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„Drei Winter“ im Kino: Raum für das Erhabene

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Von: Daniel Kothenschulte

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Szenen aus einem bäuerlichen Leben: Simon Wisler als Marco in „Drei Winter“.
Szenen aus einem bäuerlichen Leben: Simon Wisler als Marco in „Drei Winter“. © dpa

Der Schweizer Michael Koch hat in seinem berührenden Alpendrama „Drei Winter“ den Bergfilm neu entdeckt

Es gehört zu den prägenden Widersprüchen der deutschsprachigen Filmgeschichte, dass ihre einzigen originären Genres auch seine umstrittensten sind – der Bergfilm und der Heimatfilm. Doch wenn man nur weit genug hinaufsteigt in die alpinen Panoramen und das Sentiment gar nicht erst in den Rucksack packt, kann man dort noch immer Erstaunliches freisetzen.

Auf der vergangenen Berlinale war „Drii Winter“, der eine Besondere Erwähnung erhielt, einer der besten Wettbewerbsfilme. Für den Schweizer Filmemacher Michael Koch, der an der Kölner Kunsthochschule für Medien studierte, ist es erst der zweite Spielfilm, doch schon die ersten Bilder verraten eine seltene Stilsicherheit.

In gewagten Harmonien

Urtümliche Felsbrocken füllen das klassische 4:3-Format mit einer surrealen Wucht wie in einem John-Ford-Western die Steinberge des Monument Valley. Doch wo der US-amerikanische Meister den harmonischen Country-Satzgesang der „Sons of the Pioneers“ nur unterlegte, stellt Koch gleich den vollzähligen Chor Luzern ins Gebirge. Angetreten in festlicher Tracht, leistet der ganz ähnliches mit Liedern aus düsterster Volksseele: wie in einer griechischen Tragödie melden sich die Sängerinnen und Sänger zwischen den Kapiteln zu Wort und stimmen uns in gewagten Harmonien ein auf das Kommende.

Mit wenigen Strichen skizziert Koch die Liebesgeschichte eines jungen Paares, das in einem kleinen Dorf sein Glück gefunden hat. Mit den missgünstigen Augen der Dorfgemeinschaft betrachtet, scheint der grobschlächtig aussehende, aber zärtliche Mann keine gute Wahl für die attraktive junge Frau, eine alleinstehende Mutter, die in der Dorfgaststätte kellnert und Post austrägt.

Michèle Brand und Simon Wisler sind in diesen Rollen Naturtalente im wahrsten Sinne, ihr natürliches Spiel ist maßgeblich für den puristischen Stil des Films und seine einfache Geschichte über eine von Angst bedrohte Unschuld.

Man denkt unwillkürlich an Terrence Malick in der Art, wie hier die Landschaftsinszenierung emotionale Räume schafft, doch Michael Koch ist kein schwelgerischer Ästhet wie der amerikanische Kollege, eher ein sinnlicher Asket wie das verstorbene Filmemacherpaar Straub-Huillet. In der konzentrierten Arbeit mit den Nicht-Profis vor der Kamera bremst er zugleich die Romantik.

Armin Dieroffs Kameraarbeit komponiert ein Filmformat, das nicht wie heute fast alles nach Breite streben lässt, sondern nach oben Raum lässt für das Erhabene. Formbewusst und dennoch unaufdringlich; langsam entfaltet sich darin das Drama: Ein Tumor hat sich beim jungen Mann im Gehirn an jener Stelle eingenistet, wo die Impulskontrolle steckt. Die unvermeidliche Persönlichkeitsveränderung verkehrt die gerade noch positiven Vorzeichen der Liebesbeziehung in ihr Gegenteil.

Der ideale Schnitt

Ausgerechnet im Rahmen eines Alpendramas erfindet Michael Koch das Kino förmlich neu mit klassischen Elementen, die er entstaubt und einbringt, als hätte man sie noch nie zuvor benutzt. Auch die beachtliche Laufzeit des Films von 136 Minuten verschleppt hier nichts, sie wirkt wie der ideale Schnitt. Breiten Raum nehmen semidokumentarische Aufnahmen der bäuerlichen Arbeit ein, darunter staunenswerte Bilder wie beispielsweise der Transport von Heuballen über eine Seilwinde.

Es ist eine Inszenierung, die gleichermaßen zurückgenommen ist wie überwältigend, offen ist für Improvisation und doch nichts dem Zufall überlässt. Wenn das Vertraute zugleich archaisch und fremd erscheint, hat das auch mit einer im Kino selten gehörten Sprache zu tun: Bis auf eine Nebenrolle sprechen alle Figuren in diesem Drama Schweizerdeutsch. Er ist mehr als ein Bergkristall von einem Film, ein seltenes Juwel, das man auf der Leinwand sehen muss.

Drei Winter. Regie: Michael Koch. Deutschland/Schweiz 2022.

136 Minuten.

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