kann eine Talkrunde gelingen, die interessant, respektvoll und in einem angemessenen Ton über das schwierigste und ernsteste Thema der Menschen diskutiert: Udo Reiters letzter Wille – dürfen wir selbstbestimmt sterben? lautete der Titel der Sendung am Sonntagabend. Jauch hatte vier Gäste, die wirklich etwas zu sagen hatten und einander zuhörten: Thomas Gottschalk, der mit dem Selbstmörder Udo Reiter eng befreundet war, Franz Müntefering, der ein engagierter Gegner der ausdrücklichen Sterbehilfe ist, den evangelischen Theologen Nikolaus Schneider, der seine krebskranke Frau pflegt und die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert, die für den einfacheren Zugang zu einer Hintertür zum Tod plädiert, wenn das Leben nicht mehr erträglich ist.

Ausgangspunkt ist der Freitod des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter, dessen Erklärung zu seinem Schritt Jauch in der Sendung vorträgt: Die Sorge, seine Selbstständigkeit als Pflegefall zu verlieren, die Angst vor Hilflosigkeit und Demenz. Nach 48 Jahren im Rollstuhl hat er sich vor zwei Wochen erschossen. War damit zu rechnen? Durfte er das? Das sind Jauchs zentrale Fragen, wobei die erstere relativ unwichtig und für die Debatte belanglos bleibt.

Sein Freund Gottschalk jedenfalls hat nichts geahnt, der Rotwein habe Reiter noch immer geschmeckt, der seine Bereitschaft, irgendwann seinem Leben ein Ende zu bereiten, ansonsten aber wie eine Monstranz vor sich her getragen habe, berichtet er. Er setzt einen guten Ton für die Runde. Offen und ernsthaft, aber ohne Sentimentalität und mit jenem Schuss intelligentem Humor, der Jauch so völlig fehlt. Gottschalk bezeichnet sich als großen Verdränger, der sich lieber nicht mit seinem Tod beschäftigen und sich auch keine Sorgen über eine mögliche Demenz machen möchte: „Ich habe schon so viel wirres Zeug in meinem Leben geredet, da kommt es dann auch nicht mehr drauf an.“ Er ist mit seiner Haltung den meisten Zuschauern womöglich am nächsten.

Den eindringlichsten Auftritt aber hat der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, der seine kranke Frau in den Tod begeleitet hat und dafür einst sein Ministeramt aufgab. Er ist ein strikter Gegner aller gesetzlichen Regelungen, die das Töten kranker Menschen vereinfachen und er kritisiert Reiters Haltung: Dessen Aussagen über die Lage Pflegebedürftiger sei eine Beleidigung aller Betroffenen, auch jener, die sich um sie kümmerten. Das Sterben sei Teil des Lebens und habe eine eigene Würde, wie auch jeder Mensch, gleich in welchem Zustand, seine Würde behalte. Erst mit dem Freitod gebe der Mensch alle Selbstbestimmung auf.

Wichtig sei aber, die Sterbehilfe in ihrer klassischen Form, also die Begleitung durch Ärzte und Angehörige, zu verbessern und zu erleichtern. Er könne sich nicht vorstellen, wie in einem Gesetz die begrenzte Lebenserwartung zu definieren sei, ab der eine Hilfe zum Sterben möglich sein soll. Wer sich daran wage, drohe, die Gesellschaft angesichts zunehmender Alterung auf eine schiefe Bahn zu bringen. Müntefering erinnert daran, dass dazu auch sozialer Druck zähle, wenn Sterbenskranken der Eindruck vermittelt werde, sie seien zu teuer für die Gesellschaft oder auch die Angehörigen.

Ähnlich argumentiert Schneider, für den Sterbegleitung Teil des Lebens ist, der aber andere Entscheidungen, wie möglicherweise die seiner Frau, aus Liebe und Respekt akzeptieren würde. Derzeit gehe es ihr aber besser, sagt er, die Behandlung schlage an. Eine Mitteilung, die in der Runde dankbar und erfreut aufgenommen wird. Sie nimmt dem Thema ein wenig von seiner Ausweglosigkeit.

Die Gegenposition vertritt auf eine seriöse und respektable Weise die Ethikerin Bettina Schöne-Seifert. Sie unterschreibt Münteferings Worte zur Würde des Menschen, weist aber darauf hin, dass Würde oder Würdelosigkeit in bestimmten Situationen eben auch ein subjekives Empfinden sei, dem man am Ende des Lebens Rechnung tragen müsse. Sie sagt, dass es heute angesichts fortgeschrittener Medizin nicht mehr um die strafbare aktive Sterbehilfe gehe sondern lediglich darum, dem Betroffenen die Möglichkeit zum selbstbestimmten Sterben zu geben –durch Zugang zu den entsprechenden Mitteln. Genau darüber aber gibt es eine heftige standesrechtliche Debatte unter Ärzten.

Am Ende fragt Jauch seine Gäste, wie sie denn sterben möchten. Die Antworten sind erwartbar: bewusst, nicht allein, ohne Schmerzen. Nur Gottschalk, der bekennende lebensfreudige Verdränger, entzieht sich diesem Spiel. Der Tod komme ohnehin, da müsse man nicht groß planen. Er freue sich darüber, wie gut es dem zehn Jahre älteren Müntefering gehe, das sei auch sein Ziel. „Und in zehn Jahren sitze ich auf Ihrem Stuhl.“  Auf dessen Frage: „Und wo sitze ich dann?“ fällt allerdings auch dem schlagfertigen Thomas Gottschalk nichts mehr ein.

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