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Dreitausend Jahre gute Gebete

Das Leben lässt sich nicht richten: "Mr. Shi und der Gesang der Zikaden" ist Wayne Wangs bester Film seit langem

Von HEIKE KÜHN

Wie reizend ihr Vater sei, bekommt die 35-jährige Yilan von begeisterten Damen zu hören, als sie ihn am Flughafen abholt. Ob er in China wirklich Raketen gebaut habe? Yilan lebt lange genug in Amerika, um die Fremden mit einem Lächeln loszuwerden. Ihren Vater, den verwitweten Mr. Shi, muss sie notgedrungen mitnehmen.

In einem Städtchen im Staat Washington hat Yilan ihr Auskommen und ein Appartement gefunden, das sich in nichts von anderen unterscheidet. Bis ihr Vater einen chinesischen Glücksbringer an die Tür hängt. Für Yilan, die ihre Herkunft in der westlichen Ausstattung ihrer Eigentumswohnung und der angestrengten Korrektheit ihres Englisch verdrängt, ist der rotglitzernde Flederwisch eine Anfechtung. Wortlos entfernt sie den Glücksbringer, wortlos hängt ihn der schmächtige Mr. Shi wieder hin.

"Mr. Shi und der Gesang der Zikaden", seit langem Wayne Wangs bester Film, ist eine zu Herzen gehende Studie familiärer Sprachmuster, die zugleich ver- und bedrängen. Der alte Herr hat den langen Weg auf sich genommen, um der geschiedenen Yilan beizustehen und ihr Leben nach dem Muster seiner Vorfahren neu zu ordnen. Zunächst widmet sich Mr. Shi Yilans wild zusammengewürfelten Matrjoschka-Püppchen. Die Oberkörper der Holzfrauen mit den passenden unteren Hälften zu verschrauben ist einfacher, als die aus seiner Sicht verquere Tochter gerade zu rücken.

Wie chinesisches Porzellan

Allein gelassen von seiner auf Umerziehungsversuche kühl reagierenden Tochter, setzt sich Mr. Shi auf eine Parkbank und lernt eine rüstige iranische Dame kennen. Madame, wie er sie nennt, ist des Englischen so wenig mächtig wie Mr. Shi. Ihre Gespräche über verlorene Lieben, entgleitende Kinder und die unbarmherzig ablaufende Zeit, haben buchstäblich Hand und Fuß. Bisweilen fallen sie ins Mandarin oder Persische und verstehen sich prächtig. Nach chinesischem Glauben brauche es tausend Jahre guter Gebete, erklärt der besorgte Mr. Shi der wundersam mitfühlenden Madame, gemeinsam in einem Boot über den Fluss zu setzen. Dreitausend Jahre guter Gebete seien nötig, um Mann und Frau in der Ehe zu vereinen.

Der großartige Henry O. spielt Mr. Shi und macht seine Verletzungen transparent, durchscheinend wie chinesisches Porzellan bis auf den Grund einer grausam gekränkten Seele. Als Vater und Tochter sich endlich aussprechen, wird Mr. Shis vermeintlicher Verrat an seiner Frau als Intrige der Kulturrevolution sichtbar und Yilans Scheidung als Akt einer Emanzipation, die gleichzeitig frei und einsam macht. Auf Mandarin gebe es keinen Ausdruck für Gefühle, sagt die Tochter, erst das Englische habe sie von der asiatischen Förmlichkeit befreit. Für ihre Affäre mit einem verheirateten Russen fehlen indessen etliche Jahre traditioneller Gebete.

Das Leben lässt sich nicht richten, sagt Wayne Wang mit schöner Bescheidenheit, aber die Möglichkeit, sich zu verstehen, ist eine (Film)Sprache für sich.

Mr. Shi und der Gesang der Zikaden, Regie: Wayne Wang, USA / J 2007, 83 Minuten.

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