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Dresdener Tatort: Künstliche Intelligenz und ein eiskaltes Haus

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Von: Judith von Sternburg

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Der Ehemann und die beste Freundin: Christian Bayer mit Katharina Behrens.
Der Ehemann und die beste Freundin: Christian Bayer mit Katharina Behrens. © Hardy Spitz/MDR

Mit frischer Besetzung auf der Seite des Verdächtigen einem unanständigen Geburtstagslied sorgt „Das kalte Haus“, für frischen Wind beim Tatort aus Dresden.

Dresden – Ein Tatort, in dem am Anfang Bronski Beats „Smalltown Boy“ und nachher Leonard Cohens „Hallelujah“ angespielt wird, kann so schlecht nicht sein. Oder er muss etwas kompensieren, bisschen Stimmung machen. Beides kommt zusammen in „Das kalte Haus“, einem klassisch orientierten Finster-Schauder-Psycho-Krimi der ARD aus Dresden, wo Gorniak und Winkler, Karin Hanczewski und Cornelia Gröschel, im Vorspann zu Gorniaks Geburtstagsfeier aufbrechen. Das kann nichts werden, klar.

Liebevoll und geruhsam gestaltet Regisseurin Anne Zohra Berrached – zusammen mit Christoph Busche auch für das Drehbuch verantwortlich – den Übergang zum Kriminalfall, auf den das Publikum durch eine in Dresdens nächtlichen Straßen herumhetzende Gestalt längst ausreichend vorbereitet ist: eine Frau wurde von ihrem Mann als vermisst gemeldet, der Mann ist irgendwie wichtig in der Stadt, also sollen die Ermittlerinnen rasch bei ihm vorbeischauen.

Tatort Dresden: Überraschungsbesetzung Christian Bayer ist verdächtig

Das Haus ist verwunschen, dunkel und menschenleer, die Ermittlerinnen erst allmählich konzentriert. Am Türrahmen ein hochdramatischer blutiger Händeabdruck, im Bett eine Blutlache und so weiter. Der Ehemann verzweifelt, die inzwischen wieder geerdeten und stocknüchternen Ermittlerinnen eher misstrauisch, Gorniak vor allem, vielleicht aus persönlichen Gründen. Ohnehin ist es aber ein schönes Beispiel dafür, wie Frauen eine Situation automatisch anders einordnen als Männer (die dazu über ein paar tausend Jahre sehr, sehr viele Gelegenheiten hatten).

RegieAnne Zohra Berrached
BuchChristoph Busche/Anne Zohra Berrached
KameraJakob Beurle
MusikJasmin Reuter/Martin Glos/Christian Ziegler

Wer im Einzelfall richtig liegt, steht auf einem anderen Blatt. Irre kompliziert ist es diesmal nicht, und die Polizei braucht etwas länger als das Publikum. Eine echte Bereicherung aber ist die Besetzung des Ehemanns nicht mit Lars Eidinger, sondern mit dem Schauspieler Christian Bayer: nicht schon hundertmal als Tatort-Verdächtigen gesehen, dazu mit der Möglichkeit, einen nuancierten lokalen Zungenschlag einzubringen und überhaupt eine nicht so leicht zu durchschauende Figur. Wie man diese Figur dann im Laufe der Folge näher kennenlernt – lieber nicht, muss man im Nachhinein sagen –, geschieht doch verhältnismäßig subtil. Bis es dann nicht mehr subtil ist.

„Das kalte Haus“ belebt sich eher durch Details als durch das große Ganze. Robert Schupp hat einen schönen Auftritt als routinierter Schlingel von Anwalt. Die verschwundene Frau hat auf Youtube Lebensberatung mit einer „Happy Place“-Theorie betrieben, ausgerechnet der Chef von Gorniak und Winkler, der wieder großartig ungroßartige Martin Brambach als Schnabel, hat hier viel für sein eigenen Alltag gefunden.

Tatort-Ständchen „so rücksichtslos und dumm“

Die Kollegen und Kolleginnen singen Frau Gorniak im kalten Haus, wo Blutspuren gesichert sind und ein Mann auf ein Lebenszeichen seiner Frau wartet, ein Geburtstagsständchen, das ist so rücksichtslos und dumm, dass man ganz fassungslos ist. Aber Schnabel ist noch viel fassungsloser. Das ist Brambachs perfekte Rolle: als Vertreter des Entsetzens, das einen angesichts des Menschen allenthalben überkommen kann.

Aber auch sonst beglaubigt er wieder alles, was überhaupt nur möglich ist. Den arg lapidaren Satz „So ein Scheißfall“ könnte kein anderer mit vergleichbar stiller Inbrunst vermitteln. Und selbst eine bizarre Suche nach Wer-weiß-Was in einem Dresdner Stollen (was es nicht alles gibt) wird mit ihm an der Seite ein plausibler Teil des Arbeitslebens. Was muss, das muss. Im Rahmen der Krimihandlung gleichwohl ein merkwürdiger Schlenker. Natürlich soll es nicht so offensichtlich sein, wie es längst ist.

„Tatort: Das kalte Haus“, Pfingstmontag, ARD, 20.15 Uhr.

Die Technik im kalten Haus wird per Sprache gesteuert, auch das führt zu erfrischenden Situationen und trägt zur abwechslungsreichen Musik bei. Kriminalistisch ist es dann von einiger Relevanz. Wie einem Menschen muss man auch einer KI die richtige Frage stellen. (Judith von Sternburg)

Dabei kommt nicht jeder Tatort bei den Zuschauern an. Der dritte Fall der Bremer Ermittlerinnen Jasna Fritzi Bauer und Luise Wolfram stieß auf etwas weniger Interesse.

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